CO2-Speicher in Deutschland vor dem Aus

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Im Vattenfall-Versuchskraftwerk im Ortsteil Schwarze Pumpe im südbrandenburgischen Spremberg stehen zwei Mitarbeiter zwischen CO2-Speichertanks.

Berlin - Wenn nicht noch ein Wunder passiert, wird es das Großprojekt einer unterirdischen Speicherung des Klimakillers CO2 in Deutschland vorerst nicht geben. Politik und Industrie spielen nicht mit.

Die kleine Pilotanlage am brandenburgischen Kraftwerk Schwarze Pumpe könnte als trauriges Kapitel in die deutsche Industriegeschichte eingehen. Als Kapitel für das Scheitern einer Technologie, mit der der Klimakiller Kohlendioxid (CO2) tief im Boden verpresst werden soll statt in die Atmosphäre zu entweichen.

Voller Euphorie hatte Vattenfall-Experte Lutz Picard Gästen beim Besuch der Anlage immer wieder eingebleut: “Hier geht's um viel, es geht um die Zukunft der Braunkohleverstromung.“ Kohlendioxid wird in dem Komplex bei der Kohleverbrennung abgetrennt und somit das Klima geschützt. Das Kohlendioxid muss aber irgendwohin - daher der Plan, es in riesigen Speichern unter der Erde zu verpressen.

Doch genau dagegen gehen bundesweit Menschen auf die Barrikaden, weshalb die CCS-Technologie (Carbon Dioxide Capture and Storage) nur im Ausland weiter vorangetrieben werden könnte. Die Erfahrungen in Schwarze Pumpe sollen eigentlich einfließen in den bis 2015 geplanten Bau eines 1,5 Milliarden Euro teuren Demonstrationskraftwerks in Jänschwalde (Brandenburg). Doch das CCS-Projekt steht vor dem Aus. Für Vattenfall ist es fast egal, ob der Bundesrat am Freitag das aus Sicht des Unternehmens unzureichende Gesetz kippt oder durchwinkt.

