Die Risiken der Rekord-Zinssenkung

Inflation? Deflation? Die doppelte Gefahr

München - Nach der Leitzinssenkung auf das Rekordtief von nur noch 0,25 Prozent streiten sich Wirtschaftsexperten über die Gründe und Folgen. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Nach der Leitzinssenkung auf das Rekordtief von nur noch 0,25 Prozent streiten sich Wirtschaftsexperten heftig: Ist das ein weiterer Schritt zur Geld-Flutung, die in einer massiven Inflation enden könnte – dem Ur-Trauma der Deutschen? Oder ist es ganz im Gegenteil das richtige Rezept gegen die Gefahr der Deflation, also des dramatischen Preisverfalls, der in Massenentlassungen gipfeln könnte? Die tz erklärt die Begriffe und stellt die wichtigsten Argumente vor.

Was bedeutet Deflation genau?

Wenn die Bürger kein Geld mehr ausgeben wollen oder können, werden die Unternehmen zu immer weiteren Preissenkungen gezwungen – im Extremfall müssen sie ihre Waren unter den Herstellungskosten verkaufen. Die Verbraucher verschieben große Anschaffungen in der Hoffnung auf weitere Preissenkungen – die Wirtschaft friert ein. Die Folgen: massenhafte Entlassungen, dramatisch hohe Langzeitarbeitslosigkeit wie in der weltweiten „Großen Depression“ zwischen 1928 und 1933.

Besteht Deflations-Gefahr?

Nach Einschätzung eines Teils der Ökonomen: Ja. Denn die Teuerung in der Eurozone lag im Oktober bei nur 0,7 Prozent. Die Europäische Zentralbank strebt eigentlich eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an. Die Euro-Krisenpolitik bewirkte aber, dass vor allem in Ländern wie Spanien oder Griechenland Löhne und Preise sogar sinken. Das erhöht deren Wettbewerbsfähigkeit. Auf diese Staaten zielt die Niedrig-Zins-Politik eigentlich ab.

Gibt es ein Beispiel für erfolgreiche Deflations-Bekämpfung?

Die japanische Wirtschaft steckte zwei Jahrzehnte lang in der Deflationsfalle. Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda und Premier Shinzo Abe bekämpfen diesen Stillstand nun mit einer massiven Abwertung des Yen sowie gigantischen Konjunkturprogrammen auf Pump. Zudem kauft die japanische Notenbank jeden Monat Wertpapiere und Staatsanleihen im Wert von umgerechnet rund 55 Milliarden Euro. Die Wirtschaft hat sich so zwar wieder erholt – aber Japans Schulden sind auf rund 7,8 Billionen (!) Euro gestiegen.

Lässt sich dieses Rezept auf Europa übertragen?

Thomas Meyer, Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, zweifelt im Spiegel daran: „Ob Tokio oder Osaka, ganz Japan hat das gleiche Problem und braucht die gleiche Medizin. Aber in den 17 Ländern der Euro-Zone herrschen sehr unterschiedliche Verhältnisse. Deshalb müssen entweder in den lateineuropäischen Staaten von Griechenland bis Frankreich die Preise sinken, oder sie müssten in Deutschland und anderen Staaten steigen.“

Macht Deflation uns wenigstens sicher vor Inflation?

Nein. Derzeit gibt es vor allem deshalb keine Inflation, weil die Banken das viele billige Geld bunkern, statt es in den Geldkreislauf zu pumpen. Ändert sich das, kann die Deflation schnell in hohe Inflation umschlagen.

Was bezweckt EZB-Chef Mario Draghi mit seiner Zinssenkung?

Ziel der Notenbank ist es, mit den niedrigen Zinsen Unternehmen zur Kreditaufnahme und damit zu Investitionen zu motivieren. Aber auch Staaten, die ihre Schulden nun günstiger refinanzieren können, profitieren davon.

Was ist der Hauptkritikpunkt an Draghis Niedrigzins-Politik?

Der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, kritisiert, die Rettung der Krisenländer sei Aufgabe des dafür vorgesehenen Rettungsschirmes und nicht der Europäischen Zentralbank: „Draghi missbraucht das Euro-System, indem er den Südländern Billig-Kredite gibt, die sie am Kapitalmarkt so nicht bekommen würden“, so Sinn in der Bild. „Damit die Euro-Krisenländer mehr sparen und dringend überfällige Reformen um­setzen, brauchen sie höhere Zinsen, die ihrem Konkursrisiko angemessen sind, nicht niedrigere Zinsen.“

Klaus Rimpel

„Deutschland ist ein Schmarotzer“

Der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat die Euro-Krisen­politik von Kanzlerin Angela Merkel scharf kritisiert. „Deutschland hat viel zu der hohen Arbeitslosigkeit Spaniens beigetragen“, so der berühmte Ökonom in seiner Kolumne in der New York Times. Schon seit Jahren erziele Deutschland innerhalb und außerhalb der EU Exportüberschüsse. Früher sei dies noch tragbar gewesen, da das Land im Gegenzug viel Kapital in Länder wie Griechenland oder Spanien gepumpt habe. Durch die Finanzkrise seien die ausgleichenden Investitionen aber zum Erliegen gekommen. So würden die südeuropäischen Länder „ausgeblutet“. Deutschland sei ein „Schmarotzer“ auf Kosten seiner Nachbarn in Europa. Dennoch weigere sich die Bundesregierung weiter, ihren Beitrag zur Gesundung Europas zu leisten und endlich ihre Staatsausgaben zu erhöhen.

Auch ein anderer führender US-Ökonom sorgt sich um Europas Wirtschaftskraft: Der langjährige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, glaubt, dass nur „eine vollständige politische Union, entweder von allen Staaten oder nur von einem Kerneuropa“, verhindern werde, dass die Euro-Zone „auseinanderfliegt“: „Ich glaube nicht, dass ein gemeinsamer Wirtschafts- und Währungsraum auf Dauer funktionieren kann, wenn er aus 17 Ländern mit 17 unterschiedlichen Sozialsystemen besteht“, so der 87-Jährige in der Welt am Sonntag.

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Nach Pleite: Air Berlin verrammscht Inventar bei Ebay 
Kunden fassungslos: Supermarkt räumt Regale leer - aus diesem Grund
Kunden fassungslos: Supermarkt räumt Regale leer - aus diesem Grund
Studie für Geringverdiener: So unfair ist das Steuersystem
Studie für Geringverdiener: So unfair ist das Steuersystem
Fipronil-Skandal: Ausmaß offenbar weitaus größer als angenommen
Fipronil-Skandal: Ausmaß offenbar weitaus größer als angenommen

Kommentare