"Die Angstmacherei ist kriminell!“"

Finanzkrise: Schmidt-Tochter im tz-Interview

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Susanne Schmidt

Hamburg - Klare Meinungen, eine schnörkellose Sprache – Susanne Schmidt ähnelt ihrem Vater, dem Alt-Kanzler Helmut Schmidt, sehr – nur dass ihr Hamburgisch einen leicht britischen Akzent hat. Die tz sprach mit ihr.

Die 65-Jährige, die wegen der Bedrohung durch die RAF einst nach Großbritannien ging und dort 30 Jahre lang bei internationalen Banken und dem Börsensender Bloomberg arbeite, teilt auch viele Ansichten ihres 93-jährigen Vaters zum Euro – „nur dass mein Vater manchmal etwas radikaler ist, etwa, wenn es um die Möglichkeiten geht, die Macht der Banken zu beschneiden“. Jetzt hat Susanne Schmidt, die bereits mit ihrem Buch Märkte und Moral die Bestsellerlisten erklomm, ein neues Buch zur Finanzkrise geschrieben. In Das Gesetz der Krise rechnet sie hart mit den Banken ab: „Sie nehmen, was sie kriegen können, kümmern sich nicht um die Folgen ihres Handels und tun alles, um ihre Risiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen.“

Das Interview:

Alle sprechen von der EuroKrise. Sie sagen, dass dieser Begriff nicht passt. Warum?

Susanne Schmidt: Der Begriff Euro-Krise gaukelt vor, dass es sich um eine Währungskrise handelt – aber das stimmt nicht. Der Euro ist eine starke Währung. Das eigentliche Problem sind die dramatisch angestiegenen Schuldenstände der Staaten – nicht nur in der Euro-Zone, sondern auch in Großbritannien, den USA oder Japan. Und diese Schulden sind vor allem wegen der Bankenrettungen aufgelaufen – deshalb spreche ich von der Bankenkrise zweiter Akt.

Sie selbst haben 30 Jahre lang in der Londoner City gearbeitet. War damals die Bankenwelt moralischer als heute?

Schmidt: Moralischer weiß ich nicht, aber die Dienstleistungsmentalität stand vor der Verkaufsmentalität. Mit Maggie Thatcher und Ronald Rea­gan kam in den 80er-Jahren die totale Entfesselung des Geldes. Kontrollen fielen weg, US-Banken kamen nun in die Londoner City. Die brachten ihre Boni-Vergütungssysteme mit: Was die Manager verdienen, richtet sich seitdem nach dem Aktienkurs der letzten drei Monate. Das brachte nicht nur ein gefährliches Kurzfristdenken in die Bankenwelt, sondern auch die Gier. Die extrem laxe Aufsicht für die Banken, die lockere Geldpolitik der US-Notenbank Fed – das alles hat uns die Finanzkrise eingebrockt.

Die Politik hat diese Auswüchse also erst möglich gemacht. Aber hat die Politik auch die Macht, die Banken wieder an die Leine zu nehmen?

Schmidt: Ich sehe keinen Grund, warum das nicht so sein sollte! Die Bankenlobby ist stark, klar. Aber die Politik könnte sich durchsetzen, denn sie setzt die Spielregeln und kann den Schiedsrichter benennen.

Aber in der Regel läuft das Spiel doch so: Berlin und Paris beschließen die Finanztransaktionssteuer – und dann drohen die Banken einfach, nach London oder Singapur zu gehen …

Schmidt: Das ist ein Totschlagargument, denn wir werden es nie schaffen, dass die ganze Welt Ja zu einer solchen Steuer sagt. Doch: Die Deutsche Bank zum Beispiel würde es sich dreimal überlegen, aus Deutschland wegzugehen, erstens, weil das in Deutschland ein gigantisches Politikum sein würde, ein solches Risiko würde die Bank nicht eingehen wollen. Und zweitens: London oder Zürich würden weitere Großbanken gar nicht haben wollen! Die haben jetzt schon extreme Schwierigkeiten mit ihren Großbanken, die zum Teil verstaatlicht werden mussten. Wenn jetzt noch deutsche oder französische Riesen zu britischen Banken werden würden, müssten die – wenn es hart auf hart kommt – ja von London gerettet werden! Ich denke deshalb, dass es eher wahrscheinlich ist, dass sich mehr und mehr Länder einer deutsch-französischen Transaktionssteuer anschließen werden.

EFSM, EFSF oder ESM: Das bedeuten die Kürzel der Finanzkrise

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Wie kann sich ein Normalbürger, der vielleicht 100 Euro im Monat auf die hohe Kante legen kann, auf die auch von Ihnen prophezeite Inflationsgefahr einstellen?

Schmidt: Ein Kleinanleger muss sich immer überlegen, dass er Rendite nicht ohne Risiko bekommt. Derzeit ist das Zins­niveau extrem niedrig und damit die Rendite – außer wenn ich in riskantere Papiere wie Junkbonds, Aktien oder Zertifikate gehe. Aber wenn ich ruhig schlafen und risiko-arm anlegen will, muss ich diese Durststrecke mit negativen Realzinsen durchstehen.

Sie warnen zwar vor Inflation, nennen es aber gleichzeitig „kriminell“, die Angst vor Zuständen wie in Deutschland der 20er-Jahre zu schüren. Was macht Sie so sicher, dass die Inflation nicht doch höher steigt als die von Ihnen prognostizierten vier oder fünf Prozent?

Schmidt: Das Beschwören Weimarer Verhältnisse ist kriminell, weil es den Menschen Angst macht und zu unsinnigen Schritten treibt. Da kaufen sich dann Leute zum Beispiel Immobilien, obwohl sie sich bei abgewogener Betrachtung so eine Riesenanschaffung nie antun würden. Ich denke, dass die Notenbanken scharf reagieren würden, falls die Inflation wirklich aus dem Ruder zu laufen drohte. Das Wissen, die Einsicht, die Mechanismen zur Begrenzung solch einer Inflation sind heute ganz andere als in den 20er-Jahren. Es sind Lehren aus der Vergangenheit gezogen worden.

Wie beurteilen Sie den Kurs der CSU in der Euro-Krise? Immerhin hat Horst Seehofer jetzt versprochen, Merkels Rettungskurs mitzutragen und den Griechen mehr Zeit zu geben …

Schmidt: Aus der CSU kamen ausgesprochen populistische Töne, die sich nicht viel nahmen mit den Tönen populistischer Parteien in anderen Ländern. Diese Töne scheinen aber leiser geworden zu sein – nächstes Jahr steht eine Wahl an, und ein Zerwürfnis zwischen CSU und CDU wäre nicht gerade wahlfördernd. Die CSU ist nun mal eine Regionalpartei, der etwaige Konkurrenz seitens der CDU in ihrem Stammgebiet wohl nicht gut bekommen würde.

Hat Ihr Vater Ihr Buch schon gelesen?

Schmidt: Ja, und ich glaube, er fand’s ganz gut. Hat er jedenfalls gesagt.

Sind Sie manchmal auch erstaunt darüber, dass Ihr Vater heute der beliebteste Deutsche ist – als er noch Kanzler war, wurde er ja durchaus viel kritisiert ...

Schmidt: Ja, das ist schon erstaunlich. Aber das ist okay, doch ganz schön!

Interview: Klaus Rimpel

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