Ansturm auf Läden, Milchpulver knapp

Babymilch-Krise! Chinesen kaufen die Regale leer

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Frühmorgens in der Münchner Filiale einer großen Drogeriekette: Ein chinesischer Einkaufstrupp mit Tragetaschen, Rucksäcken und Trolleys.

München - Manche Geschichten sind derart absurd – aber kein Witz: Wer dieser Tage Baby-Trockenmilch in Drogerien und Ladenketten sucht, findet die Bestände ausgedünnt oder die Regale gleich ganz leer. Denn chinesische Einkäufer hamstern bei uns die Babymilch weg!

 Allein, als Paar oder gleich in ganzen Einkaufstrupps rücken sie oft schon frühmorgens an und räumen ab. Bewaffnet mit reichlich Bargeld, Handys, großen Taschen und Trolleys zum Umverpacken draußen auf dem Gehsteig … Betroffen: Alle Geschäfte, alle Drogerieketten, alle Marken und Produkte rund um Hipp, Töpfer, Bebivita oder Milupa. Hauptsache „Made in Germany“ steht auf der Verpackung!

Bitterernster Hintergrund: Ein Skandal um verunreinigte Babymilchprodukte vor ein paar Jahren in China. Profitgierige Gauner mischten den hochgiftigen Klebharz Melamin und später sogar Quecksilber in die Babynahrung. Die Machthaber in China verhängten Todesurteile gegen die Panscher-Banden (siehe Kasten unten rechts). Dennoch: Das Vertrauen chinesischer Mütter in einheimische Trockenmilch ist und bleibt erschüttert – bis heute. Die Chinesen kaufen lieber deutsche Produkte, und räumen uns so die Regale leer.

Die tz machte die Probe aufs Exempel: Morgens ganz früh, kurz nach Geschäftsöffnung, ein Drogeriegeschäft in der Innenstadt, zentrale Lage, S-Bahnnähe. Tatsächlich: Die ersten China-Hamster tauchen auf, mit Koffern und großen Tüten … „Ich bleib immer gleich neben den Regalen stehen, wenn ich sie sehe“, sagt uns Verkäuferin Gudrun (Name geändert, die Red.). „Sonst würden sie gleich alles leer räumen. Manche folgen dir sogar dreist bis ins Lager. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich den anderen Kundinnen sagen soll …“

Der Handel reagiert bisher mit Abgabeschränkungen: In einem dm-Markt in Bahnhofnähe lesen wir am Regal „Only two items per person per day (nur zwei Packungen am Tag pro Kunde)“. Und „Aufgrund von Lieferengpässen können wir Babymilch bis auf Weiteres nur in handelsüblichen Mengen (zwei Stück) abgeben,“ erklärt ein Schild im leeren Fach eines zentral gelegenen Müller-Markts – praktischerweise auch gleich in chinesischen Schriftzeichen.

Eine Chinesin, die ums Regal streicht, beantwortet zögerlich unsere Fragen. Sie sei „Studentin“ sagt sie in gebrochenem Deutsch: „Die Babynahrung in unserem Land ist schlecht“, erklärt sie. „Die hier ist besser“. Und ja, sagt sie, „viele Chinesen“ machten das. „Mit der Post“ schicke sie ihre Einkäufe an ihre Schwester und beteuert: „Nur für Verwandschaft. Nur meine Familie.“ Echt? Können wir das glauben? Steckt da kein System dahinter? Warum heben die Einkäufer ihre Kassenbons so sorgfältig auf? Kaufen Sie mit fremdem Geld, im Auftrag? Den Begleiter der jungen Frau jedenfalls kennt Verkäuferin Gudrun schon gut. „Der kommt alle zwei, drei Tage vorbei … “ Jetzt hat er sich auch schon das vierte Mal mit mehreren Packungen zur Kasse aufgemacht. „Aptamil?“, fragt er und macht Hundeaugen. – „No Aptamil“, Aptamil finished“, entgegnet Gudrun.

Randvoll. Abmarsch. Bis zu 38 Kilo Reisegepäck sind in China erlaubt. Das ruft auch Geschäftmacher auf den Plan

Bei Müller, dem größten Anbieter Deutschlands im Drogeriesortiment, kennt man das Problem seit Längerem. Zwar sehe man „kaum noch eine Knappheit“ aufgrund „unserer Marktgröße“, dennoch bestätigt Konzernsprecherin Tatjana Meier, es sei „richtig, dass weiterhin organisierte Einkaufsgruppen oder asiatische Urlauber immer wieder Hamstereinkäufe in Filialen vornehmen. So passiert es, dass binnen Minuten gut gefüllte Regale leer sind.“ Laut Meier hat sich „scheinbar ein wirtschaftlich interessanter Markt für Klein-Exporteure ergeben“. Diese seien gut organisiert, reisten „von Stadt zu Stadt“ und „kauften Babymilch in den Filialen bei uns wie auch anderen Anbietern auf. Vieles findet sich davon später im Internet wieder“. Diese Klein-Exporteure hätten Internetseiten erstellt, auf denen sie die Ware weiter verkauften und nach China lieferten. Als Beweis, dass die Ware echt sei, werde dem Kunden „auch der Müller-Kassenbon dazugelegt“. Im Internet werde damit von den „Anbietern“ sogar direkt geworben …

