Wettstreit am Milliardenmarkt

Das Geschäft mit Vitaminpräparaten & Co.

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Aufgelöste Vitamin-Brausetablette und vitaminreiche Nahrungsmittel wie Paprika, Zitrone und Karotten

Frankfurt - Hier noch eine Pille, da noch ein Vitamingetränk und dort noch eine Creme: Rezeptfreie Mittel fürs Wohlbefinden haben Konjunktur und lassen bei großen Pharmaunternehmen die Kassen klingeln.

Sie sollen die Immunabwehr stärken, schlaffe Haut straffen oder uns fitter und jünger aussehen lassen. Die Rede ist von Vitamin- und Mineralpräparaten, dem Eiweiß-Mix für Sportler oder der Faltencreme gegen den Zahn der Zeit. Mittel fürs Wohlbefinden sind gefragt. Laut Studien hat der globale Markt für Vitamine, Mineralien und Nahrungsergänzungsmittel inzwischen ein Volumen von rund 30 Milliarden Dollar (etwa 23 Milliarden Euro). Ein Riesengeschäft. Und das ist heiß umkämpft, und zwar über Branchen hinweg. Arzneimittelhersteller buhlen mit Konsumgüter- und Nahrungsmittelkonzernen um mögliche Kandidaten für Zukäufe. Erst kürzlich waren deswegen der deutsche Pharmariese Bayer und der Konsumgüterhersteller Reckitt-Benckiser heftig aneinandergeraten.

„Um den Milliardenmarkt der "Consumer-Health-Care-Produkte" ist ein knallharter Wettbewerb entstanden“, sagt Oliver Scheel, Partner und Leiter des Pharma-Teams bei der Düsseldorfer Unternehmensberatung A.T. Kearney. Es werde in Zukunft noch mehr Übernahmekämpfe um kleinere und mittlere Firmen geben, die auf dem Gebiet aktiv sind. Die Pharmaunternehmen wollten zunehmend Produkte für Kunden anbieten, die sich auf eigene Kosten etwas Gutes tun wollten. Zudem ist der Milliardenmarkt für rezeptfreie Mittel zwar etwas weniger profitabel als das Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneien, dafür aber ungleich risikoärmer und konstanter. „Und die Konsumgüter- und Nahrungsmittelkonzerne möchten hin zu Produkten, die einen messbaren Nutzen haben und emotional positiv besetzt sind.“

Und der Markt wächst. Die Zunahme chronischer Erkrankungen, höhere Einkommen und das steigende Gesundheitsbewusstsein sollten den Markt für Consumer-Health-Care-Produkte deutlich nach oben klettern lassen - ganz besonders in den Schwellenländern. „In diesen Märkten führt der neue Wohlstand einerseits zu einem höheren durchschnittlichen Lebensalter und andererseits zu einer Zunahme von Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder auch Demenz“, erklärt Pharmaexperte Scheel. 2030 werden bereits 36 Prozent aller Deutschen und 30 Prozent aller Chinesen älter als 60 Jahre sein.

Kein Wunder also, dass große Konzerne wie Bayer auf der Suche nach geeigneten Übernahmen sind. Aber das ist gar nicht so einfach, wie Bayer-Chef Marijn Dekkers vor wenigen Tagen erfahren musste: Bei der sicher geglaubten Übernahme des US-Konzerns Schiff Nutrition wurde der Dax-Konzern von der britischen Reckitt Benckiser mit einer höheren Offerte ausgestochen. Und dies, obwohl Bayer für den Hersteller von Vitaminpräparaten, Nahrungsergänzungsmitteln und rezeptfreien Medikamenten bereits gut 900 Millionen Euro geboten hatte - das rund 18-Fache des erwarteten Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA). Ein hoher Aufschlag, fanden Branchenexperten, zuletzt wurde eher das acht- bis zwölffache gezahlt.

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Bayer hätte deshalb die Milliardenofferte gerne gezahlt. Denn Konzernchef Dekkers hatte für die Übernahme mit den Worten geworben: „Das Schiff-Geschäft stärkt unsere Präsenz und Stellung in den USA deutlich, wo mehr verschreibungsfreie Produkte und Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden als in jedem anderen Land der Welt.“ Laut Studien entfallen allein rund 40 Prozent des weltweiten Geschäfts mit rezeptfreien Mitteln auf die USA. Insgesamt ist der Weltmarkt mit diesen Mitteln aktuell etwa 90 Milliarden Dollar (rund 70 Mrd Euro) groß.

Mit der Übernahme in den USA wollte der Bayer-Chef die Position der Leverkusener gegenüber großen Konkurrenten wie dem US-Konzern Johnson & Johnson, der britischen GlaxoSmithKline oder der französischen Sanofi stärken.

Unter den deutschen Arzneimittelherstellern ist neben den beiden Dax-Konzernen Bayer und Merck auch Boehringer Ingelheim auf dem Markt für rezeptfreie Medikamente aktiv. Das Familienunternehmen nimmt Rang sechs der weltweit zehn größten Herstellern von Produkten zur Selbstmedikation ein. Ebenfalls mit von der Partie sind die Bad Vilbeler Stada und das Frankfurter Unternehmen Merz, das im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011/2012 den Umsatz mit seinem Botox-Konkurrenten Bocouture fast verdoppelt hat.

Und jede Nische wird genutzt. So ist der Nahrungsmittelkonzern Nestle gerade ins Geschäft mit traditioneller chinesischer Medizin eingestiegen. Die Gesundheitsbranche in der Volksrepublik boomt. Im vergangenen Jahr wuchs sie um mehr als 30 Prozent. Rund ein Viertel der ärztlichen Behandlungen erfolgt nach traditioneller Art. Von diesem Kuchen möchte Nestle ein Stück abhaben.

dpa

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