Deutschland treibt Europas Wirtschaft an

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Deutschland treibt Europas Wirtschaft an.

Wiesbaden - Die deutsche Wirtschaft strotzt vor Kraft und hat sich mittlerweile zur Konjunkturlokomotive in Europa entwickelt. Doch noch sind nicht alle Euroländer wieder auf den Beinen.

Mit durchgedrücktem Gaspedal rast die deutsche Wirtschaft in den Aufschwung. Die Industrie investiert quer durch alle Branchen kräftig, der private Konsum brummt, und am Bau werden Verluste nach dem kalten Winter aufgeholt. Dank des überraschend starken Quartalswachstums von 1,5 Prozent zum Jahresanfang ist der Einbruch aus der tiefen Rezession 2009 schneller als erwartet aufgeholt - und die Krisen rund um den Globus können der deutschen Wirtschaft bisher nichts anhaben.

Stattdessen hat sich die hiesige Wirtschaft zum europäischen Zugpferd gemausert. Profitiert haben Länder wie der wichtige Handelspartner Frankreich, der im ersten Quartal gegenüber Ende 2010 um starke 1,0 Prozent zulegte, und auch die Eurozone insgesamt (plus 0,8 Prozent).

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

Platz 16:  Luxemburg! Schuldenstand (2009): 5 Milliarden Euro, 14,5 Prozent des BIP. Damit ist Luxemburg das reichste Land der Euro-Staaten. In der EU steht nur Estland mit einem Schuldenstand von 7,2 Prozent des BIP noch besser da. © dpa
Platz 15: Slowakei! Schuldenstand (2009): 22 Milliarden Euro, 35,7 Prozent des BIP. Nur Luxemburg hat in der Eurozone einen geringeren Anteil. Ein Sparprogramm sieht Ausgabenkürzungen vor, aber keine Einschnitte bei Pensionen und im Sozialsystem. © dpa
Platz 14: Slowenien! Schuldenstand (2009): 12 Milliarden Euro, 35,9 Prozent des BIP. Damit liegt die Verschuldung klar unter den erlaubten 60 Prozent. Problem sind das schleppende Wirtschaftswachstum und die steigende Arbeitslosigkeit. Mit Konjunkturprogrammen wurde die Wirtschaft gestützt.  © dpa
Platz 13: Finnland! Schuldenstand (2009): 75 Milliarden Euro, 44,0 Prozent des BIP. Damit gehört Finnland nicht zu den Schuldensündern in der EU. Die Regierung in Helsinki hat seit dem Euro-Start eine sparsame Haushaltspolitik geführt. Es muss also nicht gespart werden. Geplant ist allerdings, das Rentenalter heraufzusetzen und die Rentenansprüche senken. © dpa
Platz 12: Spanien! Schuldenstand (2009): 559 Milliarden Euro, 53,2 Prozent des BIP. Ein Sparplan sieht für die kommenden drei Jahre eine Senkung der Ausgaben um 50 Milliarden Euro vor. Die Gehälter von Ministern und Beamten werden gekürzt und staatliche Investitionen zusammengestrichen. Die Neuverschuldung lag 2009 bei 11,2 Prozent des BIP. © dpa
Platz 11: Zypern! Schuldenstand (2009): 9,5 Milliarden, 56,2 Prozent des BIP. Mit diesem Wert hat Zypern gerade noch die Konvergenzkriterien geschafft. Schließlich ist laut Maastricht-Vertrag nur eine Verschuldungsquote von maximal 60 Prozent erlaubt. © dpa
Platz 10: Niederlande! Schuldenstand (2009): 347 Milliarden Euro, 60,9 Prozent des BIP. Trotz des Schuldenbergs stehen die Niederlande im Vergleich zu anderen Euro-Staaten noch gut da. Die Summe könnte aber 2011 auf annähernd 70 Prozent wachsen. Auch die Niederländer pochen auf Konsolidierung. Laut Regierung sind Einsparungen bei Staatsausgaben von rund 20 Prozent möglich. Derzeit wird eine Anhebung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre diskutiert. © dpa
