Bevölkerung misstraut Top-Konzernen

Stuttgart - Jobs schaffen und den Standort Deutschland voranbringen - das trauen die Menschen den großen Unternehmen schon zu. Doch in anderen Punkten sind sie eher skeptisch.

Was sollte die wichtigste Aufgabe für ein Unternehmen sein? Jobs schaffen und erhalten, sagen die Menschen in Deutschland und sind sich ziemlich einig, dass Arbeitsplätze vor allem bei Volkswagen, Siemens und Daimler in guten Händen sind. An zweiter Stelle der dringlichsten Aufgaben steht der Umweltschutz - doch da will den Bürgern so recht kein Konzern mit Vorbildfunktion einfallen.

Das deckt eine repräsentative Umfrage der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Ernst & Young (E&Y) auf, die der Nachrichtenagentur dpa am Montag vorlag. Ihr Ergebnis ist bemerkenswert angesichts der Anstrengungen, die deutsche Konzerne zunehmend in das Gebiet gesellschaftlicher Verantwortung (“Corporate Social Responsibility“, CSR) stecken.

Die “weichen“ Faktoren auf Gebieten wie Umweltschutz, Moral und Anstand im Geschäftsleben oder Frauenförderung scheinen die Menschen entweder nicht genügend zu registrieren - oder sie nehmen den Firmen deren angeblichen Anstrengungen gar nicht erst ab. Beides ist problematisch, denn Wirtschaftskraft und glänzende Geschäftszahlen alleine reichen im Wettbewerb heute nicht mehr aus.

So schreibt etwa Volkswagen in seinem aktuellen Geschäftsbericht: “Die Empfehlungen und Entscheidungen der Finanzmarktteilnehmer basieren nicht nur auf den ökonomischen Kennzahlen, sondern zunehmend auch auf Auskünften der Unternehmen über ihr Nachhaltigkeitsprofil.“ Soll heißen: Für Aktionäre macht inzwischen auch der Ton die Musik. VW attestiert weiter: “Ein umfassendes Engagement im Interesse der Nachhaltigkeit betrachten Analysten und Investoren heute als Indikator für eine zukunftsorientierte Unternehmensführung.“

Das sehen die Beratungsexperten der Branche genauso. Mark Smith, Partner bei Ernst & Young, sagt: “Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass ihre Leistungsfähigkeit nicht länger nur anhand von Gewinn- und Umsatzzahlen gemessen wird.“ Mittlerweile sei es ebenso wichtig, “dass die Unternehmen einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten, dass sie sich für den Umweltschutz einsetzen und vor allem wirksame Maßnahmen gegen Korruption ergreifen“.

Doch die Bemühungen auf diesen Feldern dringen nicht zum Bürger durch. Die Umfrageergebnisse dürften für viele Marketingabteilungen ein Dämpfer sein: So sagen zwar locker zwei von drei Befragten (68 Prozent), dass ihnen Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei Unternehmen sehr wichtig sind. Damit rangiert das Thema auf Platz zwei hinter der Beschäftigungsentwicklung (73 Prozent) und vor der Innovation (62 Prozent). Doch gut jedem Dritten (34 Prozent) fällt gar kein Konzern ein, der sich um die Umwelt verdient gemacht hätte. Mit einem relativ geringen Wert (10 Prozent der Antworten) gewinnt VW diese Kategorie, gefolgt von Eon (8 Prozent) und Siemens (7 Prozent).

