Wie die Steuer das Gehalts-Plus auffrisst

Die ganze bittere Wahrheit über unsere Löhne!

München - Viele haben das Gefühl, dass am Monatsende immer weniger im Geldbeutel übrig bleibt. Der große tz-Report über unsere Löhne und Abgaben zeigt auf, warum das so ist.

5,15 Billionen Euro – nie hatten die Deutschen im Durchschnitt mehr Geld auf der hohen Kante. Und trotzdem haben die meisten Bürger das Gefühl, dass am Monatsende immer weniger im Geldbeutel übrig bleibt! Der große tz-Report über unsere Löhne und Abgaben zeigt auf, warum das so ist.

1. Die kalte Progression

Jede Tariferhöhung freut auch den Finanzminister: Gerade kleine und mittlere Einkommen leiden übermäßig unter dem Effekt, dass sie bei Tariferhöhungen in eine höhere Steuerstufe rutschen. Wie die Tabelle des Deutschen Steuerzahlerinstituts des Bundes der Steuerzahler zeigt, kann so eine Tariferhöhung um drei Prozent zu einer Erhöhung der Steuerlast von bis zu 13 Prozent führen! Selbst in den letzten Jahren, da die Tariferhöhungen oft noch nicht einmal die Inflation ausgeglichen haben, griff der Fiskus dank des Progressions­effekts zu – mit dem Ergebnis, dass die reale Kaufkraft in den letzten Jahren immer weiter gesunken ist.

Zwar hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zuletzt in Aussicht gestellt, dass die Große Koalition die kalte Progression in Angriff nehmen will. Doch schon ist in der GroKo ein Riesenstreit entbrannt, der Zweifel aufkommen lässt, ob die Regierung die schleichenden Steuererhöhungen wirklich stoppen wird.

SPD-Chef Sigmar Gabriel bekommt in der eigenen Partei Gegenwind für seinen Vorstoß, die kalte Progression auch ohne Gegenfinanzierung durch höhere Steuern für Spitzenverdiener abzubauen. Parteivize Ralf Stegner sagte der SZ: „Wenn Schiffe voller Gold die Spree entlang fahren, können wir über alles reden. Aber mir fehlt gegenwärtig die Fantasie, wie ein Abbau der kalten Progression auf einem Weg zustande kommen kann, den die SPD akzeptieren kann.“ Gabriel hatte zuvor zum Abbau der schleichenden Steuererhöhungen gesagt: „Das muss aufgrund der hohen Steuer­einnahmen in dieser Legislaturperiode auch ohne Steuer­erhöhungen und auch ohne soziale Kürzungen möglich sein.“ Ursprünglich hatte die SPD gefordert, dies müsse durch höhere Steuern für Top-verdiener gegenfinanziert werden.

Aber auch in der CSU gibt es Uneinigkeit beim Thema kalte Progression: Während CSU-Chef Horst Seehofer erklärte, er sehe für solch eine Steuersenkung „in den nächsten ein bis zwei Jahren überhaupt keinen Spielraum“, will Bayerns Finanzminister Markus Söder das schnell anpacken. Der CSU-Minister schlug vor, die Hälfte der Gelder aus dem Solidaritätszuschlag für den Abbau der kalten Progression einzusetzen. Aber aus all den schönen Plänen wird wohl nichts: Kanzlerin Angela Merkel erklärte vor der CDU-Vorstandssitzung, sie sehe aktuell keinen Spielraum für eine Steuerentlastung.

Wofür die Deutschen ihr Geld ausgeben

Wofür die Deutschen ihr Geld ausgeben

2. Niedrige Tarifabschlüsse

Aktuelle Zahlen der EU-Kommission zeigen: In keinem anderen EU-Staat sind die Löhne im letzten Jahrzehnt so wenig gestiegen wie in Deutschland! Wenn man die Inflation gegenrechnet, sind die Gehälter in Deutschland seit 1995 nur um gerade mal zwei Prozent gestiegen – in anderen EU-Staaten verdienten die Angestellten und Arbeiter jedoch inflationsbereinigt zwischen 1995 und 2012 bis zu 30 Prozent mehr (siehe Tabelle). „Deutschland hat eine hoch problematische lohnpolitische Sonderstellung“, so Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ein wichtiger Grund für diese schwache Entwicklung liege in der sogenannten negativen Lohndrift, die eine deutsche Eigenheit darstelle. Während in anderen Ländern die Effektivlöhne häufig deutlich stärker anstiegen als die Tariflöhne, sei es in der Bundesrepublik in den letzten Jahren zumeist umgekehrt gewesen: Die Beschäftigten hätten im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt niedrigere Lohnerhöhungen bekommen, als in den Tarifverträgen vereinbart worden sei. Wesentliche Ursachen dafür seien die rückläufige Tarifbindung der Unternehmen sowie Möglichkeiten, auf betrieblicher Ebene von tarifvertraglichen Standards nach unten abzuweichen.

