Was Kunden jetzt beachten müssen

So funktioniert die neue Lebensversicherung

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Noch eine Lebensversicherung abschließen? Eher nicht, raten Experten.

München - Auf einmal ist es ganz schnell gegangen: Noch im März war über ein Rettungspaket für die Lebensversicherer nur spekuliert worden – jetzt hat das Gesetz bereits das Kabinett passiert. Die tz klärt die wichtigsten Fragen:

Was passiert mit dem Garantiezins?

Er soll zum 1. Januar 2015 für Neuverträge von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent sinken. Zwischen 1994 und 2000 lag der Garantiezins bei 4,0 Prozent. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte dazu, es sei „nicht seriös, beim jetzigen Niedrigzinsniveau noch relativ hohe Garantieversprechen abzugeben.“ Allerdings verlieren die Lebensversicherungen damit weiter an Attraktivität.

Worum geht es bei den Änderungen bei der Bewertungsreserve?

Abstriche müssen einige Versicherte bei den sogenannten Bewertungsreserven hinnehmen, sofern diese aus festverzinslichen Wertpapieren wie Staatsanleihen resultieren. Die Beteiligung an Bewertungsreserven aus Immobilien und Aktien bleibt unverändert. Dadurch sollen die den Bestandskunden zugesagten Garantien gesichert werden. Das trifft vor allem die Kunden, deren Verträge in den nächsten drei, vier Jahren auslaufen. Von ihnen würden einige weniger bekommen, als erhofft, räumte Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium, ein. Die geplante geringere Beteiligung an den Bewertungsreserven könne „bis zu drei, vier, fünf Prozent der Summe ausmachen“.

Woher kommen diese Bewertungsreserven?

Sie sind Wertsteigerungen von Wertpapieren. Kauft eine Versicherung von den Kundenprämien eine Aktie für 100 Euro, bleibt ihr Buchwert in der Bilanz auch fünf Jahre später bei 100 Euro, selbst wenn der Kurs auf 120 Euro gestiegen ist. Die 20 Euro Differenz zwischen Marktwert und Kaufwert ist die sogenannte Bewertungsreserve oder stille Reserve. Laut Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft schütteten die Versicherer 2013 jeden Monat 300 Millionen Euro an Bewertungsreserven aus.

Muss die Versicherungsbranche auch Zugeständnisse machen?

Ja. Sie müssen ihre Kunden künftig stärker an den Risikoüberschüssen beteiligen, die vor allem durch die Verwendung vorsichtiger Sterbetafeln entstehen. Der entsprechende Satz soll von 75 Prozent auf 90 Prozent angehoben werden. Allein 2012 beliefen sich die Risikogewinne aller Versicherer auf 800 Millionen Euro.

Was ist mit den Provisionen beim Abschluss einer Versicherung?

Die Versicherer dürfen diese Kosten künftig zu einem geringeren Teil an die Versicherten weiterreichen als bisher. Lars Gatschke kritisiert im tz-Gespräch, diese Änderung gehe nicht weit genug: „Angesichts der mittlerweile üblichen gebrochenen Erwerbsbiographien müsste man die Abschluss- und Vertriebskosten gleichmäßig über die Laufzeit verteilen. Bisher zahlt man am Anfang die Provision auf Beiträge, die man unter Umständen nie leisten wird.“

Was passiert, wenn ein Versicherer doch in Schieflage gerät?

Dieser Plan gefällt der Versicherungsbranche nicht: Ist die Leistungsfähigkeit eines Versicherers gefährdet, kann die Dividendenzahlung an Aktionäre entfallen.

"Es gibt keine Faustregeln"

Was bedeutet diese Reform für jemanden, der schon eine Lebensversicherung hat?

Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen: Es kommt stark darauf an, ob mein Vertrag kurzfristig ausläuft oder ich ihn – aus welchen Gründen auch immer – recht bald kündigen muss. Ist das der Fall, wird man deutliche Einschnitte hinnehmen müssen. Wer einen Vertrag hat, der noch länger läuft, wird unter Umständen sogar Verbesserungen erfahren. Denn bei den Überschüssen kommt etwas mehr in die Töpfe und es soll besser auf die einzelnen Verträge verteilt werden.

Gibt es Kunden, die ihren Vertrag jetzt lieber kündigen sollten?

Gatschke: Man sollte nicht übereilt einfach kündigen, sondern beide Varianten gegenüberstellen. Also: Rückkaufwert plus Bewertungsreserve vergleichen mit der Ablaufleistung abzüglich der noch zu zahlenden Beiträge. Da muss dann jeder einzelne Kunde entscheiden, womit er besser fährt. Insbesondere wenn man in den ersten Jahren unterwegs ist. Diese Beteiligung an den Bewertungsreserven ist auch an die Überschüsse gekoppelt. In den ersten Jahren bauen Kunden aber kaum Überschüsse auf. Deshalb sollten sich Kunden, deren Vertrag erst fünf Jahre gelaufen ist, nicht zu einer Kündigung überreden lassen, die sie im Zweifel mehr kostet als ihnen die Bewertungsreserven bringen können.

Gibt es da eine Faustregel, wann sich die Kündigung lohnt?

Gatschke: Nein, das kann man seriöserweise nicht sagen. Da sind die Unterschiede schon von Versicherungsunternehmen zu Versicherungsunternehmen zu groß. Und letztlich sind die Vertragssituationen der Versicherten zu unterschiedlich.

Der Garantiezins sinkt weiter. Lohnt es sich da überhaupt noch, eine neue Lebensversicherung abzuschließen?

Gatschke: Man sollte nicht ausschließlich auf den Garantiezins schauen – es geht um die grundsätzliche Leistungsfähigkeit des Versicherungsunternehmens. Die Attraktivität einer Lebensversicherung hängt letztlich von der persönlichen Situation des Verbrauchers ab. Man muss sich bewusst machen, dass eine Lebensversicherung eine Ehe auf Lebenszeit ist. Wenn ich frühzeitig aussteigen will, ist das immer mit Verlusten verbunden. Die zentrale Frage lautet also, ob man überhaupt in ein solch unflexibles Produkt investieren will. Kaum jemand kann heute noch in die Glaskugel sehen und vorhersagen, dass er 30 Jahre lang in einen solchen Vertrag einzahlen kann. Sonst macht das Produkt keinen Sinn – wer also unter Umständen mal ein Haus bauen will, sollte keine Lebensversicherung abschließen.

"Enteignung der Sparer"

„Niedrigzinsen enteignen Sparer.“ In einem gemeinsamen Appell warnt die deutsche Finanzbranche vor den möglichen Folgen einer weiteren Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) auf unter 0,25 Prozent, die heute beschlossen werden könnte. Leidtragende der Politik der niedrigen Zinsen sind nach Auffassung der Verbandspräsidenten vor allem die Sparer. „Die anhaltende Niedrigzinspolitik beschädigt die dringend notwendige Altersvorsorge“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon. Gerade die Menschen in Deutschland legten ihr Geld traditionell sicher an und litten daher besonders unter den Niedrigzinsen.

Zusätzliche geldpolitische Lockerungen seien daher gefährlich für die Spar- und Stabilitätskultur in Deutschland. Zumal die Verbandspräsidenten den „Patient Europa“ inzwischen „auf einem langsamen, aber fortschreitenden Kurs der Besserung“ sehen.

Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, warnte in der Wirtschaftswoche ebenfalls vor möglichen Folgen für die Sparer durch den sogenannten negativen Einlagezins.

M. Kniepkamp

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