Das totale Biosprit-Chaos

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Die Mineralölkonzerne schauen in die Röhre: Autofahrer wollen den neuen Biosprit E10 nicht haben.

München - Das Chaos nach dem Kundenboykott von E10 und die Diskussion über den wahren Nutzwert des neuen Biosprits wird immer größer und schärfer. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Situation:

Nach dem E10-Einführungsstopp der Mineralölwirtschaft vom Donnerstag werfen sich die Mineralölkonzerne, Politiker, Autohersteller, Wirtschafts- und Verbraucherschutzverbände gegenseitig die Schuld an dem Chaos vor. Am Freitag überraschte die EU-Komission mit der Mitteilung, dass es gar keine zwingende EU-Anordnung gäbe, wonach in Treibstoffen zehn Prozent Ethanol oder Biodiesel enthalten sein müssen. Die einzelnen Mitgliedstaaten können selbst entscheiden, wie hoch der Bio-Anteil sein soll. Die sogenannte „Biosprit-Richtlinie“ von 2009 lege lediglich fest, dass bis 2020 zehn Prozent der im Transportsektor verbrauchten Energie erneuerbar sein muss. „Wie sie das erreichen, können die Regierungen selbst entscheiden. Die EU-Staaten können etwa auf die Einführung von Biosprit setzen oder Strom für Elektroautos aus erneuerbaren Energien sowie Hybridfahrzeuge fördern. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Situation:

Wird E10 weiterhin verkauft?

Ja. Der Mineralölwirtschaftsverband, der die großen Benzinhersteller vertritt, hat die Einführung von E10-Zapfsäulenbundesweit vorerst gestoppt. E10 ist daher jetzt nur dort zu haben, wo es bereits eingeführt worden ist. In Bayern und Ostdeutschland werden bereits die meisten Tankstellen mit E10 beliefert.

Wie geht es jetzt weiter?

BundeswirtschaftsministerRainerBrüderle (FDP) hat für Dienstag zum Benzin-Gipfel eingeladen, an dem Vertreter der Wirtschaftsverbände, Autohersteller, Automobilklubs und Fachpolitiker eine Lösung finden sollen.

Wie könnte eine praktikable Lösung aussehen?

Dr. Lutz Mez vom Forschungszentrum für Umweltpolitik in Berlin zur tz: „Die E10-Einführung ist nicht mehr rückgängig zu machen, schließlich ist das eine EUVorgabe, die neun von 27 EU-Ländern bereits umgesetzt haben. Regierung, Mobilölkonzerne und Autohersteller müssen jetzt eine umfassende Aufklärungskampagne starten, die allen verständlich ist.“ Der ADAC fordert die Automobilhersteller auf, ihre Kunden schriftlich über das Kraftfahrt-Bundesamt darüber aufzuklären, ob ihr Auto E10 tanken darf oder nicht.

Und wenn sich die Autofahrer in Deutschland weiter weigern, E10 zu tanken?

Elmar Kühn, Geschäftsführer des Verbandes der Freien Tankstellen Uniti zur tz: „Wir können das Rad jetzt nicht zurückdrehen. E10 wird bleiben und sich durchsetzen. Hier wird derzeit eine irrationale Angstdebatte geführt. In den USA und Frankreich werden Autos seit vielen Jahren problemlos mit E10 betankt.“

Ist eine Abschaffung von E10 denkbar?

Der Mineralölwirtschaftsverband hat damit gedroht, falls sich die Autofahrer nicht von E10 überzeugen lassen. Der Chef der CSU-Gruppe im EU-Parlament, Markus Ferber, forderte: „Dieser klimapolitische Unsinn hilft der Umwelt nicht und bestraft den Bürger. E10 wieder abzuschaffen wäre die effektivste Klimapolitik für Mensch, Fahrzeug und Umwelt.“ Der CDU-Energieexperte Herbert Reul sieht es genauso: „Je eher E10 von den Tankstellen verschwindet, desto besser.“

Was sagen Umweltschützer?

Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck von Greenpeace: „Die Einsparung von E10 im Vergleich zu herkömmlichen Kraftstoffen bringt salopp gesagt weniger, als etwas besser aufgepumpte Reifen. Das ist so marginal, dass es geradezu absurd ist, hierauf eine Kraftstoffstrategie aufzubauen. Aus welchen Gründen auch immer die Autofahrer E10 meiden. Sie tun auf jeden Fall das Richtige. Die Biokraftstoffrichtlinie sollte zurückgezogen werden.“

Gibt es an Münchner Tankstellen neben Superplus noch herkömmliches Super?

Ja. Das Verbraucherportral www. clever tanken.de nennt bei Eingabe der Postleitzahl jede Menge Tankstellen in München, die noch das herkömmliche Superbenzin mit 95 Oktan anbieten. Die Preise für den Liter Super variierten Freitagmittag zwischen 1,51 und 1,61 Euro. Superplus kostete hingegen zwischen 1,56 und 1,64 Euro.

Uwe Falga

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