3. Die hohe Abgabenlast

Und noch ein Negativrekord für die deutschen Arbeitnehmer: In keinem anderen Industrie­staat (außer Belgien) ist die Steuer- und Abgabenlast höher als in Deutschland – was vor allem an den hohen Lohnnebenkosten liegt.

Den Spitzenplatz behält Deutschland, obwohl laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Abgabenlast 2013 gegenüber 2012 von 49,6 auf 49,3 Prozent leicht gesunken ist. Wegen der Beitragsbemessungsgrenzen, nach denen Sozialversicherungsbeiträge ab einer gewissen Einkommenshöhe nicht weiter steigen, werden bei uns niedrige und mittlere Einkommen vergleichsweise stärker belastet als sehr hohe – eine Ungerechtigkeit, die es außer in Deutschland so nur noch in Spanien und Österreich gibt, so die OECD-Studie.

Klaus Rimpel

Steuer- und Abgabenlast im internationalen Vergleich

So viel Prozent der Arbeitskosten gingen 2012 an den Staat bzw. an die Sozialversicherungen (Alleinstehende)

Staat Abgabenlast
Belgien 55,8 %
Deutschland 49,3 %
Österreich 49,1 %
Frankreich 48,9 %
Italien 47,8 %
Griechenland 41,6 %
Spanien 40,7 %
Japan 31,6 %
Großbritannien 31,5 %
USA 31,3 %
Kanada 31,1 %
Schweiz 22,0 %
Quelle: OECD

Reallohnsteigerungen zwischen 1995 und 2013

Vergleich EU-Staaten

Staat Inflationsbereinigte Lohnsteigerung in Prozent
Irland + 30 %
Großbritannien + 25 %
Portugal + 18 %
Frankreich + 18 %
Niederlande + 15 %
Belgien + 12 %
Österreich + 8 %
Spanien + 4 %
Deutschland + 2 %
Quelle: EU-Kommission

So viel kassiert der Staat bei Lohnerhöhungen

Monatliches Bruttogehalt

Lohnsteigerung

+ 3 %

Steigende Steuerlast
Alleinstehend
1500 Euro + 45 Euro + 12 Euro (+ 13 %)
2000 Euro + 60 Euro + 14 Euro (+ 6,6 %)
2500 Euro + 75 Euro + 20 Euro (+ 5,7 %)
3000 Euro + 90 Euro + 26 Euro (+ 5,3 %)
3500 Euro + 105 Euro + 32 Euro (+ 5,1 %)
4000 Euro + 120 Euro + 42 Euro (+ 5,3%)
4500 Euro + 135 Euro + 52 Euro (+ 5,4%)
5000 Euro + 150 Euro + 62 Euro (+ 5,3 %)
Doppelverdiener
3000 Euro + 90 Euro + 19 Euro (+ 9,6%)
3500 Euro + 105 Euro + 24 Euro (+ 7,6%)
4000 Euro + 120 Euro + 29 Euro (+ 6,6%)
4500 Euro + 135 Euro + 34 Euro (+ 6,1 %)
5000 Euro + 150 Euro + 39 Euro (+ 5,7 %)
5500 Euro + 165 Euro + 47 Euro (+ 5,8 %)
6000 Euro + 180 Euro + 56 Euro (+ 5,7 %)
6500 Euro + 195 Euro + 63 Euro (+5,6 %)
Quelle: Bund der Steuerzahler

So viel von Ihrer Lohnerhöhung (siehe oben) frisst die Steuer pro Jahr auf

Alleinstehend
Zu versteuerndes Jahreseinkommen Kalte Progression 2014

Kalte Progression

2015

Kalte Progression 2016 Kalte Progression 2017 Kalte Progression 2017
36.000 Euro 311 Euro 417 Euro 528 Euro 643 Euro 764 Euro
48.000 Euro 501 Euro 662 Euro 830 Euro 1001 Euro 1167 Euro
Familie (Ehepaar mit 2 Kindern)
36.000 Euro 253 Euro 360 Euro 471 Euro 586 Euro 701 Euro
48.000 Euro 350 Euro 486 Euro 625 Euro 770 Euro 918 Euro

Quelle: Bund der Steuerzahler, unterstellte Inflationsrate 2014 und 2015: je 1,5 %. 2016 – 2018: je 1,8 %, Soli ist berücksichtigt.

Rubriklistenbild: © dpa

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