Platz 9: Irland! Schuldenstand (2009): 104 Milliarden Euro, 64,0 Prozent des BIP. Im Haushalt 2010 sind strikte Sparmaßnahmen vorgesehen. So werden Gehälter im Öffentlichen Dienst um 5 bis 15 Prozent gekürzt. Die Sozialausgaben werden um 760 Millionen Euro zurückgefahren und beim Arbeitslosengeld gibt es Streichungen. © dpa
Platz 8: Österre ich! Schuldenstand (2009): 184 Milliarden Euro, 66,5 Prozent des BIP. Mit Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen will Österreich seinen Staatshaushalt auf Vordermann bringen. Bund, Länder und Gemeinden sollen bis zu 5,1 Milliarden Euro einsparen. Einig ist sich die Regierung bisher nur bei der Einführung einer Bankensteuer, die rund 500 Millionen Euro bringen soll. © dpa
Platz 7: Malta! Schuldenstand (2009): 3,9 Milliarden, 69,1 Prozent des BIP. Das kleinste Land der Europäischen Union hat im Jahr 2008 den Euro als Währung eingeführt. In dem Inselstaat leben rund 400.000 Einwohner. © dpa
Platz 6: Deutschland! Schuldenstand (2009): 1,76 Billionen Euro, 73,2 Prozent des BIP. Diese Summe könnte bis Ende 2013 durch neue Kredite auf 2 Billionen Euro steigen. Der Bund muss von 2011 an jedes Jahr 10 Milliarden Euro sparen. © dpa
Platz 5: Portugal! Schuldenstand (2009): 125 Milliarden Euro, 76,8 Prozent. Portugal will Einkommensteuern anheben und Unternehmen mit einer “Krisensteuer“ von 2,5 Prozent auf alle Gewinne belasten. Die Mehrwertsteuer soll auf 21 Prozent steigen. Die Bezüge der Politiker und der Verwalter öffentlicher Unternehmen sollen um 5 Prozent reduziert werden. © dpa
Platz 4: Frankreich! Schuldenstand (2009): 1,49 Billionen Euro, 77,6 Prozent des BIP. Die Regierung will die Staatsausgaben bis Ende 2013 einfrieren, freiwerdende Stellen im öffentlichen Dienst nicht besetzen und Steuerschlupflöcher stopfen. Eine Rentenreform soll das Defizit in den Sozialkassen senken. © dpa
Platz 3: Belgien! Schuldenstand (2009): 326 Milliarden Euro, 96,7 Prozent des BIP. Diese Zahl soll bis zum Jahr 2011 auf rund 101 Prozent des BIP anwachsen. Erlaubt sind nur 60 Prozent. Wegen der politischen Krise - die aktuelle Regierung ist nur geschäftsführend im Amt, Neuwahlen sind am 13. Juni - ist das Land politisch gelähmt. Größere Sparpakete sind nicht in Sicht. © dpa
Platz 2: Griechenland! Schuldenstand (2009): 273 Milliarden Euro, 115,1 Prozent des BIP. Trotz der hohen Schulden ist Griechenland nicht Spitzenreiter. Dennoch ist jetzt eisernes Sparen angesagt. Hilfe für den maroden Haushalt soll auch von den übrigen EU-Länder kommen. Ein 110 Milliarden Euro schweres Rettungspaket soll die griechische Staatspleite abwenden und den Euro verteidigen. Im eigenen Land werden Renten und Gehälter im Staatsdienst gekürzt und Steuern gehoben. © dpa
Platz 1: Italien! Schuldenstand (2009): 1,76 Billionen Euro, 115,8 Prozent des BIP. Damit ist Italien das Land der Euro-Zone mit den größsten Staatsschulden. Bislang gibt es keine größeren Sparpakete. Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat aber angekündigt, dass ab 2011 der Riemen enger geschnallt werden soll. Welche Maßnahmen er ergreifen will, hat er noch nicht verraten. © dpa

Die Krisenländer am Rande des Euroraums kommen hingegen noch nicht wieder in Fahrt: “Diese werden noch über Jahre auf fremde Hilfe angewiesen sein“, prophezeit Commerzbank-Analyst Christoph Weil. Denn die Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit würden erst mittelfristig Früchte tragen.

