Das Beben unter den Bossen

Chef-Wechsel bei BMW: Das steckt dahinter

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Was bedeutet das große Stühlerücken für BMW?

München - Was für ein Paukenschlag! Der Abgang von BMW-Chef Norbert Reithofer ist der Höhepunkt des großen Stühlerückens in der Automobilindustrie. Die tz erklärt, was das für den Autobauer heißt:

BMW-Chef Norbert Reithofer (58) hört im kommenden Mai auf und wechselt in den Aufsichtsrat des Konzerns – außerdem zieht er in den Aufsichtsrat von Siemens ein. Nachfolger an der BMW-Spitze wird Harald Krüger (49). Zeitgleich wurde bekannt, dass BMW Entwicklungs-Chef Herbert Diess (56) an Volkswagen verliert. VW hatte bereits im Frühjahr Daimler-Vorstand Andreas Renschler (56) geholt.

Wie überraschend kommt der Wechsel an der BMW-Spitze? 

BMW-Chef Norbert Reithofer (58) hört im kommenden Mai auf.

Auto-Papst Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Essen-Duisburg, fasst es im Gespräch mit der tz so zusammen: „Der Wechsel kommt überraschend und trotzdem nicht überraschend.“ Das hört sich komplizierter an, als es ist. Mit einem Rückzug Reithofers zu diesem Zeitpunkt hatte kein Experte gerechnet. Schließlich hatte der BMW-Chef hervorragende Arbeit geleistet und den Konzern von Rekord zu Rekord geführt. „Reithofer geht also im besten Jahr der Konzerngeschichte“, erklärt Dudenhöffer. Allerdings ist Reithofer bereits 58 Jahre alt – bei BMW gilt das Alter von 60 Jahren als Höchstgrenze für einen Vorstandsjob.

Warum geht Reithofer schon früher? 

BMW-Aufsichtsratschef Joachim Milberg: „Die Automobilindustrie befindet sich weiter im Umbruch. Wer die Mobilität von morgen mitgestalten will, muss immer wieder aufs Neue überzeugende Antworten auf künftige Herausforderungen entwickeln. Dazu ist es notwendig, die Verantwortung für die Weiterentwicklung des Unternehmens rechtzeitig an nachfolgende Generationen zu übergeben.“ Der neue BMW-Chef Harald Krüger ist mit seinen 49 Jahren immerhin knapp zehn Jahre jünger als Reithofer. Branchenkenner Dudenhöffer lobt: „Das ist ein Musterbeispiel für einen geordneten Übergang.“ Der Zeitpunkt sei überraschend, aber gut durchdacht: „Dadurch, dass man vor Weihnachten aktiv geworden ist, schafft man Ruhe für das Jahr 2015. Andernfalls wäre im kommenden Jahr immer wieder über Reithofers Nachfolge diskutiert worden. Das bringt nur Unruhe – bei Mitarbeitern, Kunden und Zulieferen“, sagt Dudenhöffer.

Welche Rolle spielt Reithofers Engagement bei Siemens?

Reithofer soll im Januar in den Siemens-Aufsichtsrat gewählt werden – das hatte bereits im November für Spekulationen um seine Nachfolge gesorgt. Laut BMW bestetht aber kein Zusammenhang zwischen beiden Entscheidungen.

Wird sich bei BMW viel ändern? 

Eher nicht. Der neue Chef Krüger hat beinahe sein gesamtes bisheriges Berufsleben im Konzern verbracht. Und Reithofer verschwindet nach seinem Ausscheiden nicht aus dem Vorstand, vielmehr soll er im Mai zum Chef des Aufsichtsrats gekürt werden. „Die Strategie geht also 1:1 weiter“, sagt Experte Dudenhöffer zur tz.

Wieso wechselt zeitgleich BMW-Entwicklungschef Herbert Diess zu Volkswagen?