Große Handelsketten wie Müller schafften es in der Regel, Filialen binnen eines Tages wieder neu zu beliefern. „Zusätzlich bieten wir Kunden an, in den Filialen eine Bestellung vorab telefonisch aufzugeben. Wir hinterlegen dann die Ware“, so Meier weiter. Der Handel verweist im Übrigen darauf, dass ihm natürlich grundsätzlich jeder Kunde willkommen sei. Und es nicht seine Aufgabe sein könne, für das Problem eine Lösung zu finden …

Besonders begehrt im Reich der Mitte ist Aptamil.

Das Milupa-Produkt Aptamil ist besonders begehrt. Warum? „Der Fluch der guten Tat, 40 Jahre Muttermilchforschung“, so Milupa-Sprecher Stefan Stohl. Das zählt bei den wissenschaftsorientierten Asiaten. Und natürlich wird auch ganz einfach ein lukratives Geschäft gemacht mit der Angst der Eltern: Hipp & Co. bringen in China bis zum Vier- oder Fünffachen des deutschen „Einkaufspreises“. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Stohl erhielt schon dreiste Anrufe chinesischer „Privathändler“, mit dem Tenor: „Wir kriegen ja doch so was um die 100 000 Packungen zusammen. Da wäre es doch einfacher, sie verkaufen es uns gleich direkt?“ Noch erstaunlicher ist der Faktor Zeit: Jedes Jahr ab Dezember und März gehen die Hamsterkäufe so richtig durch die Decke und bringen deutsche Mütter zur Verzweiflung. Von „rund 500 Anrufen besorgter Mütter pro Woche“, die in den Drogeriemärkten vor leergehamsterten Regalen stehen, weiß Milupa-Sprecher Stefan Stohl derzeit zu berichten. „Es zieht gerade wieder an.“ Warum? Bis vor Kurzem ein Rätsel. Chinaexperten liefern jetzt die Erklärung. Stohl: „Das chinesische Neujahrsfest Anfang bis Mitte Februar könnte der Grund sein. Dann macht praktisch ganz China dicht.“ Die Festzeit ist beliebter Anlass, Familie und Freunde auf dem Land zu besuchen. Beliebtes Mitbringsel in den abgelegenen Provinzen: deutsche Babytrockenmilch.

Die Hersteller hierzulande haben zwar Verbraucher-Hotlines eingerichtet – wollen aber weiter ausschließlich für den heimischen Markt produzieren. Oft können sie auch gar nicht anders. Milupa etwa gehört zum großen Danone-Konzern, einem wirtschaftlichen Global Player. Der besitzt natürlich ein asiatisches Tochterunternehmen, das den chinesischen Markt mit Produkten nach den offiziell vorgegebenen chinesischen Import-Standards versorgt. Allerdings dann in chinesischen Verpackungen. Das allein genügt aber, damit die Produkte im Reich der Mitte „durchfallen!“ Besser aus dem Ausland, und am besten deutsch! Milupa will nun im hessischen Fulda noch in diesem Jahr ein weiteres Werk eröffnen und die Jahresproduktion so auf satte 100 000 Tonnen verdoppeln. „Vielleicht bekommen wir so das Problem in den Griff“, hofft Stohl.

Damit könnte man dann auch noch üblere Machenschaften als Schmuggel und Hamsterkäufe ausmerzen, die der Milchpulverwahn treibt: Laut Gerüchten aus Asien regen sich die chinesischen Produktpanscher nämlich wieder. In Neuseeland und Australien sollen sie Hinterhofwerkstätten aufgezogen haben. In diesen Klitschen soll billiges Chinapulver unkontrolliert und mit Wer-weiß-was-für-Zusätzen in europäischen Verpackungen zusammengeschüttet und nach China zurückverscherbelt werden … Zack – gefährlicher Megaprofit!

Tödliche Babynahrung

Bis ins Jahr 2008 reichen die Ursachen für die chinesischen Hamsterkäufe bei uns zurück. Damals mixten skrupellose Geschäftemacher eines chinesischen Herstellers die Chemikalie Melamin (ein Industrieharz) ins Trockenpulver, um einen höherenProteingehalt der Milch vorzugaukeln und höhere Preise verlangen zu können. Über 300 000 Kinder erkrankten schwer, mindestens ein Todesopfer ist belegt. „Im Skandal um verseuchte Babymilch hat ein Gericht in China erste Urteile verkündet und zwei Mal die Todesstrafe verhängt. Ein dritter Mann wurde zu einer ausgesetzten Todesstrafe verurteilt …“ – berichtet die tz im Januar 2009 über die Babymilch-Panscher.

Oliver Menner 

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