Ende der Abwanderung? - Hoffnung im Osten

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Hörsaal der Uni Leipzig.

Magdeburg/Berlin/Rostock - Das Ergebnis ist negativ, und doch stimmt es viele Menschen in Ostdeutschland zuversichtlich: Im Jahr 2009 haben deutlich weniger Menschen ihre Heimat verlassen, um sich im Westen eine neue Existenz aufzubauen.

Genau gesagt waren es 120 500 statt zuvor 137 000 Menschen. Für die andere Richtung entschieden sich 88 000 Deutsche. Damit hält der sogenannte Wanderungsverlust zwar an. Doch die Hoffnung wächst, dass die Abwanderung aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern irgendwann ein Ende haben könnte. So fiel die Differenz aus Zu- und Abwanderung - 2009 lag sie bei 32 500 - nur Mitte der 90er-Jahre noch geringer aus. Betrachtet man nur die Fortzüge aus dem Osten, war das Jahr 2009 nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes sogar das bisher erfreulichste, weil so wenig Menschen wie noch nie den neuen Bundesländern den Rücken gekehrt haben. 1991, im ersten Jahr nach der Wiedervereinigung, suchten noch 235 000 Ostdeutsche ihr Glück im Westen.

Doch hat die gesunkene Zahl der Abwanderer auch damit zu tun, dass es schlicht weniger junge Menschen im Osten gibt, die abwandern könnten: Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärt die positive Entwicklung in den fünf neuen Bundesländern vor allem mit der veränderten Altersstruktur. “Die mobilste Bevölkerungsgruppe sind die 18- bis 29-Jährigen. Wenn diese Gruppe wie im Osten aus demografischen Gründen kleiner wird, nimmt das Wanderungspotenzial ab“, sagt der Sozialwissenschaftler Steffen Kröhnert. Er erwartet, dass die Zahl der Abwanderer aus dem Osten in den kommenden Jahren weiter sinkt. “Den Lehrstellenmangel der vergangenen Jahre wird es künftig nicht mehr geben. Der Arbeits- und Lehrstellenmarkt wird deutlich entlastet.“ Ein ausgeglichener Wanderungssaldo sei für das Jahr 2020 vorstellbar. “Das ist aber eine Spekulation, keine Prognose“, fügt Kröhnert hinzu.

Politiker im Osten werten die Entwicklung als Hoffnungsschimmer, obwohl die Langfristprognose nach wie vor anhaltenden Bevölkerungsverlust prophezeit. So pocht der Minister für Landesentwicklung in Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz Daehre (CDU), darauf, die Löhne an die Bezahlung in den alten Ländern anzugleichen, um mehr junge Leute zu halten. “Das müssen wir jetzt auch politisch diskutieren“, sagt Daehre, dessen Land von der Abwanderung und dem Bevölkerungsrückgang besonders betroffen ist: So wird erwartet, dass dort in 15 Jahren nur noch 1,9 Millionen Menschen leben, mehr als 400 000 weniger als zurzeit.

Während vor allem die Abwanderung aus ländlichen Regionen anhält, hat sich die Bevölkerungszahl zuletzt in einigen Großstädten positiv entwickelt. Berlin ist ohnehin ein Sonderfall: So sind mit Ausnahme von 1991 immer mehr Menschen zu- als abgewandert. 2009 kamen knapp 50 000 Westdeutsche in die Hauptstadt - so viele wie noch nie. Doch kommen junge Leute aus dem Westen auch zum Studium nach Leipzig, Jena oder Magdeburg, wo es kaum überfüllte Hörsäle gibt und die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind.

Diese Vorzüge stellen auch die Hochschulen heraus, sie werben seit gut einem Jahr unter dem Motto “Studieren in Fernost“ um Erstsemester aus Westdeutschland. Der Bund finanziert die auf fünf Jahre angelegte Kampagne mit zehn Millionen Euro. Hintergrund ist der Geburtenknick Anfang der 90er-Jahre, der die Zahl der Studienanfänger massiv sinken ließ und - im Gegensatz zum Westen - leere Hörsäle zur Folge hatte. Vor allem in Rostock und Leipzig zeigt die Kampagne positive Auswirkungen. Die Unis in den beiden Städten sind bei Studenten aus dem Westen besonders beliebt. Und das lässt sich auch belegen: Die Zahl der Studienanfänger aus dem Westen hat sich in Rostock von 2008 bis 2009 fast verdoppelt, ist mit knapp 250 aber weiter sehr gering. Uni-Rektor Wolfgang Schareck begründet den höheren Zuspruch mit dem breiten Fächerspektrum und hofft, dass das “Flair einer Großstadt am Meer, die hohe Lebensqualität bietet“ demnächst noch mehr Studenten anlockt.

dpa

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