tz-Interview

Börsen-Experte Lehmann erklärt Fallstricke der Zinspolitik

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München - Die tz hat mit dem Börsen-Experten Frank Lehmann über mögliche Folgen von Zentralbank-Entscheidungen dies- und jenseits des Atlantiks und die Fallstricke der Zinspolitik gesprochen.

Börsen-Experte Frank Lehmann

Noch im Juni hatte Janet Yellen, die Direktorin der US-Notenbank Federal Reserve (FED), versichert, die Niedrigzinsphase werde noch eine Weile anhalten. Erst Mitte 2015 sei eine leichte Anhebung des Leitzinses, derzeit auf einem Rekord-Tiefstand von 0,25 Prozent, zu erwarten. In den letzten Tagen hat sich die Debatte um eine Vorziehung dieses Schrittes verschärft. Einige Mitglieder des für die Geldpolitik zuständigen Offenmarktausschusses sprechen sich dafür aus, wie aus einem jetzt veröffentlichten Protokoll hervorgeht. Der Arbeitsmarkt habe sich erholt, so das Argument. Andere Teilnehmer warnten dagegen vor verborgenen Schwächen der offiziellen Zahlen. Die tz sprach mit dem Börsen-Experten Frank Lehmann über mögliche Folgen von Zentralbank-Entscheidungen dies- und jenseits des Atlantiks und die Fallstricke der Zinspolitik.

Welche Auswirkungen hätte eine Erhöhung des Leitzinses in den USA, früher als bisher vorgesehen, auf Europa?

Frank Lehmann, Börsenexperte: Man kann jetzt schon beobachten, dass der Eurokurs gegenüber dem US-Dollar schwächer wird. Die Investoren haben erkannt, dass sich, was höhere Zinsen angeht, in den USA schneller etwas tut als in Europa. Also schichten sie ihre Anlagen in den Dollar – in der Hoffnung, dass sie, wenn er weiter steigt, Gewinne einstreichen können.

Die US-Wirtschaft scheint auf einem guten Weg zu sein, wie sieht es in Europa aus?

Lehmann: Nicht so gut, wenn man die gesamte Eurozone betrachtet. Deshalb werden die USA früher als die Europäer die Zinsen erhöhen. Auch wir als bisherige Konjunktur-Lokomotive kommen jetzt ins Stocken. Die explosive geopolitische Lage mit Naher Osten, Ukraine und Russland zeigt Auswirkungen. Investoren halten sich zurück, warten ab. Für uns als Exportnation ist das Gift. Unsere Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal zum ersten Mal seit Langem zurückgegangen. Ein Schuss vor den Bug!

Was bedeutet ein fallender Eurokurs aus Perspektive der EZB?

Lehmann: Die Europäische Zentralbank hat gesagt: Der Eurokurs soll nicht weiter zu Lasten der Exportindustrie steigen. Wenn er jetzt sogar sinkt, wäre das für die Exportwirtschaft in der Eurozone von großem Vorteil.

Der Export außerhalb der Eurozone würde durch einen billigeren Euro angekurbelt?

Lehmann: Ja, das ist das Ziel. Wenn mehr exportiert wird, erholt sich – hoffentlich – die Konjunktur auch in den schwächelnden Eurostaaten. Arbeitsplätze würden geschaffen, Investitionen getätigt. Sobald dieses Karussell stärker in Bewegung kommt und auch die südlichen Länder mitziehen, könnte die EZB die Zinsen erhöhen – mit der Folge, dass die Inflationsrate steigt.

Warum ist eine höhere Inflationsrate so wichtig?

Lehmann: Das verstehen viele Leute nicht. Sie sagen, ist doch toll, dass wir keine Inflation haben. Die EZB aber sagt, auch über eine maßvolle Inflation kann der gigantische Schuldenberg abgebaut werden, den wir in Europa haben.

Die Preise würden auch bei uns steigen?

Lehmann: Ja. Das Ziel der Zentralbank sind zwei Prozent. Dann, sagt sie, haben wir immer noch Preisstabilität.

Welche Gefahren gibt es bei der derzeitigen Zinspolitik? 

Lehmann: Sie ist ein Drahtseilakt, für den es keine Erfahrungswerte gibt. Noch nie haben die Zentralbanken so viel Macht für sich reklamiert, um die Märkte zu stabilisieren. Sie haben es ja in der Tat auch geschafft, Ruhe reinzubringen.Die Hauptgefahr ist, dass die Notenbanken zu lange das Doping des billiges Geld verabreichen und dann von einer richtigen Tsunami-Welle an Inflation überrollt werden. Preisübertreibungen sehen wir ja jetzt schon bei den Immobilienpreisen, vor allem in München, und auch bei den Aktienmärkten.

Wie müssen sie vorgehen?

Lehmann: Im Moment wird die FED die Zinsen noch nicht erhöhen, das würde die Märkte heftig durcheinanderwirbeln. Man muss die Investoren psychologisch vorbereiten, und das macht FED-Chefin Janet Yellen bisher sehr klug. Alle Zentralbanken müssen aufpassen, dass sie den Leitzins nicht zu schnell und heftig raufsetzen, sonst würgen sie die Konjunktur und auch die Aktienmärkte, wo viele Investoren das billige Geld angelegt haben, gleich wieder ab. Dann gäbe es sogar einen massiven Kursabsturz.

Bisher ist noch nichts aus dem Ruder gelaufen?

Lehmann: Nein, noch hält das Gerüst. Aber es gibt schon Stimmen, die sagen, die Aktienmärkte sind nur wegen des vielen billigen Geldes so heiß gelaufen – wir hatten den Dax ja schon bei 10 000 Punkten. Das habe mit der Gewinnentwicklung der Unternehmen nichts mehr zu tun. Der DAX sollte sie abbilden und widerspiegeln. Dann ist das Börsenleben gesund, wie man das so schön sagt. Also: An den Mahnungen vieler Experten ist was dran. Es bleibt spannend und für den Anleger wenig trostreich: Er muss sich weiter mit den extrem niedrigen Zinsen fürs Sparbuch, Festgeld oder Tagesgeld abfinden.

Interview: Barbara Wimmer

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