So könnte es mit unserem Geld weitergehen:

Horror oder Happy End? Vier Szenarien zur Zukunft des Euro

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Seit 1. Januar 2022 ist der Euro Zahlungsmittel in Deutschland.

München - Seit zehn Jahren zahlen wir mit dem Euro. Doch wie geht es angesichts der Finanz- und Schuldenkrise mit unserem Geld weiter? Vier verschiedene Szenarien zur Zukunft der Gemeinschaftswährung:

Szenario 1: Happy End

Christian Noyer.

Politiker wie Kanzlerin Angela Merkel versprechen unermüdlich, dass die Euro-Krise nicht nur überwunden werden kann, sondern sogar zu einer langfristigen weltweiten Vormachtstellung der europäischen Einheitswährung führen kann. Der Weg zur Bekämpfung der Schuldenkrise sei zwar noch lang und werde nicht ohne Rückschläge bleiben, mahnt Merkel. „Doch am Ende dieses Weges wird Europa stärker aus der Krise hervorgehen, als es in sie hineingegangen ist.“ Doch nicht nur Politiker sehen die Chance eines Happy Ends der Euro-Krise: Der französische Zentralbankchef Christian Noyer beispielsweise ist überzeugt, dass gerade die jetzt beschlossenen Maßnahmen in der EU den Euro langfristig stärker denn je machen werden. Wenn die Länder der Euro-Zone ihre Pläne für eine stärkere Abstimmung der Wirtschaftspolitik erfolgreich umsetzen - und so den Geburtsfehler des Euro im Nachhinein korrigieren -, könne der Euro binnen eines Jahrzehnts zur weltweiten Leitwährung aufsteigen. „In zehn Jahren ist der Euro möglicherweise die Währung Nummer eins auf der Welt“, so der Zentralbankchef.

Fazit: Die wirtschaftlichen Vorteile für die 17 Euro-Mitglieder sind so groß, dass ein Ende des Euros höchst unwahrscheinlich ist: Für die deutsche Volkswirtschaft bringt die Einheitswährung den gewaltigen Pluspunkt, dass 40 Prozent ihrer Ausfuhren frei von Währungsrisiken sind. Und allem Krisengerede zum Trotz erwies sich der Euro bislang als erstaunlich stabil. Der Wechselkurs gegenüber der (ebenfalls krisengeschüttelten) Noch-Leitwährungen US-Dollar blieb weitgehend unverändert. Ein Happy End in zehn, 15 Jahren ist nicht nur wünschenswert, sondern wahrscheinlich - wenn die Staatsschulden in den Griff gebracht werden.

Szenario 2: Inflations-Schock

Der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, fürchtet, dass die EU nach dem Euro-Rettungsgipfel von Brüssel in Richtung Mega-Inflation steuert: Die etwas stabileren Staaten wie Deutschland müssen die Schulden der Pleite-Staaten dauerhaft mit übernehmen - via Euro-Bonds. „Euro-Bonds sind Instabilitäts-Bonds“, ist der ifo-Präsident überzeugt. Nicht nur, weil dann die überschuldeten Staaten verleitet würden, noch mehr Schulden aufzunehmen. Deutschland würde dadurch auch seine relativ gute Bonität verlieren. Das bedeutet: Höhere Zinsen! Die zusätzlichen Belastungen würden sich für die Bundesrepublik mittelfristig auf 50 Milliarden Euro summieren, rechnete das ifo-Institut aus. Unser Wachstum würde zusammenbrechen, die Arbeitslosigkeit wieder steigen, so Sinns Horror-Szenario.

Fazit: Dass Euro-Bonds und eine stärkere Inflation kommen, ist sehr wahrscheinlich. Die Hoffnung ist aber, dass dann die europäische Wirtschaft schnell wieder an Fahrt gewinnt und so die von Sinn dargestellten Horror-Szenarien ausbleiben.

Szenario 3: Nordeuro

Hofft auf den Nordeuro: Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel.