Während in München der jüngere Krüger den Vorzug als Reithofer-Erbe bekam, soll Diess vom nächsten Oktober an die zentrale, aber renditeschwache VW-Marke um Golf und Passat auf Vordermann bringen. Bisher hatte VW-Chef Martin Winterkorn das selbst erledigen wollen. „Aber Winterkorn hat kein Konzept und ist innerhalb des Konzerns blockiert“, so Dudenhöffer. Diess gilt als gefürchteter Preisdrücker, aber auch für ihn ist die Sanierung kein Selbstläufer. „VW wird nicht von Winterkorn oder Diess geleitet, sondern vom Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der hält bei möglichen Einsparungen das Stoppschild hoch. VW ist vermintes Gelände“, findet Dudenhöffer. Ein Problem für Diess: Er fängt erst im Oktober 2015 in Wolfsburg an. Bis dahin herrscht Stillstand bei der Kernmarke.

Könnte Diess auch Winterkorn-Nachfolger werden? 

Gelingt ihm die Sanierung, würde er wohl automatisch als möglicher Winterkorn-Nachfolger gehandelt. Allerdings hat Winterkorn erst im Frühjahr ein weiteres Schwergewicht nach Wolfsburg gelotst: Andreas Ren-schler. Der frühere Daimler-Manager hatte sich Hoffnungen gemacht, Daimler-Chef Dieter Zetsche zu beerben – nachdem dessen Vertrag aber noch mal verlängert worden war, ist er ebenfalls zu VW gewechselt. Neben Diess und Renschler gilt Audi-Chef Rupert Stadler als möglicher Winterkorn-Nachfolger. Winterkorn hatte jüngst über seinen 2016 endenden Vertrag gesagt: „Ich wäre dann 69, eigentlich alt genug, um aufzuhören.“

Krüger ist ein BMW-Gewächs

Der künftige BMW-Chef Harald Krüger.

Mit dem Wechsel von Harald Krüger an die Konzernspitze bleibt BMW seinem Ruf treu. Bisher war es den Münchnern immer gelungen, die Wechsel im Management möglichst geräuschlos über die Bühne zu bringen. Krüger steht dabei für Kontinuität: „Er ist Wirtschaftsingenieur und tickt daher kaum anders als Reithofer“, erklärt Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer der tz. Seit über 20 Jahren ist er bereits im Betrieb.

Krüger kennt die BMW-Werke rund um den Globus wie kaum ein anderer: Seit fast zwei Jahren ist der 49-Jährige als Produktionsvorstand zwischen dem Stammwerk in München und Auslandswerken wie Araquari in Brasilien oder dem US-Werk in Spartanburg unterwegs.

Dudenhöffer ist voll des Lobes für Krüger: „Wenige Vorstandschefs strahlen so viele Nähe und Sympathie aus wie er. Trotzdem denkt und agiert er natürlich strategisch.“

Eine Warmlauf-Zeit braucht Krüger nicht, wenn er im Mai 2015 als Nachfolger von Norbert Reithofer neuer BMW-Chef wird. Nach seinem Maschinenbau-Studium in Braunschweig und Aachen hat Krüger fast seine gesamte Berufslaufbahn bei BMW verbracht und dort eine Bilderbuch-Karriere hingelegt: Eingestiegen war der gebürtige Freiburger im Jahr 1992 als Trainee.

In den Jahren darauf sammelte er unter anderem als Projektingenieur in Spartanburg und Werkleiter der Motorenproduktion im britischen Hams Hall Auslandserfahrung. 2008 rückte er in den Vorstand des Autokonzerns auf, wo er zunächst für das Personalwesen zuständig war. Seit April vergangenen Jahres ist er Produktionsvorstand bei dem Autobauer.

Sein Wechsel wirbelt Staub auf

Bei der Reithofer-Nachfolge ist der 56-jährige Diess nicht zum Zuge gekommen. Jetzt sucht er sein Glück in Wolfsburg.

