Deutsche Exporte auf Rekordkurs

Berlin/Mannheim - Deutsche Exporte boomen. Das Wachstum ist so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Steigerung lässt sich in der Höhe kaum fortsetzen, sagen Finanzexperten.

Die deutschen Exporte könnten 2011 erstmals die magische Grenze von einer Billion Euro knacken. Derzeit wachsen sie so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. “Im kommenden Jahr bestehen gute Chancen, zum ersten Mal in der Geschichte die Marke von einer Billion Euro beim Export zu erreichen“, sagte BGA-Branchenverbands-Präsident Anton Börner am Dienstag. Schneller als erwartet werde damit das Vorkrisenniveau wieder erreicht.

Die Dynamik wird sich nach Ansicht von Finanzexperten aber im kommenden Jahr abschwächen. Auf der Schattenseite stehen Tausende von Privatleuten, die sich in der Wirtschaftskrise überschuldet haben und im Aufschwung nicht aus dem Schuldensumpf herauskommen: Die Rekordzahl von 110 000 Privatinsolvenzen droht in diesem Jahr. Die exportorientierten deutschen Unternehmen profitieren inzwischen von einem Boom der Nachfrage aus dem Ausland. Im laufenden Jahr stiegen die Exporte um 16 Prozent auf 937 Milliarden Euro, sagt der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) in Berlin voraus.

Besonders dynamisch entwickeln sich die Exporte in die Länder außerhalb der EU: Sie können laut BGA um bis zu 25 Prozent wachsen, während die Ausfuhren in die EU um 13,5 Prozent steigen sollen. Umgekehrt würden die Importe insgesamt um 17 Prozent auf 789 Milliarden Euro zulegen. Der Außenhandelsüberschuss betrage 148 Milliarden Euro. Es gebe aber weltweit Risiken, warnt der BGA. So könnte die US- Wirtschaft zurück in die Rezession fallen oder in China die Immobilienblase platzen. Auch die Euro-Schuldenkrise sei längst nicht ausgestanden.

Zudem versuchten viele Länder, mit dem “süßen Gift des Protektionismus“ (Zölle und Beschränkungen) ihre Märkte gegen ausländische Konkurrenz abzuschotten. Die Mehrheit der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragten Finanzexperten erwarten deshalb für die kommenden Monate eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums. Der ZEW-Konjunkturindex sank im Oktober zum sechsten Mal in Folge. Die Erwartungen für die kommenden sechs Monate gingen um 2,9 Punkte auf minus 7,2 Punkte zurück - sie lagen damit deutlich unter dem historischen Mittelwert von 27,0 Punkten.

Die Fachleute bewerteten die aktuelle wirtschaftliche Lage allerdings erneut deutlich besser als im Vormonat: Der entsprechende Indikator sprang um 12,7 Punkte auf 72,6 Punkte. Befragt wurden 282 Analysten und institutionelle Anleger. Der BGA rechnet auch für 2011 mit einem deutlichen Zuwachs der Exporte, der aber mit bis zu sieben Prozent auf 1003 Milliarden Euro etwas moderater ausfallen dürfte, die Einfuhren sollen um bis zu acht Prozent auf 852 Milliarden Euro steigen. Deutschland werde seinen Weltmarktanteil von 9 auf 9,5 Prozent ausbauen können. “Eine bemerkenswerte Leistung angesichts des Auftretens immer neuer Wettbewerber, die technologisch immer mehr zu uns aufschließen“, sagte BGA-Präsident Börner. Kritik von europäischen Partnern oder den USA am deutschen Exportmodell wies er zurück.

“Es gibt keinen Automatismus, wonach Wachstum im Export immer zulasten eines anderen Landes geht.“ Deutschland sei die Exportlokomotive für ganz Europa. Die weltweit erfolgreichen deutschen Firmen seien Türöffner für viele Zulieferer aus EU-Nachbarländern. “Ohne die deutsche Exportstärke wäre es erheblich schlechter bestellt um die europäische Konjunktur.“ Im Wirtschaftsaufschwung mit dem anziehenden privaten Konsum steige aber auch die Neigung vieler Käufer, sich zu verschulden, berichtete der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) am Dienstag in Berlin.

Insgesamt würden Rechnungen nun aber wieder zuverlässiger bezahlt. Die Wirtschaftskrise habe allerdings noch mehr Privatleute in die Überschuldung gestürzt. In diesem Jahr zeichne sich die Rekordzahl von 110 000 Verbraucherinsolvenzen ab. Im vergangenen Jahr seien es 101 000 gewesen. “Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit waren für viele der Tropfen, der das Schuldenfass erst jetzt zum Überlaufen brachte“, sagte BDIU-Präsident Wolfgang Spitz.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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