Digitalisierung

Vermögensberatung ist kein Automatismus

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Christian Fischl, Geschäftsführer bei Huber, Reuss & Kollegen.

Die Computer erobern die Finanzbranche. Individuelle Beratung können sie aber nicht ersetzen. Vermögensverwalter müssen den Nutz- und Mehrwert ihrer Arbeit noch klarer definieren als bisher schon.

Als Anleger und Bankkunde ist man mittlerweile komplett in die neue digitale Welt eingebunden. Das Geld zieht man am Automaten, Überweisungen und Daueraufträge werden online getätigt. Der Einkauf erfolgt per Kreditkartenzahlung via Internet. Und wer hat noch den Überblick, wo man welches Kundenprofil angelegt hat, um noch schneller und individueller seine Geschäfte online zu erledigen? Da überrascht es nicht, dass die Digitalisierung nun auch immer weiter in den Bereich der Geldanlage vordringt. Rein softwaregesteuerte Finanzprodukte wie Zertifikate und EFT sind bereits Alltag, selbst Kredite können bereits online beantragt werden. Doch wenn es um den Schritt davor geht, nämlich persönliche Kauf- und Verkaufsentscheidungen im Rahmen des eigenen Vermögensmanagements zu treffen, bleiben die Maschinen weitgehend außen vor. In Deutschland suchen Anleger immer noch das persönliche Gespräch mit sachkundigen Finanzprofis, entweder um sich im Einzelfall beraten zu lassen oder indem sie einem Vermögensverwalter ein umfassendes Mandat erteilen. Der Branche könnte jedoch bald neue Konkurrenz erwachsen. Mit Botschaften wie „Vermögensverwaltung kann so einfach sein“ oder „Clever anlegen für jedermann“ wollen derzeit junge Start-ups aus dem angelsächsischen Raum und auch aus der Schweiz das Geschäft der Vermögensverwaltung revolutionieren. „Das stärkste Argument, mit dem die Firmen bei den Kunden punkten wollen, sind die niedrigen Kosten“, sagt Christian Fischl von der Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Tatsächlich verlangt etwa Wealthfront, der nach eigenen Angaben größte Anbieter in den USA, für ein Mandat lediglich 0,25 Prozent im Jahr zuzüglich 0,15 Prozent an jährlichen Gebühren für die Investmentprodukte. Für diesen Preis erhalten Mandanten ein „global diversifiziertes Portfolio mit mehreren Anlageklassen“, das entsprechend ihrer Risikotoleranz entworfen, danach überwacht und den einmal gemachten Vorgaben folgend regelmäßig angepasst wird.

„Das Prinzip, ein Kundenprofil zu erstellen und dementsprechend zu handeln, ist schon richtig. Mit Vermögensverwaltung und verantwortungsvoller, individueller Beratung hat das aber nichts zu tun“, sagt Christian Fischl. Das fange schon mit der Erstellung des Risikoprofils des Kunden an: Während erfahrene Vermögensverwalter in einem persönlichen, mehrstündigen Gespräch die eigene Risikotoleranz und Risikotragfähigkeit ausloteten, müssten sich die Interessenten für softwarebasierte Vermögensberatung mit ein paar Maus-Klicks selbst einschätzen. So wirbt beispielsweise die in Zürich ansässige TrueWealth mit einer Anmeldung in vier Schritten: Von der Kontoeröffnung bis zur automatischen Vermögensverwaltung dauert es nach eigenen Angaben nur eine halbe Stunde. Für die Bestimmung des Risikoprofils und der Anlagestrategie kalkulieren die Schweizer gerade einmal einen Zeitaufwand von fünf Minuten. „Was kann man von einer solchen Einordnung erwarten? Diese holzschnittartige Selbstauskunft kann die Bedürfnisse eines Anlegers wohl kaum so gut erfassen wie der gründliche und sorgsame Austausch zwischen Mandant und Vermögensverwalter“, so Fischl. Doch der erfahrene Finanzprofi sieht auch die Chancen der neuen Technologien: Zum einen seien die meist jüngeren Kunden der Robo-Verwalter von heute die potenziellen Mandanten der individuellen Vermögensverwaltung von morgen. Zum anderen könne man die Offensive aus der Financial Technology-Branche (kurz: Fintech) auch zum Anlass nehmen, den eigenen Nutz- und Mehrwert für derzeitige und künftige Mandanten noch klarer zu definieren als bisher schon. „Aus unserer Sicht bietet eine gut geführte individuelle Vermögensverwaltung ihren Mandanten etliche Vorteile, in deren Genuss Kunden von Fintech-Unternehmen nicht kommen“, so Fischl. Ein Vorteil sei beispielsweise die freie Wahl der Anlageinstrumente. „Während Fintechs sich aus Kostengründen auf wenige Index-Fonds beschränken, können wir aufgrund unserer Expertise ein Portfolio durch konsequentes Risikomanagement auch vor größeren Verluststrecken bewahren“, so Fischl.

Ein anderer, wesentlicher Aspekt sei ein gutes Netzwerk aus Rechtsanwälten, Steuerberatern, Notaren und anderen Spezialisten, die für verschiedene Vermögens-, Steuer- oder Erbschaftsfragen zu Rate gezogen werden können. Das wichtigste Argument für einen Vermögensverwalter aus Fleisch und Blut sei jedoch das persönliche Gespräch und das, was man Fingerspitzengefühl nennt. „Automatismen sind per se nicht fehlerfrei, schon allein deshalb nicht, weil Anleger beim Umgang mit der Maschine Fehler machen können. Ein Computer kann Ihnen nicht in die Augen schauen und aufgrund des gewonnenen Eindrucks wichtige Fragen stellen“, so Fischl. Ein Vermögensverwalter müsse auch einmal eine Aussage oder eine Entscheidung infrage stellen dürfen. Vielleicht ist das sogar der wichtigste Unterschied zur Maschine. Menschen können zweifeln.

Mathias von Arnim

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