Kurz bevor der Rücktritt von Norbert Reithofer bekannt wurde, war eine weitere pikante Personalie durchgesickert: BMW-Entwicklungsvorstand Herbert Diess geht nach Wolfsburg und soll dort die renditeschwache Pkw-Kernmarke bei Volkswagen wieder aufpolieren. Bisher war das die Aufgabe von VW-Chef Martin Winterkorn. Der gibt jetzt Macht an Diess ab, was die Nachfolge-Diskussion um den 69-jährigen Winterkorn erneut anheizt.

Für die Aufgabe in Wolfsburg wirkt der Lebenslauf des gebürtigen Münchners Diess geradezu passgenau. Neben dem Entwicklungsressort leitete er zwischen 2007 und 2012 auch den Einkauf und das Zulieferernetzwerk. In beiden Bereichen sieht VW-Chef Martin Winterkorn entscheidende Hebel, um die Komplexität der zuletzt stark gewachsenen VW-Kernmarke wieder zu vereinfachen. Ein dritter Ansatzpunkt sind die Abläufe in den VW-Fabriken, die Winterkorn als „oft zu groß, zu komplex und zu teuer“ kritisierte. Diess wiederum ist auch ein ausgewiesener Experte für die Produktion: Zwischen 1999 und 2003 leitete er in BMW-Diensten das Motorenwerk nahe Birmingham und die Fahrzeugfabrik in Oxford.

Als Maschinenbauer und promovierter Fertigungstechniker hat er den fachlichen Hintergrund zum Produktionsmanager. In dieser Funktion machte Diess vor seiner Zeit bei BMW Karriere beim Autozulieferer Bosch. Da schließt sich ein Kreis: VW stellt mit seinem Sparprogramm nämlich auch die hohe eigene Fertigungstiefe auf den Prüfstand, also den Anteil der Eigenleistung beim Autobauen.

Hat er Erfolg, gilt Diess als möglicher Nachfolger für Winterkorn – neben Lkw-Chef Andras Renschler und Audi-Chef Rupert Stadler. „Diess hat von den dreien aber den schwierigsten Job“, findet Auto-Papst Dudenhöffer. Mk.

Das sagen BMW-Mitarbeiter

Interne Lösung

Ich bin seit 30 Jahren bei BMW. Und ich kann

Robert Mandry (54), Controller aus München.

sagen, dass Norbert Reithofer uns allen immer ein sehr loyaler Chef war. Dass es mal einen Wechsel geben muss, ist ganz normal. Ich bin davon überzeugt, dass Harald Krüger in seine Fußstapfen treten kann. Schön, dass sich die Firma um eine interne Lösung bemüht hat. Er macht einen sehr gefestigten Eindruck.

An die Zukunft denken!

Nicole Fischer (43), ­Personalmanagerin aus München.

Unserem zukünftigen Chef traue ich viel Fingerspitzengefühl in der Personalpolitik zu. Er kommt ja auch aus der Branche. Sein guter Ruf eilt ihm voraus. Ich wünsche ihm einen guten Start. Ich glaube, dass ein junger Chef den Konzern auffrischen kann. Der Generationswechsel kommt wahrscheinlich zum richtigen Zeitpunkt. Man muss an die Zukunft denken.

Alles soll so bleiben

Christian Führ (32), Account-Manager aus Augsburg.

Schade, dass Norbert Reithofer seinen Posten abgibt. In denke, er hat einen super Job gemacht. Aber auch die neue Lösung finde ich gut. Harald Krüger kennt das Haus schon sein 1992. Ich glaube, dass er wohl keine großen Startschwierigkeiten haben wird. Es wäre wünschenswert, wenn sich an der bisherigen Firmenpolitik nicht all zu viel ändern würde.

Ein gutes Signal!

Christina Liedl (17), Versicherungsangestellte, München.

Ich bin erst seit einem Monat bei BMW. Über Norbert Reithofer kann ich daher nicht viel sagen. Aber wenn man sieht, wie erfolgreich der Konzern ist, muss er einen richtig guten Job gemacht haben. Sicher eine große Herausforderung für unseren neuen Chef. Dass jetzt ein langjähriger Mitarbeiter an der Spitze steht, ist ein gutes Signal an alle Angestellten.

Marc Kniepkamp

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