Exportwirtschaft bejubelt Euro-Absturz

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Exporte werden durch den Kursverfall des Euro billliger.

Frankfurt/Main - Politiker rufen nach einer Währungsreform, Anleger fürchten um ihr Erspartes: Der Euro ist auf Talfahrt. Anderen Wirtschaftsexperten bereitet die Kursentwicklung Sorge.

Seit dem Hoch im Dezember 2009 hat die Gemeinschaftswährung rund 18,3 Prozent verloren. Innerhalb einer Woche rauschte der Kurs um rund 0,6 Cent nach unten. Der Verfall ruft jedoch nicht nur Schockreaktionen hervor. Die deutsche Wirtschaft nimmt die Entwicklung gelassen, profitieren doch gerade exportierende Unternehmen von einem günstigen Euro - wenn auch nur kurzfristig.

“Eine schwache Währung kommt immer dem Außenhandel zugute“, sagt Commerzbank-Währungsexperte Ulrich Leuchtmann. “Produkte made in Germany sind preislich gesehen ganz klar wettbewerbsfähiger.“ Gerade Unternehmen, die ihre Waren vornehmlich in die USA und nach Asien lieferten, verzeichneten eine höhere Nachfrage und steigerten damit ihr Exportvolumen. Werde zudem ein Großteil der Produktionskosten in Euro bezahlt, bringe der Wechselkursunterschied unter dem Strich mehr Geld. Positiv wirke sich ein schwächerer Euro vor allem auf Unternehmen aus, die keine spezialisierte Waren herstellten und in Serie produzierten, sagt Leuchtmann weiter. “Ist das Angebot groß, kommt es auf einen guten Preis an.“

Firmen hingegen, die hauptsächlich vom Einkauf lebten, setze der Absturz des Euro deutlich zu, sagt der Währungsexperte. Betroffen sei an erster Stelle die Energiebranche, die am meisten importieren müsse: “Rohstoffe verteuern sich noch mehr, gerade für Öl müssen mehr Euro auf den Tisch gelegt werden.“

Sollte die Währung weiter absacken, bekämen das auch die Verbraucher - allen voran die Autofahrer - zu spüren: “Die Spritpreise dürften dann erneut steigen.“ Der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung schade die Euro-Abwertung infolge der gestiegenen Importpreise, fasst Leuchtmann zusammen. “Wer mehr Geld für teure - weil importierte - Güter ausgeben muss, dem bleibt nichts oder kaum mehr etwas für andere Produkte.“ Das real verfügbare Einkommen sinke folglich.

Langfristig treibe eine schwache Währung die Inflationsentwicklung. Darüber hinaus habe der Kursverfall einen negativen Effekt auf die ökonomische Wohlfahrt, fügt Leuchtmann hinzu. “Wir geben die Waren zwar billiger her, dabei kosten sie ebenso viel Arbeit und Mühe.“ Das Marktgleichgewicht werde dadurch empfindlich gestört.

Maschinenbau von Kursschwankungen unberührt

Neben Gewinnern und Verlierern gibt es indes auch Branchen, denen die Bewegung an den Devisenmärkten kaum etwas ausmacht. Betrieben, die hoch spezialisierte Produkte exportierten, nutze eine günstige Währung wenig, sagt Olaf Wortmann, Konjunkturexperte beim deutschen Maschinenbauverband (VDMA). “Unsere Unternehmen sind nicht sonderlich wechselkursabhängig, weder auf Export- noch auf Importseite.“ Bei den Einkäufen halte sich das Angebot die Waage: “Nicht alles, was man braucht, gibt es in den USA“, sagt Wortmann. Was die Verkäufe betreffe, sei zwar der Preis der entscheidende Faktor. Ein kleines Unternehmen in der Schwäbischen Alb beispielsweise achte beim Kauf einer Maschine jedoch auf viel mehr: “Da kommt es auf die Qualität des Angebots an, auf die Zuverlässigkeit des Herstellers und seine Bereitschaft und Möglichkeiten, bei eventuellen Schäden auch schnell und problemlos für die Reparatur zu sorgen“, erklärt Wortmann.

“Euro sinkt auf neutrales Niveau“

Die Aufschreie um den Währungssturz kann der Konjunkturexperte ohnehin nicht nachvollziehen. “Wir haben keinen schwachen Euro“, sagt er, “vielmehr einen fair bewerteten.“ Das Problem sei, dass sich viele Unternehmer und auch Politiker an den Stand von Ende 2009 von “extrem teuren 1,50 Dollar“ gewöhnt hätten. Die Gemeinschaftswährung liege heute vielmehr im neutralen Bereich von 1,15 Dollar bis 1,25 Dollar. Darunter sollte der Kurs auch nicht fallen, meint Wortmann. “Wäre der Euro längere Zeit unterbewertet und exportierten deutsche Betriebe in Folge mehr, ließen deren Innovationsanstrengungen nach.

dapd

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