Bloß nicht verdrängen! So vererben Sie richtig

+
Beim Erben und Vererben lauern viele Fallstriche

München - Erben und vererben – dieses Thema ist unangenehm und wird deshalb gerne verdrängt – dabei betrifft es irgendwann unausweichlich jeden. Die tz erklärt, was Sie beachten müssen.

Das Problem: Beim Aufsetzen des Testaments lauern viele Fallstricke. Es kommt auf die richtige Form an, auf korrekte Formulierungen und die Frage, wie die gesetzliche Erbfolge ohne Testament funktioniert. Nur wenn der letzte Wille nach allen gültigen Regeln niedergeschrieben wird, kann der Erblasser sicher sein, dass er nach seinem Tod auch in seinem Sinne umgesetzt wird. Mit einem klar und eindeutig formulierten Testament kann der Verstorbene den Hinterbliebenen einigen Ärger ersparen – denn viel zu häufig hängt wegen Erbstreitigkeiten der Haussegen zwischen den Familiienmitgliedern schief.

Das muss nicht sein – deshalb erklärt die tz, wie Sie Ihr Testament formulieren, damit es wirklich Bestand hat. Dabei steckt der Teufel oft im kleinsten Detail: das Datum, die Unterschrift an der richtigen Stelle oder die Fallstricke in gemeinsamen Testamenten von Eheleuten.

Richtig vererben

Die gesetzliche Erbfolge: Viele Menschen kennen die gesetzliche Erbfolge nicht. Sie stellt sicher, dass niemand ohne Erben stirbt. Das Bürgerliche Gesetzbuch geht dabei vom Familienerbrecht aus. Zunächst sind die Abkömmlinge des Erblassers gesetzliche Erben – also Kinder, Enkel und Urenkel. In zweiter Reihe stehen die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge – also Eltern und Geschwister sowie Neffen und Nichten. Erben dritter Ordnung sind die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge – also Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Neben den Verwandten hat der Ehegatte ein gesetzliches Erbrecht. Die Höhe hängt davon ab, welcher Güterstand in der Ehe gegolten hat und in welcher Erbordnung Verwandte mit dem Ehegatten zusammentreffen.

Die Form wahren: Es ist gut gemeint – immer wieder fassen Menschen ihren Letzten Willen auf der Schreibmaschine ab. Das Testament ist dann zwar in der Regel besser lesbar – es ist aber leider auch ungültig. Gleiches gilt für Ausdrucke, die am Computer angefertigt wurden. Auch sie sind formunwirksam! Das gilt übrigens auch für die in US-amerikanischen Spielfilmen äußerst beliebten Videobotschaften, bei denen der Verstorbene seine versammelte Verwandschaft aus dem Jenseits anspricht. Die perfekte Gelegenheit für eine letzte Abrechnung. Solche Filmchen mögen unterhaltsam sein – doch auch sie sind formunwirksam.

Selber schreiben: Eigenhändig heißt eigenhändig! Ein diktiertes Testament ist nicht gültig. Zumal der Begünstigte dann häufig derjenige ist, der das Testament schreibt. Gültig ist ein solches Testament natürlich nicht.

Ans Datum denken: Ganz wichtig ist das Datum unter dem Testament – das gilt besonders, wenn der Erblasser mehrere Testamente verfasst hat. Schließlich muss am Ende klar sein, welcher Letzte Wille tatsächlich zuletzt abgefasst wurde und damit Gültigkeit hat.

Unten unterschreiben: Der Begriff Unterschrift ist wörtlich gemeint! Die Unterschrift muss tatsächlich unter dem Dokument stehen.

Ergänzungen erneut unterschreiben: Fügt der Erblasser auf einer Kopie seines Testaments Änderungen oder Ergänzungen ein oder streicht Passagen, so muss er diese Kopie unterschreiben. Nur dann handelt es sich um eine gültige Testamentsänderung, wie die Arbeitsgemeinschaft Erbrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) mit Verweis auf eine Entscheidung des Oberlandesgerichts München (Az.: 31 Wx 179/10) mitteilt.

Das Ehegattentestament: Sie sind beliebt – 80 Prozent der Ehegatten testieren gemeinsam. Das übliche Verfahren dafür: Einer schreibt das Testament von Anfang bis Ende eigenhändig. Beide unterschreiben die gemeinschaftliche Erklärung dann eigenhändig. Allerdings ist die Fälschungsgefahr hoch. Eine Blanko-Unterschrift des Ehepartners genügt, und schon kann der testierende Ehepartner schreiben, was er will. Solche gemeinsamen Erklärungen können übrigens nicht nur Ehegatten, sondern auch eingetragene (gleichgeschlechtliche) Lebenspartner abfassen.

