Commerzbank verlangt Negativ-Zins

Erste Großbank bricht Tabu - Strafzinsen für Sparer?

+
Die Commerzbank-Zentrale in Frankfurt: Hier wurden die Negativzinsen beschlossen

München - Jetzt ist es so weit! Die erste deutsche Großbank führt Minus-Zinsen ein. Die Commerzbank verlangt künftig Negativzinsen für die Guthaben großer Unternehmenskunden.

Das Kreditinstitut behalte sich die Berechnung einer „Guthabengebühr“ für große Firmenkunden mit hohen Guthaben, für Großkonzerne und institutionelle Anleger vor, erklärte ein Sprecher. Privatkunden müssten keine Gebühren fürchten – allerdings hatte die Commerzbank noch im Oktober auch für Großkunden Negativzinsen ausgeschlossen.

Mit dem Schritt will die Commerzbank die negativen Einlagezinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) weiterreichen. Die EZB hatte Anfang Juni erstmals in ihrer Geschichte einen Einlagezins von minus 0,1 Prozent beschlossen, inzwischen liegt er sogar bei minus 0,2 Prozent. Banken müssen seitdem dafür zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken anstatt es an Unternehmen zu verleihen. Die tz hat mit dem Präsidenten des Bayerischen Finanzzentrums darüber gesprochen, was dieser Schritt für die Sparer bedeutet:

Die Commerzbank ist nicht irgendwer. Warum jetzt, warum die Commerzbank?

Prof. Wolfgang Gerke, Leiter des Bayerischen Finanzzentrums: Die Skatbank ist hier als Vorreiter aufgetreten. Die Commerzbank hat das selbe Problem, das alle Banken mit vielen Zweigstellen und Filialen haben. Sie stehen unter höchstem Kostendruck und verdienen an den Einlagen kaum noch etwas oder müssen gar draufzahlen. Außerdem müssen sie selbst Negativzinsen bei der Europäischen Zentralbank zahlen. Aus Kostensicht ist dieser Schritt also nicht überraschend. Allerdings trauen sich die Banken bisher noch nicht, diese Kosten auch an den Privatkunden weiterzugeben. Da ist der Wettbewerb immer noch sehr stark. Was wir da jetzt erleben ist also noch eine Art Abtasten.

Die Kostenprobleme betreffen aber jede Bank. Was bedeutet der Schritt der Commerzbank für die Branche?

Prof. Wolfgang Gerke: Ich befürchte aus Sparersicht, dass uns bei allen Banken demnächst Negativzinsen blühen werden. Und wenn die Banken sich das Geld nicht über Negativzinsen holen, dann werden sie es über die Gebühren versuchen.

Zunächst sind Geschäftskunden betroffen. Würde irgendein Großkunde bereitwillig Strafzinsen zahlen?

Prof. Wolfgang Gerke: Das darf man nicht so dramatisch sehen. Schließlich hat sich die Commerzbank ein Hintertürchen offen gelassen und angekündigt, die Konditionen mit jedem Kunden gesondert auszuhandeln. Das wird dazu führen, dass sich die Bank jeden Kunden genau ansehen und sich überlegen wird, wie viel Geld sie mit anderen Geschäften mit dem Kunden verdient. Wenn man an einem Kunden gut verdient, wird man von dem auch keinen Negativzins verlangen.

Geht es bei der Commerzbank also mehr um ein Herantasten, damit sich die normalen Sparer an Negativzinsen gewöhnen?

Prof. Wolfgang Gerke: Ja. Genau so sehe ich das. Die Sparer sind wirklich gefährdet. Allerdings ist die Situation für den Durchschnittssparer ohnehin schon dramatisch. Denn wenn man ehrlich ist, dann macht es nicht den großen Unterschied, ob der Sparer Nullzins bekommt, einen Zins von 0.1 Prozent oder eben einen Negativzins von 0,1 Prozent. Das fällt einem dann zwar dramatisch auf, aber man ist doch längst schon geschädigt. Bei einem Negativzins wird es nur besonders augenfällig, dass man für sein Geld noch draufzahlt. Real legt man aber heute längst drauf!

Kann der Normalbürger sich irgendwie wappnen?

Prof. Wolfgang Gerke: Nein, aber er kann sich wehren. Es gibt immer noch genügend Banken, die ihren Kunden ordentliche Zinsen bieten. Ich habe das mal Zins-Hopping genannt. Dem liegt das Prinzip zu Grunde: Die Bank ist nicht treu, warum sollte also der Kunde treu sein? Deshalb sollten alle Sparer regelmäßig vergleichen und sich die Bank mit den besten Konditionen heraussuchen. Da sind zwar auch nur maximal ein Prozent Zinsen drin, aber das ist immer noch besser als nichts.

Können wir uns auf Dauer auf eine zinslose Welt einrichten?

Prof. Wolfgang Gerke: Mittelfristig in Europa ja. Als Blaupause sehen wir hier die Situation in Japan – da sieht man, dass eine solche Niedrigzinspolitik auf Jahrzehnte hinaus Bestand haben kann.

Interview: Marc Kniepkamp

Auch interessant

Meistgelesen

Zum Fahrplanwechsel: Bahn erhöht Preise - auch Fernzugtickets teurer
Zum Fahrplanwechsel: Bahn erhöht Preise - auch Fernzugtickets teurer
Höhenflug beim Butterpreis geht wohl zu Ende
Höhenflug beim Butterpreis geht wohl zu Ende
SAP legt dank Cloud-Geschäft weiter zu
SAP legt dank Cloud-Geschäft weiter zu
So viele Stellen und Angebote streicht der Bayerische Rundfunk
So viele Stellen und Angebote streicht der Bayerische Rundfunk

Kommentare