Zu faul? Schlecht gebildet? Wählerisch?

Hartz IV: Die Wahrheit hinter den Vorurteilen

München - Wer arbeitslos ist, ist in der Gesellschaft unten durch: Hartz-IV-Empfänger gelten wahlweise als faul oder als frech. Wir sagen Ihnen die Wahrheit hinter diesen Vorurteilen.

„In der Bevölkerung halten sich die Irrtümer leider hartnäckig“, beklagt das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt. „Der Großteil von ihnen ist hoch motiviert und verdient eine zweite Chance.“

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Hartz IV sei für die Betroffenen zum vermeintlichen Makel geworden, der ihre Vermittlung ins Berufsleben erheblich erschwere. Deshalb hat das Forschungsinstitut der Bundesagentur jetzt gemeinsam mit dem Allensbach-Institut erkundet, was die häufigsten Vorurteile gegenüber Deutschlands Arbeitslosen sind – und wie die Realität aussieht. Die tz stellt die fünf größten Irrtümer vor.

„Arbeitslose wollen keinen Job.“

Das Vorurteil: 37 Prozent der Deutschen glauben, dass Hartz-IV-Empfänger gar nicht arbeiten wollen.

Die Fakten: Wer Arbeitslosengeld II erhält, muss gar nicht arbeitslos sein! Jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist Minijobber oder Teilzeit-Beschäftigter. 75 Prozent der Hartz-Empfänger sagen, dass für sie Arbeit das wichtigste im Leben ist. 89 Prozent fühlen sich ohne einen Job oder Beruf ausgegrenzt: Ihnen ist Arbeit wichtig, weil sie ihnen das Gefühl gibt, dazuzugehören. Drei von vier Befragten würden sogar dann arbeiten wollen, wenn sie das Geld gar nicht bräuchten.

„Arbeitslose sind bequem.“

Das Vorurteil: 55 Prozent der Deutschen glauben, dass Hartz-IV-Empfänger gar nicht selbst aktiv nach Arbeit suchen und so vor allem ihrem Jobvermittler bei der Arbeit zuschauen.

Die Fakten: Befragungen haben ergeben, dass 67 Prozent der Arbeitslosen in den letzten vier Wochen selbst nach Arbeit gesucht haben. Davon fragte jeder zweite ein- bis fünfmal direkt bei einer Firma an, jeder sechste über fünf Mal. Fast jeder zweite versendete eine oder mehrere Initiativbewerbungen. Jeder zehnte gab selbst ein Stellengesuch auf.

„Arbeitslose sind zu wählerisch.“

Das Vorurteil: 57 Prozent glauben, dass Hartz-IV-Empfänger bei Jobangeboten zu anspruchsvoll sind.

Die Fakten: 71 Prozent der Arbeitssuchenden würden eine Stelle annehmen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. 68 Prozent sagen, dass sie auch Belastungen am Arbeitsplatz wie Lärm, Schmutz oder körperliche Anstrengung in Kauf nehmen würden. Mit ungünstige Zeiten wie Schicht- oder Nachtarbeit würden sich 57 Prozent abfinden. Übrigens: Bei der Gruppe mit Arbeitslosen im näheren Bekanntenkreis haben das Vorurteil 20 Prozent weniger.

„Arbeitslose schlagen nur die Zeit tot.“

Das Vorurteil: Mehr als jeder zweite Deutsche glaubt, dass Hartz-IV-Empfänger nichts Sinnvolles zu tun haben.

Die Fakten: Bei einem Viertel kann das gar nicht zutreffen, weil die Hartz-IV-Empfänger als Aufstocker schon einer Beschäftigung mit mindestens 15 Wochenstunden nachgehen und nur wegen der geringen Bezahlung Arbeitslosengeld II beziehen. 27 Prozent betreuen ihre Kinder, 13 Prozent machen eine Ausbildung und 8 Prozent pflegen einen Angehörigen. Insgesamt gehen mindestens 62 Prozent der Hartz-IV-Empfänger damit einer gesellschaftlich relevanten Beschäftigung nach.

„Arbeitslose sind schlecht ausgebildet.“

Das Vorurteil: 57 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass Hartz-IV-Empfänger schlecht qualifiziert sind.

