Kanzler Kurz bei Eröffnung dabei

Chiphersteller Infineon: Milliarden-Projekt in Österreich – „Größte Investition der Industriegeschichte“

Die gerade eröffnete Chipfabrik von Infineon in Kärnten ist ein milliardenschweres Unterfangen. Den Münchner Konzern plagen allerdings andere Probleme.

Villach – Als vor 51 Jahren Siemens in Villach die Halbleiterfertigung aufnahm, waren es angelernte Frauen, die unterm Mikroskop Dioden verlöteten. Dioden, das sind die einfachste Variante von Halbleitern – in der einen Richtung lassen sie elektrischen Strom passieren, in der anderen sperren sie ihn. Mehr können sie nicht. Man brauchte die wenig komplexen Bauelemente vor allem in vielen elektronischen Geräten, vom Kofferradio bis hin zum Röhren-Farbfernseher. Und die Produktion im damals strukturschwachen Süden Österreichs* war vergleichsweise billig – und die Jobs dort willkommen.

Villach wurde zur verlängerten Werkbank des Elektro-Giganten aus München. Am Weltmarkt rangierte die Produktion in Kärnten unter ferner liefen. Als am Freitag auf dem gleichen Gelände eine neue Produktionshalle – sechsstöckig auf der Größe zweier Fußballplätze – im Werk der ehemaligen Siemens-Halbleiter-Tochter Infineon eröffnet wurde, war von den schlichten Anfängen kaum mehr etwas zu spüren.

Infineon eröffnet Werk in Österreich: „Größte Investition der österreichischen Industriegeschichte“

„Von der größten Investition der österreichischen Industriegeschichte“ sprach Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon Austria. Auf 1,6 Milliarden Euro beläuft sich die Investitionssumme. 1000 Millionen, davon sind öffentliche Zuschüsse aus Österreich und der EU. Kein Wunder, dass zur Eröffnung Bundeskanzler Sebastian Kurz* mit gleich drei Ministern im Schlepptau anreiste. Von einer „absoluten Erfolgsgeschichte“ sprach der Regierungschef. „Ohne Infineon wäre Kärnten ein Entwicklungsland“, sagen manche Beobachter.

Allein die Lastwagen, die den Beton für die neue Halle lieferten, würden aneinandergereiht eine Kolonne bilden, die von Villach bis nach München reicht, rechnet Konzernchef Reinhard Ploss vor. Die Masse an Baumaterial hat durchaus Sinn, denn schon die kleinste Erschütterung würde die Qualität der nun in der Halle gefertigten winzigen Bauteile massiv beeinträchtigen. Qualitätskiller wären auch eine kaum wahrnehmbare Zahl unbedacht hereingetragener Staubkörner. Die wenigen Besucher des nur durch Schleusen erreichbaren Reinraums werden dafür eigens mit Schutzausrüstung eingekleidet.

Reinraum in der neuen Chipfabrik von Infineon in Villach.

Aber Menschen sind, wenn die Produktion reibungslos läuft, ohnehin eine Randerscheinung. In einem ausgeklügelten Schienensystem unter der Decke bringen Transport-Gondeln Behälter mit jeweils 25 Wafern, also Scheiben aus Silizium oder anderen weiterentwickelten Halbleitermaterialien, vollautomatisch zu den einzelnen Produktionsstationen, die dort – ebenso vollautomatisch – bearbeitet werden.

Am Ende sind aus der Scheibe in der Größe einer Langspielplatte hunderte oder gar tausende oft winzige Chips entstanden, die nur halb so dünn sind wie ein menschliches Haar. Die Wafer werden dann zersägt, die Plättchen in andere Werke gebracht, wo sie mit den typischen Metallfüßchen und Kunststoffummantelungen ausgestattet und zu den käferförmigen Chips werden, wie man sie heute in fast jedem elektrischen Gerät sehen kann.

Infineon-Standort Villach: Über 4000 Mitarbeiter

Wenig menschliche Arbeit in der Halle, dafür sehr viel drumherum. 4517 Mitarbeiter hat der Infineon-Standort Villach. Die Hälfte davon mit Hochschulstudium, der Rest sind gut ausgebildete Facharbeiter. Auch 80 Lehrlinge der Mechatronik gehören dazu. Nicht nur Kärnten profitierte von Infineon, auch Infineon wäre ohne Kärnten nicht das, wo der Konzern heute steht. Aus der verlängerten Siemens-Werkbank ist das weltweite Kompetenzzentrum von Infineon für Leistungshalbleiter – mit eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit 1960 Mitarbeitern – geworden. Die schwer zu fertigenden 300-Millimeter-Dünnwafer wurden hier zur Produktionsreife entwickelt.

Anders als die Chips, die derzeit in der Autoindustrie schmerzhaft fehlen, den Mikrocontrollern, die eigentlich kleine Computer sind, handelt bei den Produkten aus Villach um Steuerelemente, die überall dort gebraucht werden, wo Stromstärke und elektrische Spannung umgewandelt werden müssen. Und das sind immer mehr Produkte: Netzteile aller Art, aber auch Laderäume für Elektroautos, die Elektroautos selbst, Eisenbahnen, jedes Windrad, jede Solaranlage.

Hightech made in Austria, die wie die Mikrocontroller immer kleiner und immer leistungsfähiger werden. Nicht nur, weil man mehr davon in immer kleineren Geräten unterbringen kann, sondern vor allem auch, weil die Dünne der Halbleiterschicht entscheidend für die Effizienz ist. So sparen sie Energie. Vor allem in riesigen Rechenzentren, von denen schon ein einziges einen ähnlich großen Klima-Fußabdruck erzeugt, wie der gesamte weltweite Luftverkehr. Da sind ein Prozent Einsparung durchaus ein erheblicher Beitrag gegen die globale Erwärmung.

Infineon Austria: Unternehmen mangelt es an Personal

Es hat sich vieles geändert im Villacher Halbleiter-Standort. Eines aber nicht. Der Personalmangel. Zu Siemens-Zeiten trat er vor allem in der kalten Jahreszeit auf, weil die Mitarbeiterinnen im Ski-Tourismus besser bezahlte Arbeit fanden. Das ist heute kein Problem mehr. Doch auch Infineon Austria leidet am Fachkräftemangel – trotz intensiver Zusammenarbeit mit Universitäten, von Wien bis Mailand oder Padua. Infineon Austria klagt über 250 offenen Stellen, die schwer zu besetzen sind.

Und noch etwas ist gleich geblieben: Die Produkte sind wie die damaligen Dioden vergleichsweise billig. Das ist auch das Problem, mit dem sich die deutsche Industrie herumschlagen muss. Denn eine Milliardeninvestition in die Produktion von Cent-Artikeln lohnt sich nur, wenn ein hoher und kalkulierbar stabiler Absatz für Rentabilität sorgt. Da hat die sich die Autoindustrie, die sich bequem darin eingerichtet hat, ihre Bestellungen bei Zulieferern beliebig hoch- und wieder herunterfahren zu können, fundamental verkalkuliert.

Die Chips, die man in der absehbaren Corona*-Flaute abbestellt hatte, waren, als man sie wieder brauchte, schon weg. Und neue Kapazitäten brauchen Zeit. Obwohl das Werk in Villach in der für europäische Verhältnisse rekordverdächtigen Bauzeit von gut drei Jahren den Betrieb aufnehmen konnte, dauert es noch mehrere Jahre, bis dort die Produktion, bei der nur Schritt für Schritt zusätzliche Maschinen installiert werden können, unter Volllast laufen wird. (mp) *Merkur.de ist ein Agebot von IPPEN.MEDIA

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