Eine Abspaltung der weniger verschuldeten Euro-Staaten im Norden von den von Pleite bedrohten Griechen, Spaniern, Portugiesen oder Italienern: Dieses Szenario propagiert vor allem der nun für die Freien Wähler wahlkämpfende Hans-Olaf Henkel. Der Ex-Präsident des Industrieverbands BDI argumentiert so: „Wenn es möglich war, aus 17 Einzelwährungen eine zu machen, sollte es auch möglich sein, aus einer Währung zwei zu machen.“ Als Teilnehmer des Nordeuro schweben Henkel Staaten wie Deutschland, Österreich und die Niederlande vor, aber auch Noch-Nicht-Euro-Staaten wie Dänemark, Schweden oder Tschechien. Die Transferunion mit ihren Belastungen für die deutschen Steuer-zahler würde auf diese Weise verhindert.

„Zudem würde ein abgewerteter Euro neue Chancen für die Gesundung der Volkswirtschaften von Griechenland bis Frankreich eröffnen und uns einen höheren Inflationsschutz sichern“, so Henkel. „Schon vor der Einführung des Euro hatten wir viele Jahre den sogenannten D-Mark-Block. Was wirklich Neues ist das also nicht.“ Doch der Nordeuro birgt auch enorme Nachteile. Vor allem aus politischen Gründen werden die EU-Staats- und Regierungschefs alles tun, eine solche Spaltung Europas in Arm und Reich zu verhindern. Aber auch wirtschaftlich hätte der Nordeuro enorme Nachteile für Deutschland als Export-Vizeweltmeister: Unsere Waren würden sich auf dem Weltmarkt stark verteuern. Und die Bürger der so herabgestuften Südländer würden die Banken stürmen und ihr Geld massenhaft in den Norden Europas bringen. Viele Banken im Süden würden zusammenbrechen - und bei den globalisierten Verschachtelungen im Finanzsektor würde das auch deutsche Banken an den Rand des Ruins treiben.

Fazit: Es ist unwahrscheinlich, dass es wirklich zu einer Euro-Spaltung kommt.

Szenario 4: Rückkehr zur D-Mark

Die D-Mark kommt wohl nicht wieder.

Zumindest technisch wäre die Rückkehr zur D-Mark kein Problem: Es müsste ein Wechselkurs zum Euro festgelegt werden, die Konten, Geldgeschäfte und Anlagen würden auf D-Mark umgestellt, nach einer Übergangszeit (bei der D-Mark-Euro-Umstellung waren es drei Jahre) würde es die D-Mark dann auch wieder als Bargeld geben. Was aber hier so einfach klingt, würde wirtschaftlich betrachtet riesige Verwerfungen mit sich bringen: Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Investmentfonds prognostiziert dann „erhebliche Gewinneinbrüche, Massenarbeitslosigkeit auch in Deutschland und massive Kursverluste bei Aktien“. Nicht nur Europas Wirtschaft würde unter der neuen D-Mark leiden, sondern die gesamte Weltwirtschaft: Die Schweizer Bank Credit Suisse erwartet, dass dann die Aktien der 500 wichtigsten börsennotierten US-Konzerne um 40 Prozent einbrechen würden. Wegen der dann zu erwartenden starken Aufwertung der neuen Mark würden die deutschen Exporte massiv teurer werden. In einem Umfeld von EU-Staaten, die durch das Auseinanderbrechen des Euros vollends pleite wären, würde der wichtigste Absatzmarkt deutscher Produkte, die EU, dramatisch beeinträchtigt. Ein Gutteil des durch Banken und Versicherungen angelegten Kapitals wäre wegen der D-Mark-Aufwertung verloren: Wenn etwa eine französische Staatsanleihe in neuen Francs gegenüber der neuen D-Mark 20 Prozent abgewertet wird, wären 20 Prozent des Geldes allein wegen des Wechselkursverlustes verbrannt. Credit Suisse rechnete in seinem D-Mark-Szenario aus, dass europäische Banken mindestens 300 Milliarden Euro abschreiben müssten, wenn nur die Krisen-Staaten Griechenland, Portugal, Spanien und Irland den Euro verlassen würden.

Fazit: Die Rückkehr zur D-Mark ist extrem unwahrscheinlich, allen Gerüchten über angeblich bereits gedruckte D-Mark-Scheine zum Trotz. Unser Export-Boom der letzten Jahre ist zu einem Großteil dem Euro zu verdanken. Deshalb werden Deutschlands Unternehmer und die Bundesregierung alles tun, den Euro am Leben zu erhalten.

Klaus Rimpel

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