Insolvenz & Sanierung

„Es wird Konsolidierungen geben“

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Insolvenz- und Sanierungskanzleien bereiten sich auf die Zukunft vor. Sie positionieren ihre Angebote, forcieren Kooperationen – und schauen auf die EU. Denn die arbeitet an einer Harmonisierung des Insolvenzrechts.

Insolvenzverwalter und Sanierungsberater wollen Krisen-Unternehmen in eine neue Zukunft führen. Doch gleichzeitig müssen auch sie sich über ihre eigene Zukunft Gedanken machen – und diese wird Veränderungen für den Markt bringen. Das wissen auch die Teilnehmer des zweiten Wirtschaftsforums „Insolvenz und Sanierung“ – aber sie haben sich darauf vorbereitet. Dass sich immer mehr Insolvenzverwalter auch in der (vorinsolvenzlichen) Sanierungsberatung engagieren, ist eine Konsequenz aus den strategischen Zukunftsüberlegungen der Spezialisten. „Es wird Konsolidierungen am Markt geben. Deshalb müssen wir als Rechtsanwälte und Sozietäten unsere Geschäftsmodelle überdenken und unternehmerisch handeln. Das bedeutet, Marktchancen wahrzunehmen, etwa in der Restrukturierung von Unternehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass Kanzleien selbst in die Krise rutschen“, sagt Dr. Paul Fink von FRH Rechtsanwälte. Und auch für Dr. Thomas Klöckner (Lecon Sanierung) ist der Schritt von der reinen Verwaltung in die Beratung beinahe zwangsläufig: „Der Insolvenzverwalter steht in einem gewissen Sinne am Schluss der Wertschöpfungskette, während die Berater im Vorfeld bereits in Erscheinung treten. Dabei haben sie natürlich viele Vorteile, da sie die Verfahrensabläufe kennen und das richtige Fachpersonal immer vorhalten. Sie können die notwendigen Prozesse abbilden.“

Hingegen betont Dr. Matthias Hofmann von Pohlmann Hofmann, dass seine Sozietät sich weiterhin ausschließlich auf die Insolvenzverwaltung konzentrieren werde. „Wir sind damit immer rein auf das Gläubigerinteresse konzentriert und stehen weder im Wettbewerb mit Kollegen um Sanierungsmandate, noch kommen wir in verschiedenen Verfahren in Konfliktsituationen als Verwalter, Sachwalter und Berater.“ Gleichwohl betont er, dass Insolvenzkanzleien natürlich aufgrund ihrer Aufstellung für die Beratung prädestiniert seien. Axel W. Bierbach (Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen) schlägt in die gleiche Kerbe: „Für Insolvenzverwalter sind Unabhängigkeit und Konfliktfreiheit außerordentlich wichtig. Eine mittelständische Kanzlei kann sich so sehr gut positionieren.“

Stephan Ammann von der Pluta Rechtsanwalts GmbH stellt heraus, dass die heute üblichen Kooperationen zwischen den Experten in der Vergangenheit nicht gängig gewesen seien. Heute arbeiten Verwalter und Berater eng zusammen, es komme nur darauf an, die richtigen Berater zu finden, um Seriosität und Qualität zu gewährleisten. Sein Wunsch für die Zukunft: „Das immer noch negative Bild der Sanierungsberatung und Insolvenzverwaltung muss verändert werden.“ Die gute Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen hebt auch Dr. Thomas Sittel (goetzpartners) hervor. „Die Branche ist sozusagen ‚erwachsen’ geworden. Das hat erheblichen, positiven Einfluss auf die Arbeit. Die Konkursverwalter alter Schule gibt es kaum noch.“

Ebenfalls steht die neue europäische Insolvenzgesetzgebung im Fokus. Axel W. Bierbach, der auch im Vorstand des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) mitarbeitet und dort für den Kontakt zur EU zuständig ist, erläutert, dass die Europäische Union das Insolvenzrecht harmonisieren will. Vor allem gehe es dabei darum, die außergerichtliche Sanierung zu etablieren und das Procedere der Antragstellung, die Arbeit der Gerichte etc. in allen Mitgliedsstaaten anzugleichen. „Das kann jedoch dazu führen, dass gesetzte deutsche Standards, in die die Gläubiger großes Vertrauen haben, angepasst werden“, prognostiziert er. Hierzu zähle vor allem die Überprüfung durch unabhängige Insolvenzgerichte und Verwalter. Das EU-Papier zur Vereinheitlichung solle bis Jahresende stehen und dann in den Mitgliedsstaaten umgesetzt werden. Übrigens: Um ihren Nachwuchs müssen sich die Kanzleien nicht sorgen. An der Universität Eichstätt-Ingolstadt bringt Prof. Dr. Christian Heinrich den Studierenden nahe, wie spannend Insolvenz und Sanierung als künftiges Betätigungsfeld sein können. „Für viele Studenten ist die Insolvenz die ‚Beerdigung’ eines Unternehmens. Ich lehre sie, dass das mitnichten der Fall ist und in der Krise auch eine Chance liegen kann“, sagt der Wissenschaftler.

Patrick Peters

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