Blackout-Gefahr: Stresstest für Stromnetz

Berlin - Die Nachricht überrascht wenig: Beim Netzausbau gibt es Verzögerungen von bis zu vier Jahren. Dennoch Brisant: Der Winter naht und damit kommt es für das Netz zur Bewährungsprobe.

Jürgen Großmann gilt nicht nur als einer der schillerndsten deutschen Energiemanager - der RWE-Chef führt auch die Front der Blackout-Warner an. Mit Blick auf die Entscheidung zum Atomausstieg bis zum Jahr 2022 sagte er, schon ein kurzer Ausfall koste eine Milliarde Euro. Dann warnte Großmann vor Aktionären: “Um einen bundesdeutschen Blackout zu vermeiden, kann es notwendig sein, einzelne Regionen in Süddeutschland - etwa in der Größe des Großraum Stuttgart - dunkel zu schalten“. Großmann zweifelt, ob das deutsche Netz fit genug ist, um einen abrupten Atomausstieg abzufedern.

Ein am Freitag veröffentlichter Bericht der Bundesnetzagentur gibt solchen Mahnern Aufwind, gerade der Winter mit hohen Belastungen wird zum Stresstest für das Netz. Das größte Problem ist das Tempo beim Bau neuer Stromautobahnen, die den Strom über das bisher rund 35 000 Kilometer langes Höchstspannungsnetz zu den Leitungen der unteren Spannungsebenen bringen, die vergleichbar sind mit Land- und Gemeindestraßen. Von dort kommt der Strom zum Verbraucher. Da aber in dünn besiedelten Regionen mit wenigen Hochleistungsnetzen immer mehr Wind- und Solarparks entstehen, fehlen Netze zum Transport.

Zudem wurden gleich acht Atommeiler stillgelegt. Gerade die AKW, die über eine umfassende Netzanbindung verfügen, stabilisierten das Netz, das zudem mit der schwankenden Ökostromproduktion zu kämpfen hat. Daher mussten zuletzt immer häufiger Windparks zwangsweise abgeschaltet werden. 2010 gingen bis zu 150 Millionen Kilowattstunden Strom dadurch verloren. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will durch eine Bündelung der Planungen den Netzbau stark beschleunigen.

Im August 2009 waren im Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) 24 besonders wichtige Neubauprojekte identifiziert worden. Doch der Zeitverzug beträgt bis zu vier Jahre. Erst 214 von 1807 Kilometern sind bei den 24 Projekten in die Landschaft gebaut worden. Da ist zum Beispiel die Trasse Kassø (Dänemark) - Hamburg/Nord - Dollern, die zum Windstrom-Transport von der Küste wichtig ist. Von 187 Kilometern ist noch keiner gebaut, die Planungsphase noch nicht abgeschlossen.

Die 68,2 Kilometer lange Trasse Hamburg/Krümmel - Schwerin endet an der Grenze von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, weil in Schleswig-Holstein Planungen stocken. Besonders wichtig, um den Atomstrommangel im Süden durch mehr Windstrom aus Ostdeutschland zu kompensieren, ist die Trasse Lauchstädt - Redwitz über den Thüringer Rennsteig, hier sind nur 76 von 200 Kilometern gebaut. Auch eine Fortführung der Trasse in das bayerische Grafenrheinfeld ist erst in der Planung. Dort gibt es wegen des AKW, das 2015 stillgelegt werden soll, eine gute Anbindung zum Weitertransport von hohen Strommengen.

Der Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, Martin Fuchs, warnte zudem gerade in einem Brandbrief an die Bundesregierung, dass der Stromanschluss für Windparks in der Nordsee derzeit “an fehlenden finanziellen, personellen und materiellen Ressourcen aller Beteiligten“ scheitere. Der Bericht der Netzagentur mahnt zu mehr Geschwindigkeit, aber zugleich hat die Bonner Behörde stets betont, dass die Situation noch beherrschbar sei. Auch die Energieexpertin der Grünen, Ingrid Nestle, warnt vor Panikmache. “Es werden unnötig Ängste geschürt, um die Energiewende zu torpedieren“, sagt sie.

Allein die Netzkosten könnten im kommenden Jahr unter anderem wegen Ausnahmen für die Industrie und nötiger Ausbauinvestitionen die Strompreise um 25 bis 40 Euro steigen lassen. Im laufenden Jahr waren die Netzentgelte beim Haushaltsstrompreis, der im Schnitt 25,45 Cent pro Kilowattstunde (kWh) betrug, aber noch leicht auf 5,75 Cent je kWh gesunken. Interessant: Immer mehr Verbraucher entdecken bei zu hohen Strompreisen die Waffe des Wechsels: Im letzten Jahr wechselten drei Millionen Stromkunden ihren Anbieter, das ist Rekord.

Angesichts der erwarteten Mehrkosten, stellt sich die Frage, ob es überhaupt so viele neue Stromautobahnen braucht? Energieexperten halten die immer wieder ins Feld geführten Schätzungen der Deutschen Energie-Agentur von 4450 Kilometer innerhalb von zehn Jahren für übertrieben. Es könnte auch mit weniger gehen, wenn mehr Windräder im Süden aufgestellt werden. Mit einer besseren Steuerung der Lasten und der Verstärkung bestehender Trassen mit leistungsfähigeren Seilen könnte der Ausbaubedarf ebenfalls gemindert werden.

Und, darauf verweist der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), das Problem sind oft weniger die Stromautobahnen, sondern die fehlenden Verteilnetze auf regionaler Ebene, die den Großteil des Stromnetzes ausmachen. Der VKU schätzt den Investitionsbedarf dort auf bis zu 25 Milliarden Euro bis 2030. Mehr als drei Viertel der Wind, Solar- oder Biomasseanlagen seien an das Verteilnetz angeschlossen. “Autobahnen funktionieren nur dann gut, wenn sie entsprechend gute Auf- und Abfahrten und zuverlässige Bundes- und Kreisstraßen haben“, betont VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck.

dpa

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