Gemeinsames Testament überprüfen: Ist in einem gemeinsamen Testament nur für den Fall des gemeinsamen Ablebens ein Schluss­erbe bestimmt, ist der überlebende Ehegatte später daran nicht gebunden. Er kann dann eine andere Erbfolge festlegen. Das entschied das Oberlandesgericht (OLG) München (Az.: 31 Wx 84/10), wie die Arbeitsgemeinschaft Erbrecht im DAV mitteilt. In dem Fall überlebte der Mann seine Ehefrau um gut zehn Jahre. Dem gemeinsamen Testament von 1995 zufolge sollte der überlebende Ehegatte allein erben. Für den Fall des gleichzeitigen Ablebens sollte eine Verwandte der Frau alles erben. In einem Testament von 2002 setzte der Mann jedoch seinen Bruder als Erben ein und nicht die Verwandte der Frau. Als der Mann 2009 starb, stritten sich der Bruder und die Frau um das gut 1,2 Millionen Euro große Erbe. Der Mann habe seine Frau um mehr als zehn Jahre überlebt und daher in seinem Testament eine andere Verfügung treffen können.

Testament beim Notar aufbewahren: Viele Testamente finden ihr Ende im Kaminfeuer – Rechtsexperten schätzen die Dunkelziffer auf 20 Prozent. Der Grund: Viele Menschen bewahren ihr Testament zu Hause auf. Gerät es nach dem Tod des Erblassers dem Falschen in die Hände, ist der Letzte Wille schnell vernichtet. Ein sicheres Plätzchen findet das Testament hingegen beim Notar oder bei einem frei zu wählenden Amtsgericht. Weiterer Vorteil: Die amtliche Aufbewahrung führt dazu, dass der Letzte Wille auch schnell gefunden wird. Kostenpunkt: Bei einem Vermögenswert von 100 000 Euro liegt die Hinterlegungsgebühr bei einmalig etwa 55 Euro.

Fehler suchen: Auf der sicheren Seite sind Erblasser, die ihr Testament beim Notar machen. Denn der Notar berät den Erblasser und sorgt dafür, dass sich keine Formfehler in die Erklärung einschleichen. Außerdem klärt der Notar den Testator über die Folgen seines Testaments auf – etwa in Fragen der Erbschaftssteuer. Und er berücksichtigt die besonderen Verhältnisse des Erblassers. Natürlich kostet diese Beratung. Für einen Vermögenswert von 100 000 Euro fällt eine Notargebühr von etwa 250 Euro an. Das notarielle Testament macht allerdings häufig einen Erbschein entbehrlich, der weitaus teurer kommt.

Not-Testament rasch ersetzen: In ganz dringenden Fällen können Erblasser kurz vor ihrem Ableben noch ein Not-Testament aufsetzen – etwa beim Bürgermeister der Gemeinde. Besonders in abgelegenen Gegenden machen Erblasser von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die Stadtverwaltungen haben für solche Fälle einen Vordruck parat. Aber Obacht: Ein solches Not-Testament hat ein Verfallsdatum – nach drei Monaten gilt es nicht mehr. Danach müsste es durch ein reguläres Testament ersetzt werden.

Keine Bestattungswünsche äußern: Das Testament ist nicht der richtige Ort, um die eigene Bestattung zu regeln. Denn bis das Testament eröffnet wird, ist schon alles Wesentliche passiert!

Alte Erbverträge kontrollieren: Wenn Eheleute in den 1960er-Jahren einen Erbvertrag geschlossen haben, dann gilt dieser auch für den überlebenden Ehepartner weiterhin – selbst wenn der Vertrag längst in Vergessenheit geraten ist.

Erbvertrag genau abwägen: Überhaupt sollten sich Ehepaare gut überlegen, ob sie einen Erbvertrag abschließen. Denn ein Erbvertrag sei bindend, erklärt Prof. Klaus Michael Groll vom Deutschen Forum für Erbrecht in München. Das heißt: Ohne Zustimmung des anderen Ehepartners komme man in der Regel aus dem Vertrag nicht mehr heraus. Nach einer Trennung könne das aber zu einem Problem werden. Daher sei ein Testament möglicherweise die bessere Wahl. Denn dieses könne jederzeit geändert werden.