Die Fakten: 44 Prozent der Arbeitssuchenden haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. Drei Viertel haben einen Schulabschluss, 40 Prozent den Quali, 21 Prozent mittlere Reife und jeder zehnte das Abitur. Sowohl Alte als auch Junge versuchen, ihre Qualifikation zu verbessern: 2011 waren rund 17 000 Arbeitslose über 50 Jahren in einer beruflichen Weiterbildung. Und 56 000 jugendliche Hartz-IV-Empfänger besuchten sogenannte ausbildungsvorbereitende Maßnahmen, um ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen.

W. Schneeweiß

So oft werden Strafen verhängt

Diese Zahl scheint so manches Vorurteil über Arbeitslose zu bestätigen: Bereits 520792 Strafen haben Deutschlands Jobcenter bis zur Jahresmitte ihren „Kunden“ auferlegt. Erstmals könnte die Zahl über eine Million steigen, prophezeit Bild.

Ein genauerer Blick auf die Zahlen relativiert das Bild der unwilligen Hartz-IV-Bezieher. So haben nur weniger als 5 Prozent aller Arbeitslosengeld-II-Empfänger eine Sanktion und damit eine Kürzung der staatlichen Leistung von ihrem Sachbearbeiter erhalten. Mit 68 Prozent der Fälle waren die meisten Vergehen sogenannte Meldeversäumnisse, also Termine, wozu die Arbeitslosen nicht gekommen sind. Nur jeder zehnte der Sanktionierten verbüßte eine Strafe, weil er sich weigerte, eine Arbeit anzunehmen. Dieser Wert nimmt allerdings zu, sagte gestern ein Sprecher der Bundesagentur. Wegen der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt konnten den Leistungsempfängern heuer mehr Stellen als sonst angeboten werden können.

tz-Interview: „Vorurteile lassen sich nicht ausrotten“

Warum hat der Mensch Vorurteile?

Prof. Juliane Degner, Vorurteilsforscherin an der Uni Hamburg: In der Wissenschaft sprechen wir lieber von Stereotypen, mit denen wir Informationen filtern und uns das Leben vereinfachen. Jeder Mensch ordnet andere lieber in Mann-Frau, jung-alt oder schwarz-weiß ein, um sich einen wahnsinnigen Aufwand zu ersparen: Denn um eine Person zu verstehen, müssten wir ihre einzelne, eigene Geschichte und Eigenschaften erfahren und kennen. Da wir dafür weder die Zeit noch die Fähigkeit haben, rufen wir stattdessen oft Stereotype ab. Diese müssen weder richtig oder falsch sein noch auf eigenen Erfahrungen beruhen. Auch wenn 99 Prozent der Hartz-IV-Empfänger faul wären, sagt das noch gar nichts über den einen Menschen aus, der vor mir steht.

Wie entstehen Vorurteile überhaupt?

Degner: Zum Beispiel über die Medien: Hier lese ich etwa plakative Fälle von Hartz-IV-Empfängern, die betrügen. Obwohl es sich um eine Ausnahme handelt, kann ich diese Person als typischen Arbeitslosen wahr nehmen, wenn über andere nicht-spektakuläre Hartz-IV Empfänger in den Medien ja nicht berichtet wird. Auch kann die eigene Angst vor Arbeitslosigkeit mithelfen, ein Stereotyp zu schaffen. Ein Grund liegt mit darin, dass wir Menschen gerne an die gerechte Welt glauben. Wir haben die Überzeugung: Wenn wir uns richtig verhalten, passiert uns auch nichts. Das motiviert uns einerseits in unserem Verhalten, verzerrt aber die Wahrnehmung von anderen: Wer arbeitslos ist, muss etwas falsch gemacht haben. Glaube ich dagegen an ungünstige Zufälle, muss mir das Angst machen. Denn die können dann auch mich treffen. Mit Stereotypen nehmen wir uns unsere eigene Angst.

Wir belügen uns also gerne selbst?

Degner: Ja. Wir wollen zwar die Wahrheit wissen. Doch wir ignorieren sehr gerne Fakten, die gegen Stereotype sprechen. Wir schließen sie nicht bewusst aus, sondern wollen nur unbewusst unser Bild bestätigt wissen.

Lassen sich Vorurteile ausrotten?

Degner: Daran glauben unter uns Forschern nur die wenigsten. Wir arbeiten daran, Modelle und Maßnahmen zu entwerfen, die zu toleranteren Einstellungen führen. Wir wären schon glücklich, wenn die Menschen sich einer Sache bewusst wären, dass sie Stereototype haben und von diesen oft in die Irre geführt werden.

Interview: W. Schneeweiß

Rubriklistenbild: © dpa

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