Über die Hälfte der Fälle sind illegal

Inkasso: Wie Sie sich vor fiesen Geldeintreibern schützen

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Für viele Verbraucher ist ein Schreiben von einem Inkassobüro ein Albtraum .

München - Immer wieder versuchen Inkassofirmen, Verbraucher abzuzocken. Wir sagen Ihnen, wie Sie sich dagegen wehren können.

Schlimmer geht es kaum: Mehr als die Hälfte der Forderungen, die Inkassofirmen eintreiben wollen, sind unberechtigt. Das heißt, die Verbraucher schulden gar nichts! „Nur 14 Prozent gibt es tatsächlich eine durchsetzbare Hauptforderung, in 30 Prozent der Fälle ist sie unklar“, sagt Tatjana Halm (41), Leiterin der Rechtsabteilung der Verbraucherzentrale Bayern. Das Ergebnis ist ein Skandal. Eigentlich hätte das Anti-Abzocke-Gesetz seit 2013 das Inkassowesen an die Leine legen sollen.

Aber es ist wie zuvor: Psychotricks und hohe Gebühren, Briefe, Anrufe, dann steht ein Geldeintreiber vor der Tür. Die Inkassofirmen machen was sie wollen, ohne dass ihnen jemand auf die Finger schaut. Schuldner, die sich trauen, wenden sich an die Verbraucherzentralen. Die haben nun im Rahmen der „Inkasso Aktion 2015“ vier Monate lang bundesweit 1500 Beschwerden zu unseriösen Inkassodiensten erfasst. „Wir wollten wissen, was schief läuft, und das ist einiges“, sagt Halm.

Die alarmierenden Ergebnisse: Inkassoschreiben sind ein Horror. Die Angaben sind kaum zu verstehen und nicht immer vollständig. 68 Prozent der Verbraucher verstehen schon die Kostenaufstellungen nicht. Auch bei registrierten Inkassounternehmen sind die Schreiben allzu oft verwirrend. Außerdem sind nach wie vor nicht registrierte Inkassobüros aktiv.

Verbraucherschützerin Tatjana Halm (41).

Drohgebärden gibt es in einem Drittel der Fälle. Viele Inkassofirmen bauen so Druck auf: Die einen drohen mit Strafanzeige, andere mit dem Besuch eines Außendienstmitarbeiters, wie zum Beispiel die HIT Hanseatische-Inkasso-Treuhand. Die Diagonal Inkasso droht mit möglicher Eintragung ins Schuldnerregister und „verhängnisvollen Folgen“ für die Kreditwürdigkeit. Die Uniscore Forderungsmanagement schreibt: „(…) ersparen Sie sich gerichtliche Schritte und den Besuch eines Gerichtsvollziehers oder Pfändungsmaßnahmen auf Konten und Einkünfte.“

Viele Inkassogebühren sind unangemessen hoch. Vor allem bei Bagatellforderungen werden die Kosten unverhältnismäßig hinaufgetrieben - da werden Geschäftsgebühren „einfacher Art“ von nicht selten 50 Euro verlangt. Beim Produzieren von Kosten sind die Firmen kreativ. Insgesamt steigen die Forderung durch das Inkasso im Schnitt um 26 Prozent.

Wer sich auf Ratenzahlung einlässt, geht ein großes Risiko ein! Das wissen leider die wenigsten Verbraucher. Denn Ratenzahlungsvereinbarungen sind oft mit einem Schuldanerkenntnis verbunden. Das merken viele nicht, weil es im Kleingedruckten steht. Haben sie unterschrieben, können unberechtigte Forderungen nicht mehr abgewehrt werden, weil sie mit der Unterschrift die Ursprungsforderung bejaht haben. Aufgeklärt über diese dramatischen Rechtsfolgen werden die Verbraucher in Inkassoschreiben nicht.
„Es fehlt eine effektive Aufsicht“, sagt Halm. Sie stellt den Aufsichtsbehörden ein miserables Zeugnis aus. Bundesweit zuständig sind 58 Amts- und Landgerichte. „Zu viele“, meint Halm. Sie würde eine zentrale Aufsichtsstelle pro Bundesland bevorzugen.