Diesen Marken vertrauen die Deutschen

Zum neunten mal hat "Readers Digest" in 16 europäischen Ländern ermittelt, welche Marken in den Augen des Verbauchers besonders vertrauenswürdig sind. In der Kategorie "Einzelhandel" hatte in Deutschland der Discounter "Aldi" die Nase vorn. © dpa
Insgesamt haben 23 287 Verbraucher an der Studie "Reader's Digest European Trusted Brands 2009" teilgenommen. Die Deutschen Teilnehmer wählten die "Allianz" auf Platz eins unter den Versicherungen. © dpa
Alleine in Deutschland haben sich an dieser Studie über 7000 Menschen beteiligt. Sie schenken mehrheitlich der Marke "Aral" ihr Vertrauen im Bereich "Kraftstoffe". © dpa
Bei den Spirituosen hat die Marke "Asbach" in Deutschland die Nase vorn. © ap
Aspirin ist sozusagen der Gesamtsieger im Bereich der Schmerzmittel. In Österreich, Spanien, Schweiz und Deutschland wurde das Produkt aus dem Hause Bayer auf Platz eins gewählt. © dpa
Noch besser schnitt sogar die Firma "Canon" ab. Im Bereich Fotogeräte belegte diese Marke in 13 der 16 Länder Platz eins. Auch in Deutschland. © dpa
Ein beliebtes Frühstück: Müsli oder eben Cornflakes. Die absolute Vormachtstellung in Sachen Verbrauchervertrauen besitzt im Bereich der Frühstückscerealien die Marke "Kellog's". Platz eins in Deutschland und neun weiteren Ländern. © dpa
In Sachen Computer genießt "Fujitsu Siemens in Deutschland das meiste Vertrauen. In neun Ländern wurde allerdings die Marke "Hewlett Packard", bzw. "HP Compaq" gewählt. © dpa
Die deutsche Nummer eins im Bereich Bekleidung: C&A. © dpa
Bei Erkältungen verlassen sich die Deutschen längst nicht nur auf Hausmittel. Arzneimittel der Marke "Wick" liegen in Deutschland, Belgien und Frankreich im Bereich "Erkältungsmittel" auf Platz eins. © dpa
Die deutsche Nummer eins unter den Reinigungsmitteln: Produkte der Marke "Frosch". © Frosch
Die neue Nummer eins der "Internet Service Provider": Google beendet die jahrelange Vorherrschaft von AOL. © dpa
Im Bereich Haarpflege vertrauen die Deutschen der Marke "Schwarzkopf". Gesamtsieger ist aber "Pantene" (drei mal Platz eins). © dpa
Ob Lakritzschnecken oder Gummibärchen: Die deutsche Nummer eins bei den Süßigkeiten ist Haribo in der Verbrauchergunst. © dpa
Ob die Gurkenmaske alleine reicht? Viele verlassen sich lieber auf Kosmetika: In Deutschland vertraut man "Yves Rocher", gleich fünf Nationen wählen allerdings "Nivea" auf Platz eins. © dpa
Kreditkarten gibt es viele, doch die Vormachtstellung scheint in Europa klar definiert: Gleich in 14 Nationen, darunter auch Deutschland, sprachen die Verbraucher "VISA" ihr Vertrauen aus. © dpa
Ob es an dem Kochstudio aus der Werbung liegt? Im Bereich Lebensmittel hat "Maggi" in Deutschland die Nase vorn. © ap
Nicht nur Waschmaschinen fallen unter die Kategorie Küchengeräte. Die Firma "Miele" lag gleich in fünf Ländern vorne. Auch in Deutschland. © dpa
"Müllermilch" holte in Deutschland bei den Milchprodukten die Topplatzierung. © dpa
Der absolute Primus. "Nivea" aus dem Hause Beiersdorf liegt in der Kategorie Hautpflege in allen 16 Ländern vorne. Und das zum fünften mal in Folge. © dpa
Durch die Werksschließung in Bochum zwar in die Kritik geraten, doch noch immer die Nummer eins im Ansehen des Verbrauchers: Nokia gewinnt in der Kategorie Mobilfunkhersteller. Und das ebenfalls in allen 16 Ländern. © dpa
Die Kette "Obi" führt in Deutschland in der Kategorie Gartenbedarf. © dpa
Platz eins im Bereich der Mundpflege: "Odol". © dpa
Bei den Waschmitteln überzeugt die Marke "Persil" die Verbraucher in Deutschland, Österreich und England. Der Konkurrent "Ariel" gewann gleich in sechs europäischen Ländern. © dpa
Nach wie vor die Nummer eins der Deutschen in Sachen Sekt: Die Marke "Rotkäppchen". © dpa
Manche können gar nicht genug davon bekommen: Schuhe. Das größte Vertrauen unter den hiesigen verbrauchern genießen Treter der Marke "Rieker". © ap
In Sachen Finanzen müssen Banken derzeit um das Vertrauen ihrer Kunden besonders hart kämpfen. Die "Sparkassen" genießen derzeit die größte Gunst. © ap
"TUI" genießt in Deutschland und Österreich das meiste Vertrauen im Bereich der Reiseanbieter. © dpa
Der Mobilfunkanbieter "Vodafone" wurde in Deutschland und Rumänien auf Platz eins gewählt... © dpa
... Kurios: Der Anbieter "T-Mobile" liegt dafür in Tschechien vorne. © dpa
Vitamine kann man duch frisches Obst zu sich nehmen, oder durch Tabletten. Im Breich der Vitamintabletten vertrauen die Konsumenten in Deutschland der Marke "Centrum". © ap
Bei den Automarken liegt häufig eine starke Marke aus dem eigenen Land vorne. "Volkswagen" belegte aber nicht nur in Deutschland die Spitzenposition, sondern auch in Österreich, Schweiz und Polen. © dpa

Zum Vergleich: Beim Thema Jobs wusste nur rund jeder Fünfte (22 Prozent) kein Vorbild. Jede vierte Antwort (24 Prozent) entfiel auf den VW-Konzern, was den Wolfsburgern den Spitzenplatz sicherte - vor Siemens (14 Prozent) und Daimler (10 Prozent).

Noch schlechter schneiden die großen Unternehmen bei den Themen sozialer Einsatz und Frauenförderung ab - kein Firmenname kommt auf zweistellige Werte. Bei der Frauenförderung weiß sogar die Hälfte der Befragten keine vorzeigbare Firma. Die Telekom führt diese Kategorie an - Chef René Obermann hatte jüngst eine Frauenquote angekündigt. Außerdem werden mit Claudia Nemat und Marion Schick künftig auch zwei Frauen im Vorstand sitzen.

Daimler holte bereits im Februar die Ex-Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt in die oberste Führungsriege. Sie soll Korruption bekämpfen. Doch der Autobauer landet in Sachen Frauenförderung nur auf Rang 10, bei der Korruptionsbekämpfung auf Platz 5.

Beim Thema ethisch korrektes Handeln waren die Befragten am ahnungslosesten: Obwohl 57 Prozent diese Kategorie für relevant halten, wussten zwei Drittel (64 Prozent) kein Unternehmen zu loben. Der Rest nannte am häufigsten Siemens, VW und die Telekom - und damit ausgerechnet diejenigen, die in jüngerer Zeit mit Skandalen von sich reden gemacht hatten. Ernst-&-Young-Fachmann Smith sagt dazu: “Offenbar ist es diesen Unternehmen dank sauberer Aufarbeitung gelungen, bei den Bürgern zu punkten und sich sogar positiv zu positionieren.“

Unter dem Strich führen Volkswagen, Siemens und Daimler die Beliebtheitsskala an. Aber auch steter Tropfen scheint den Stein zu höhlen: Die Biermarke Krombacher etwa - sonst unter ferner liefen - belegt beim Umweltschutz Platz sechs. Der Bierhersteller wirbt seit Jahren nicht nur als Fußball- und “Tatort“-Sponsor, sondern auch mit Klimaschutzprojekten, die etwa Moderator Günther Jauch unterstützte.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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