Die richtige Formulierung wählen: „Mutti soll alles erben!“ Kurz, knapp, nur leider zu unpräzise. Im familiären Umfeld ist wahrscheinlich allen klar, wen der Erblasser als Mutti bezeichnet. Für das zuständige Amtsgericht ist der Fall aber weniger eindeutig. Mit Mutti kann etwa die eigene Mutter des Erblassers gemeint sein, aber auch die Ehefrau. Ähnlich problematisch: Formulierungen wie. „Die Kinder sollen alles erben“ (gerade bei Patchwork-Familien: welche Kinder?) oder die Formulierung „Die Kirche soll alles kriegen“. Und auch die Erklärung „50 000 Euro sollen die Armen bekommen“ ist zu schwammig. In so einem Fall geht das Geld an den örtlichen Sozialhilfeträger und nicht an einen bestimmten Sozialverband.

Erbe und Vermächtnis nicht durcheinanderbringen: Eine häufig verwandte Formulierung: Jemand schreibt in seinem Testament, dass er sein Auto vererbt. Das geht nicht – denn der gesamte Nachlass wird vererbt, nicht ein Gegenstand. Ein Auto kann der Erblasser vermächtnismäßig jemandem zuwenden. Richtig müsste es also heißen: Mein Auto soll im Wege des Vermächtnisses mein Freund Mustermann erhalten.

Vorsicht bei juristischen Fachbegriffen: Wer juristische Fachbegriffe benutzt, läuft Gefahr, sie nicht im Sinne des Gesetzgebers zu gebrauchen. Ein Beispiel: Viele Erblasser verwenden die Begriffe Vorerben und Nacherben – sie meinen aber eigentlich den Schlusserben. Der Nacherbe ist jemand, der nicht gleich erbt, sondern erst, wenn ein weiteres Ereignis eintrifft. Bei Ehegatten können sich die Eheleute erst gegenseitig zum Erben einsetzen und erst am Schluss soll das Kind erben.

Gegenstände konkret bezeichnen: In einem Testament sollte der Erblasser die Dinge möglichst konkret beim Namen nennen. Dr. Ludwig Kroiß, Direktor des Amtsgerichts Traunstein und ausgewiesener Erbrechtsexperte, erklärt: „Ein Weinliebhaber hatte einen Weinkeller und hat ihn Bibliothek genannt. Im Testament stand dann, dass sein Neffe die „Bibliothek“ erben solle. Der Neffe hatte Glück und bekam den Weinkeller, er hätte aber auch Pech haben können und ein paar alte Bücher des Verstorbenen bekommen können.“ Der individuelle Sprachgebrauch muss in so einem Fall durch Zeugen nachgewiesen werden – besser wäre es gewesen, einfach Weinkeller zu schreiben.

Ersatzerben bestimmen: Testamente liegen oft jahrzehntelang in der Schublade. Deshalb sollte der Testator auch einen Ersatzerben einsetzen, etwa für den Fall, dass der eigentlich Begünstigte selber schon gestorben ist oder das Erbe nicht antreten will.

Vor- und Nacherben richtig anordnen: Im Testament kann eine Nacherbschaft angeordnet werden. Sie tritt unter bestimmten Bedingungen ein. Typisches Beispiel: Eine Person erhält die Erbschaft als Vorerbe. Stirbt dieser Vorerbe, fällt das Erbe an den oder die Nacherben. Um sicherzustellen, dass der Nacherbe den Nachlass erhält, ist der Vorerbe gewissen Verfügungsbeschränkungen unterworfen. Er darf also beispielsweise ein Grundstück nicht verkaufen.

Expertenrat einholen: Es geht nichts darüber, für die Erstellung des Testaments einen Notar aufzusuchen. Der kennt alle möglichen Fallstricke und kann dafür sorgen, dass der Letzte Wille auch tatsächlich im Sinne des Verstorbenen gilt und ausgeführt wird!

Marc Kniepkamp

Auch interessant

Meistgelesen

Zeitverzug bei Hauptbahnhof: Stuttgart 21 erst 2023?
Zeitverzug bei Hauptbahnhof: Stuttgart 21 erst 2023?
Neuer Faber-Castell-Chef setzt auf China und neue Trends
Neuer Faber-Castell-Chef setzt auf China und neue Trends
Zum Fahrplanwechsel: Bahn erhöht Preise - auch Fernzugtickets teurer
Zum Fahrplanwechsel: Bahn erhöht Preise - auch Fernzugtickets teurer
Höhenflug beim Butterpreis geht wohl zu Ende
Höhenflug beim Butterpreis geht wohl zu Ende

Kommentare