Altersarmut wächst

Bayerns Renten im Sinkflug

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Immer mehr Bayern rutschen in die Altersarmut, weil die Renten weniger wert sind.

München - Die Neurenten für Männer sind 2012 in Bayern mit 941 Euro unter die 1000-Euro-Grenze gerutscht. Frauen erhielten beim Renteneintritt 2012 sogar nur noch 516 Euro. Der Sozialverband VdK fordert ein Umdenken.

Der Sozialverband VdK hat jetzt energischen Widerstand gegen die Rentenpolitik der Bundesregierung angekündigt. Seine Präsidentin Ulrike Mascher: „Schon die Generation 50 plus hat Angst, im Alter in Armut abzurutschen. Die Ungerechtigkeiten der Rentenformel wurden nicht angepackt. Die Rentner mussten sich auch in den letzten vier Jahren mit Minirentenerhöhungen und Neurenten im freien Fall zufriedengeben“.

Altersrente: Zahlbeträge in Bayern (VERGRÖßERUNG).

Rund 2,4 Millionen Menschen in Bayern sind über 65 Jahre alt. „Mit diesen potenziellen Wählerinnen und Wählern sollte man es sich nicht verscherzen“, warnte Mascher. Die Neurenten für Männer sind 2012 in Bayern mit 941 Euro unter die 1000-Euro-Grenze gerutscht. Frauen erhielten beim Renteneintritt 2012 sogar nur noch 516 Euro. Wobei es erhebliche regionale Unterschiede gibt (siehe Tabelle). Männer, die vor 2011 aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, erhalten noch 1012 Euro pro Monat, Frauen 521 Euro. Die Mini-Rentenerhöhung von 0,25 Prozent schürt die Enttäuschung über die Regierenden gewaltig an, fasste Mascher die Stimmung an der VdK-Basis zusammen. Der VdK fordert eine Rückkehr zum Prinzip der dynamischen Rente: „Wenn die Löhne um drei Prozent steigen, müssen auch die Renten um drei Prozent steigen.“ Ohne die Dämpfungsfaktoren hätte ein Rentner mit 500 Euro im Monat 507,50 statt 501,25 Euro bekommen. Wer 1500 Euro bezieht, hätte statt 1503,75 genau 1522,50 Euro bekommen.

Durch die Minusrunden wächst auch die Altersarmut: Ein Indiz dafür ist die Entwicklung der Grundsicherungszahlen. 61 393 Personen erhielten nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Bayern 2012 Grundsicherung im Alter. Zusammen mit den Beziehern von Grundsicherung bei Erwerbsminderung ergibt sich eine Gesamtzahl von 106 008 Menschen. Gegenüber 2011 ist die Gruppe der Grundsicherungsbezieher um 7,6 Prozent gestiegen. Unter den Beziehern von Grundsicherungsleistungen stellen Frauen ab 65 die größte Gruppe.

Mascher drohte: „Mit unseren 625 000 Mitgliedern hat der VdK hier in Bayern ein großes Gewicht, und wir werden dieses Gewicht weiterhin einsetzen, falls sich in der Sozialpolitik einer neuen Bundesregierung nicht wirklich etwas Grundlegendes verändert."

VdK: Mehr Geld für die Mütter im Alter

Eine der Kernforderungen des VdK ist weiterhin die Gleichstellung der Mütter in der Rentenversicherung. Ulrike Mascher: „Und zwar egal, ob Kinder vor oder nach 1992 geboren wurden und ob diese Mütter bereits in Rente sind oder nicht. Etwa eine Million Frauen in Bayern, die vor 1992 ein Kind zur Welt gebracht haben, sind benachteiligt. Bei ihnen wird pro Kind nur ein Rentenjahr als Kindererziehungszeit angerechnet, bei Geburten nach 1999 sind es drei Jahre pro Kind“.

Ulrike Mascher ist gegen Ungerechtigkeit.

So erhält eine Frau mit vier Kindern 418 Euro Durchschnittsrente, bei einer Höherbewertung 643 Euro (siehe auch rechts). Der Vdk verlangt deshalb die gleiche Anrechnungszeit für Kinder, also dreiJahre für alle Mütter. Mascher: „Mütter erster und zweiter Klasse darf es nicht länger geben!“ Die Umsetzung muss ab 2014 erfolgen. Ältere Mütter haben, so die VdK-Chefin, schon lange genug auf Gerechtigkeit gewartet. Die Finanzierung sollte vollständig aus Steuermitteln geschehen. Eine Finanzierung aus den Rücklagen der Rentenversicherung, wie aus CDU-Kreisen vorgeschlagen, würde letztlich zu einer Beitragserhöhung führen, und wird deshalb vom VdK abgelehnt.

Insgesamt gibt sich der VdK kämpferisch. Landesgeschäftsführer Michael Pausder: „Unsere Mitglieder verlieren die Geduld. Sie sind kämpferischer als noch vor zehn Jahren“. Bei mehreren Großveranstaltungen mit Politikern im Freistaat in den vergangenen Wochen bekamen die Volksvertreter die Politiker-Verdrossenheit der Bürger zu spüren.“ Vor zehn Jahren spottete der Spiegel über den VdK als „Opa-Apos“. Pausder: „Damals war das sicher übertrieben. Heute trifft das durchaus zu. Die Mitglieder sind kritischer geworden.“

„Sind wir weniger wert?“

Sieglinde Huber aus Markt Indersdorf bei Dachau hat zwei Kinder großgezogen und als Kinderkrankenschwester ihr Leben lang hart gearbeitet. Seit vier Jahren bezieht die 64-Jährige Rente. Oder ist es mehr ein Almosen? „Ich bekomme im Monat 860 Euro Altersrente und 192 Euro Betriebsrente. Das langt kaum zum Leben“, sagt sie. Jede Reparatur reißt ein tiefes Loch in ihren Geldbeutel. Nach einem arbeitsreichen Leben hätte sie mehr erwartet.

Ohnedies spart sie, wo sie nur kann, kauft nur beim Discounter ein. Restaurantbesuche gibt es nur ganz selten. „Und dann nehme ich das billigste Gericht.“ Urlaub ist ebenfalls nicht mehr drin. „Den letzten habe ich mir zum 60. Geburtstag zusammengespart.“ Eine Woche Griechenland mit einer Freundin in einer günstigen Ferienwohnung auf Selbstversorgerbasis.

Was die Frau verbittert, ist neben dem ständigen Kaufkraftverlust bei der Rente die Zwei-Klassengesellschaft bei der Anrechnung der Kindererziehungszeiten. Mütter, die nach 1992 Kinder zur Welt gebracht haben, erhalten pro Kind drei Rentenjahre angerechnet. Bei Frauen wie Sieglinde Huber, die ihre Kinder vorher zur Welt gebracht haben, wird nur ein Jahr anerkannt. Huber: „Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Sind wir denn weniger Wert?“

Die 64-Jährige hat zusammen mit dem VdK mal ausgerechnet, wie viel Geld sie mehr bekäme, wenn auch sie von der neuen Regel profitieren könnte: „Das würde rund 200 Euro im Monat ausmachen und das Leben deutlich erleichtern.“

K. H. Dix

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