Klimakiller ade - die besten Tipps zum Senken der Treibhausgase

Klimakiller
Einer der größten Klimakiller ist: die Kuh. Sie produziert zwar kein Kohlenstoffdioxid, dafür aber Unmengen von Methan. Und dieses Gas ist 23mal stärker als Kohlendioxid. © dpa
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Ein Kilogramm Milch hat deshalb laut Greenpeace einen Treibhauseffekt von 7 Autokilometern. Das bedeutet, dass die Herstellung von einem Kilogramm Milch genauso viele Treibhausgase erzeugt wie eine 7 Kilometer lange Fahrt mit einem BMW Modell 118d. Auch das Fleisch der Milchkuh ist nicht ohne: ein Kilogramm hat den Effekt von 51 Autokilometern. © dpa
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Ein Kilo Käse ist noch umweltschädlicher: dessen Effekt lässt sich mit 71 Autokilometern vergleichen. © dpa
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Am umweltschädlichsten ist jedoch das Fleisch aus Ochsenmast: In einem Kilogramm Rindfleisch aus konventioneller Erzeugung stecken genauso viele Klimakiller wie in einer 70 Kilometer langen Fahrt mit dem BMW. Und, Überraschung: Rindfleisch aus Bioerzeugung ist sogar noch schädlicher. Darin stecken laut Greenpeace so viele Gase wie in 113 Autokilometern: 11,3 Kilogramm Kohlendioxid in einem Kilo Bio-Rindfleisch. © dpa
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Ein Hähnchenfilet ist da die umweltfreundliche Alternative: Es sind nur 3,5 Kilogramm in einem Kilo Geflügel versteckt.  © dpa
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Sogar Schweinefleisch ist klimabekömmlicher als das Rindersteak: Ein Kilo entspricht lediglich 26 Autokilometern, beziehungsweise 3,3 Kilo Kohlenstoffdioxid. © dpa
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Da lohnt es sich, ein wenig Brot zu essen: In Winterweizen steckt laut Greenpeace wenig Umweltbelastung. Lediglich 3,4 Autokilometer stecken in einem Kilogramm konventionell angebauten Weizen, 1,5 Kilometer im Bioweizen. © dpa
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Obst und Gemüse sind wieder eine andere Sache: Hier kommt es darauf an, woher das Grünzeug stammt. © dpa
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Der Apfel aus Neuseeland belastet die Umwelt bei uns stark - egal, ob aus Bio- oder aus konventionellem Anbau. Der Apfel aus der Region ist durch den kurzen Transportweg ungleich klimafreundlicher. © dpa
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Besser als frisch geliefert aus fernen Ländern ist demnach tiefgekültes Gemüse. Bei Konservenware kommt es darauf an, worin sie aufbewahrt wird - denn bei Einweggläsern stecken stolze 38 Prozent der gesamten Kohlenstoffdioxid-Emmissionen in dem Glas. Bei Dosen-Mais sind mit 105 Gramm je Kilo ledigliche ein Fünftel der Klimagase in der Verpackung. © dpa
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Reis setzt dagegen beim Anbau eine Menge des umweltschädlichen Methans frei - und ist damit sogar laut Greenpeace klimafeindlicher als Fleisch - im ungünstigsten Fall. Bessere Alternativen: Nudeln und Kartoffeln. © dpa
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Um ein Kilo Kaffee herzustellen, werden 0,3 Kilowattstunden Energie verbraucht - noch ohne das Trocknen, Rösten und Sortieren der Bohnen. Hier kann aber bei der Zubereitung gespart werden: Statt der elektrischen Kaffeemaschine einfach das Wasser manuell durch den Filter gießen. Noch klimafreundlicher, sagt die Internetplatform utopia.de, sei Wein... Allerdings taugt der nichts als Wachmacher. © dpa
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Bei der Kleidung ist die Sache realtiv einfach: Je weiter das Stück um den Erdball reist, desto größer ist die Klimabelastung. Wenn ein T-Shirt beispielsweise von den USA über China bis nach Deutschland transportiert wird, dann stecken in dem Stoff zwischen sechs und sieben Kilogramm Kohlenstoffdioxid. In Bio-T-Shirts sind dagegen nur noch ein Siebtel der Belastung versteckt. Der umweltfreundlichste Kleiderkauf: gebrauchte Ware aus Second-Hand-Shops. © dpa
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Bei der Wäsche muss die Temperatur heruntergedreht werden - bei 40 Grad werden die Kohlendioxid-Emmissionen im Vergleich zur 60-Grad-Wäsche um zwei Drittel gesenkt. © dpa
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Auch beim Kochen kann man sparen: Wer etwa Wasser heiß machen will, benutzt besser den Wasserkocher als den Elektroherd. Der Herd verbraucht für das Aufheizen von 1,5 Litern 170 Gramm Kohlenstoffdioxid, der Wasserkocher nur 100 Gramm. © dpa
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CDs werden auch schlecht beurteilt: Eine Scheibe verbraucht für die Produktion und den Transport ein Kilogramm Kohlendioxid. Alternative: Musik aus dem Internet herunterladen - und natürlich nicht auf CD brennen... © dpa
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Auch Computer verbrauchen viel zu viel Strom - bei einer Suchanfrage bei Google wird soviel Strom verbraucht, dass eine Energiesparlampe rund eine Stunde brennen könnte. Die Alternativen sind Such-Websites wie forestle.org oder znout.org, denn deren Betreiber behaupten zumindest, die Gewinne in Klimaschutzprojekte zu stecken. © dpa
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Das Standby der vielen Elektrogeräte im Haushalt - ein altbekanntes Problem. Im Jahr macht das pro Gerät je nach Strommix bis zu 50 Kilo Kohlenstoffdioxid. Die einzig wahre Alternative heißt also: Steckdosenleiste mit Schalter kaufen  - oder Ausstecken.   © dpa
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Der größte Schreck: Das geliebte Haustier ist der absolute Klimakiller. Die Autoren des Buches "Time to eat the dog?" haben festgestellt, dass ein mittelgroßer Hund im Jahr 164 Kilo Fleisch und 95 Kilo Getreide frisst. Eine Katze ist mit 2200 Kilo Kohlenstoffdioxid-Ausstoß so klimafeindlich wie ein VW Golf. Die Lösung? Tja, das muss jeder selber wissen. Die Autoren empfehlen: Hasen kaufen, mit Bioabfällen füttern und dann schnell auf den Teller bringen. Geschmackssache. © dpa

