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Getränke, Textilien und Medikamente: Welche Folgen ein russischer Gas-Lieferstopp hätte

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Von: Lisa Mayerhofer

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Biotechnologie
Ein Gas-Lieferstopp hätte fatale Folgen für die deutsche Wirtschaft, zeigt eine Studie. Darunter auch: die Pharmaindustrie (Archivbild) © Boris Roessler/dpa/Archivbild

Ein Gas-Lieferstopp hätte fatale Folgen für die deutsche Wirtschaft, zeigt eine Studie. Zudem könnte laut einem Bericht die Produktion lebenswichtiger Medikamente gefährdet sein.

München – Dieses Szenario wird immer realistischer: Russland stellt seine Gaslieferungen nach Europa komplett ein, nachdem der Kreml diese schon im Juni deutlich reduziert hat. Laut einer aktuellen Studie würde das die deutsche Wirtschaft aber schwer treffen. Es sei von „Einbußen der deutschen Wirtschaftsleistung von insgesamt 12,7 Prozent“ auszugehen, heißt es in einer Prognos-Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Rechnerisch wären davon etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze betroffen.

Studie beschreibt Szenario eines russischen Gas-Lieferstopps

Die Untersuchung unterstellt das Szenario eines Lieferausfalls von russischem Gas ab Juli. Der Analyse zufolge wäre in diesem Fall der Gasbedarf der Industrie nicht einmal zur Hälfte gedeckt. „Die Wertschöpfung der direkt betroffenen Branchen würde um 3,2 Prozent sinken, was einem Verlust von rund 49 Milliarden Euro entspricht“, erklärte die vbw.

„Besonders betroffen sind Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, dort müssen wir davon ausgehen, dass die Wertschöpfung um fast 50 Prozent zurückgeht“, erklärte Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Ähnliches gelte für die Bereiche Chemie, Keramik, Nahrungsmittel und Textil sowie das Druckereiwesen – hier würden die Wertschöpfungsverluste bei über 30 Prozent liegen.

Eine weitere Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und der Marktforscher von Calculus Consult hat untersucht, welche Folgen ein Gas-Lieferstopp für verschiedene Branchen in Deutschland hätte.

Stark betroffen sind:

Gas-Lieferstopp mit „dramatischen Auswirkungen“ für Getränkeindustrie

Die Getränkeindustrie ist in hohem Maße von Importgas abhängig, berichtet das Handelsblatt. Ein Viertel der eingesetzten Energie ist russisches Gas. „Ein Lieferstopp hätte dramatische Auswirkungen für die gesamte Getränkeindustrie – auch indirekt“, warnt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes in dem Magazin. Nicht nur die energieintensive Getränkeherstellung wäre bei einem Gas-Lieferstopp betroffen, sondern auch Vorlieferanten wie Mälzereien sowie Verpackungs- und Glashersteller.

Textilbranche ist abhängig von russischem Gas

Auch die Textilbranche würde laut Handelsblatt unter einem Gas-Lieferstopp sehr leiden. Über 20 Prozent beträgt der Anteil des russischen Gases am Energieverbrauch in der Branche. Vor allem der Herstellungsprozess von Funktionsgeweben in Produkten wie Airbags oder Arbeitsschuhen braucht eine Menge Gas.

Pharmabranche und Chemieindustrie beeinträchtigt

Besonders bitter ist aber, dass ein Ausbleiben des russischen Gases die Produktion lebenswichtiger Medikamente gefährden könnte – so zitiert das Handelsblatt Branchenvertreter. Laut der Studie beträgt der russische Gasanteil am Energieverbrauch in der Pharmaindustrie 18, 7 Prozent. Sowohl Dax-Unternehmen als auch Mittelständler der Pharmaindustrie seien auf das Gas angewiesen, so das Magazin.

Ähnlich gehe es der Chemieindustrie, die so viel Gas benötigt wie kaum ein anderer Industriezweig. Zudem bildet das Gas einen wichtigen Rohstoff für Chemikalien wie Ammoniak, das Ausgangsstoff für Düngemittel und medizinische Produkte ist.

Papierindustrie: Vom Gas-Lieferstopp zum Produktionsstopp

Auch die Herstellung von Verpackungen für Lebensmittel und Medikamente würde durch einen Gas-Lieferstopp schwer beeinträchtigt. „Ein Gasembargo würde für die Papierindustrie praktisch einen flächendeckenden Produktionsstopp bedeuten“, sagt Alexander von Reibnitz, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands „Die Papierindustrie“ dem Handelsblatt. Die Papierherstellung wäre erheblich beeinträchtigt.

Studie: Ziel sollte Unabhängigkeit von russischem Gas sein

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) sieht in ihrem Szenario enorme „Dominoeffekte“, welche die „gesamte Wertschöpfungskette“ empfindlich treffen würden. „Im Studienszenario kommen wir zu einem Rückgang der Wertschöpfung um weitere 144 Milliarden Euro“, erklärte Brossardt. „Die Störungen in den intensiv verflochtenen Produktions- und Lieferketten hätten also branchenübergreifend etwa die dreifache Auswirkung im Vergleich zu den direkten Folgen.“

Die Wirtschaftsvereinigung zog aus der Studie den Schluss, dass die Diversifizierung des deutschen Erdgas-Bezugs weiter vorangetrieben werden müsse. Ziel muss die vollständige Unabhängigkeit von russischem Gas „in möglichst kurzer Zeit“ sein. Außerdem müsse die Energiewende entschieden vorangetrieben werden. (lma/AFP)

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