Doch Berenberg-Bank-Chefvolkswirt Holger Schmieding ist überzeugt: “Die deutsche Stärke ist gut für Europa.“ Sie breite sich allmählich aus und erreiche Länder wie Frankreich, während Spanien die Chance bekomme, “sich aus Krise zu exportieren“. Das hat zuletzt ganz gut geklappt: Spaniens Wirtschaft wuchs gegenüber dem Schlussquartal 2010 um 0,3 Prozent.

“Das bestärkt uns in der Hoffnung, dass Europa ein Überschwappen der Staatsschuldenkrise vermeiden und Spanien beschützen kann“, sagt Schmieding. Das sei wichtig - denn mit dem Versuch, den iberischen Riesen zu retten, könnte sich Euroland überheben: Spaniens Wirtschaft ist beinahe doppelt so groß wie die von Irland, Griechenland und Portugal zusammen.

Vom kranken Mann zur Wachstums-Lokomotive

Mit dem kräftigen Wachstum kann Deutschland auch anderen als Vorbild dienen. “Deutschland ist vom kranken Mann zur Wachstums-Lokomotive Europas gesundet“, sagt Klaus Wübbenhorst, Chef der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Denn das deutsche Beispiel beweist, dass sich schmerzhafte Einschnitte und Reformen auszahlen können, betont Schmieding: “Wenn die Euro-Schuldenländer ihren Sparkurs fortsetzen, können sie sich auf starkes Wachstum freuen.“

Zunächst stecken Schuldensünder wie Portugal aber noch in der Rezession, wobei Griechenland ausgerechnet am Freitag dem 13. einen Hoffnungsschimmer aussandte: Völlig unerwartet kletterte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal um 0,8 Prozent zum Vorquartal. Damit liegt die Wirtschaftsleistung allerdings immer noch um 4,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Keine Frage: Die Griechen brauchen einen langen Atem. Die Entwicklung in Deutschland zeigt, dass Strukturreformen erst mit großer zeitlicher Verzögerung wirken. “Zu hoffen, dass beispielsweise Griechenland oder Portugal innerhalb von einem Jahr hoch wettbewerbsfähige Länder werden können, ist illusorisch“, betont Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud.

Niedrige Zinsen fachen Konjunktur weiter an

Nach Überzeugung der Commerzbank wird Deutschland noch lange besser abschneiden als andere. “Denn es profitiert nicht nur von seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit, die es sich seit Beginn der Währungsunion erarbeitet hat“, sagt Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die Konjunktur in Deutschland werde auch durch niedrige Zinsen angefacht, die aus Rücksicht auf die darbenden Peripherieländer nur allmählich steigen dürften. Das Zinsniveau von 1,25 Prozent sei für das stark wachsende Deutschland jedenfalls viel zu niedrig, sagt Krämer: “Für Deutschland wären wohl 3 Prozent angemessen.“

So werde der Druck auf Länder mit sprudelnden Steuereinnahmen steigen, neuen Hilfskrediten für Griechenland zuzustimmen, prophezeit Krämer: “Der Euroraum wandelt sich immer mehr zu einer Transferunion.“

Eine Alternative zum Rettungsschirm sieht Ökonom Schmieding nicht: “Die Sicherheitsnetze, die für Griechenland und andere Länder gespannt wurden, haben den Aufschwung Kerneuropas erst ermöglicht, indem sie die bösartige Finanzkrise am Rand der Eurozone hielten.“ Auch künftig müsse eine Ansteckung deshalb verhindert werden: Sonst könnte die Finanzkrise ganz schnell auf Deutschland überschwappen.

dpa

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