Nach Durchwinken sieht es nicht aus, weil die Länder bisher heillos zerstritten sind: Schleswig-Holstein und Niedersachsen, wo mögliche CO2-Speichergebiete liegen, haben eine Länderklausel erkämpft. Brandenburg und zwei weitere Länder sind gegen die Klausel, mit der CO2-Speicher im eigenen Gebiet weitgehend verhindert werden können. Wegen der Vattenfall-Pläne könnten sonst CO2-Lager nur in Brandenburg entstehen. Von SPD und Grünen regierte Länder wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg wiederum wollen eine noch strengere Klausel.

Die sich abzeichnenden Rahmenbedingungen würden eine Investition von 1,5 Milliarden Euro kaum zulassen, sagt Vattenfall-Sprecherin Katharina Bloemer mit Blick auf das Demonstrationskraftwerk. Da mit dem Gesetz die Technik bis 2016 nur erprobt werden soll, könnte für Vattenfall die Investitionssicherheit fehlen. Die Milliardensumme wäre schlecht angelegt, wenn das CCS-Gesetz nach der Erprobungsphase nicht in eine dauerhafte Anwendung von CCS mündet.

Hinzu kommt, dass die Haftungsdauer für die Speicher hochgesetzt worden ist. Statt bis 20 Jahre nach Füllung eines CO2-Lagers sollen Unternehmen 30 Jahre haften - das würde erheblich höhere Versicherungskosten verursachen.

Daher könnte das Szenario eintreten, vor dem der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) bei der Vorstellung der Regierungspläne vor gut einem Jahr gewarnt hatte. Man dürfe CCS nicht zerreden wie einst den Transrapid - sonst würde CCS in anderen Ländern zu einem Exportschlager entwickelt. Ob CO2-Speicher wirklich eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen, ist nicht erwiesen. In der Energiebranche ist von Panikmache die Rede. In Ländern wie China mit einem enormen CO2-Ausstoß gibt es großes Interesse an CCS.

Die Grünen hingegen verweisen auf Zahlen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, wonach auch in vielen anderen EU-Ländern, CCS auf Kritik stoße. Die EU-Richtlinie für eine gesetzliche Regelung ist demnach erst in Dänemark, Frankreich, Italien, Litauen, der Slowakei und Österreich umgesetzt worden. Österreich machte dabei von der Möglichkeit Gebrauch, für sein Hoheitsgebiet CO2-Speicher auszuschließen. Der Grünen-Energieexperte Oliver Krischer kritisiert CCS als “Lebenszeitverlängerung für klimaschädliche Kohlekraftwerke“.

Mike Kess von der Bürgerinitiative “CO2-Endlager stoppen“ fände die Österreich-Variante auch für Deutschland die beste Lösung. “Mit einem Unterlassungs-Gesetz hätte man die EU-Richtlinie auch erfüllt“, sagt Kess, der in Beeskow südwestlich von Berlin gegen ein mögliches CO2-Endlager kämpft. Er sei nun “verhalten optimistisch“. Je länger er sich damit befasst habe, umso kritischer sei seine Einstellung dazu geworden. “Wenn das CO2 plötzlich hoch kommt, kann es Tote geben“, sagt er und verweist auf angebliche Erstickungsgefahren.

Aber abseits dieses Extrem-Szenarios gehe es vor allem um die Gefahr einer Versalzung des Grundwassers. Da das CO2 in salzführende Schichten gepresst werden soll, könnte es dieses verdrängen und das könnte letztlich durch den hohen Druck durch Gesteinsschichten in das Grundwasser strömen. Kess fragt, was passiere, wenn die Bauern im Oderbruch plötzlich das Wasser nicht mehr nutzen könnten. Angesichts der Unwägbarkeiten ist Kess' Fazit klar: “CCS ist eine Totgeburt“.

dpa

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