Fürther Fotografin: Erfolgreich gewehrt

Nach dem Urlaub im Schwarzwald im September 2014 wollte Ursula Wick (64) sich bei der einladenden Verwandtschaft mit Fotos bedanken. Im Internet las die ehemalige Fotografin, die inzwischen in Fürth lebt, von einer Aktion, bei der für Neukunden 100 Abzüge kostenfrei sind. Sie bestellte und bekam die Bilder. Doch der Freude über die gelungenen Fotos folgte der Ärger. Für Ursula Wick kam der überraschend. Sie hätte Portokosten, wenn diese denn verlangt worden wären, gleich bezahlt, sagt sie: „Aber eine Rechnung für Versandkosten wurde nicht mitgeschickt.“ Eine Mahnung kam auch keine.

Wegen ungerechtfertigter Portoforderdungen lieferte sich  Ursula Wick eine Krieg mit den Inkassohaien - und siegte.

Zwei Monate später bekam die Rentnerin ein Schreiben eines Inkassobüros. Es stünden 3,31 Euro für die Portokosten aus, zudem Mahngebühr und Inkassogebühr. Ursula Wick antwortete, dass sie keine Rechnung und auch keine Kontoverbindung von der Firma bekommen habe, ebenso wenig eine Mahnung. Sie überwies 9 Euro und schrieb, sie betrachte die Angelegenheit damit als erledigt. Aber denkste - das Inkassobüro bombardierte sie mit Schreiben: Man drohte mit Schufa, Kontopfändung, Lohnpfändung, Mahnbescheid, Gerichtsverfahren. Die Rentnerin blieb standhaft und schrieb lediglich, sie sehe all diesem „gelassen entgegen“. Zwischenzeitlich forderte das Inkassobüro 130 Euro von ihr, aktuell sind es noch 88,90 Euro. „Schon allein, dass die Forderungshöhe immer wieder schwankt, zeigt, wie unseriös das alles ist“, sagt sie. Ihr machten die vielen Schreiben und Drohungen keine Angst: „Viele lassen sich einschüchtern und bezahlen!“ Ursula Wick nicht.

Mit diesen 6 Tipps schützen Sie sich

  1. Bei berechtigten Forderungen sollten Verbraucher natürlich zahlen, rät die Verbraucherzentrale. Bei nicht berechtigten Forderungen dagegen gilt: Nur nicht einschüchtern lassen!
  2. Reagieren Sie sofort und widersprechen Sie der Forderung. Wenn Sie bereits dem Rechnung stellenden Unternehmen widersprochen haben, dann darf dieses die Forderung gar nicht an ein Inkassounternehmen weitergeben, weil dadurch die Kosten unnötig hoch getrieben werden.
  3. Wenn Sie der Forderung gegenüber dem Inkassounternehmen erstmalig widersprechen, begründen Sie ausführlich, warum die Forderung gegen Sie gar nicht besteht. Dann ist das Inkassobüro am Zug, denn es muss die Forderung beweisen.
  4. Führen Sie den Schriftverkehr mit Inkassofirmen per Einschreiben mit Rückschein oder bei Postfächern mit Einwurf-Einschreiben. Dann können Sie den Zugang beweisen. Kopieren Sie Ihre Schreiben und setzen Sie auch die Firma, mit der Sie den vermeintlichen Vertrag geschlossen haben sollen, in Kenntnis.
  5. Lassen Sie sich von Drohungen nicht einschüchtern. Bei der Schufa dürfen Forderungen, denen widersprochen wurde, nicht eingetragen werden. Außerdem können nur Firmen bei der Schufa Meldungen machen, die dort Mitglied sind. Weil das teuer ist, sind das viele Inkassobüros nicht.
  6. Bekommen Sie einen Mahnbescheid, legen Sie innerhalb von zwei Wochen Widerspruch ein. Dann müsste das Inkassounternehmen Klage einreichen. Das passiert nur selten – weil die Inkassofirmen wissen, dass sie vor Gericht oft verlieren würden. Achtung: Wer nicht widerspricht, riskiert, dass die Forderung – egal ob sie besteht oder nicht – rechtskräftig wird und 30 Jahre lang eingetrieben werden kann.

Susanne Sasse

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