Mister Dax: "Wir sollten den Nord-Euro einführen"

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Börsenhändler Dirk Müller

München - Dirk Müller ist "Mister Dax": Mit der tz spricht er über die Euro-Krise, die Folgen eines Schuldenschnitts für Griechenland und warum ein Ende mit Schrecken manchmal besser ist als ein Schrecken ohne Ende.

Als "Mister Dax" war der Börsenhändler Dirk Müller das Gesicht der Finanzkrise 2008. Jetzt hat er das Buch "Cashkurs" veröffentlicht, in dem er humorvoll und leicht verständlich erklärt, wie Anleger am besten durch die Krise kommen. Mit der tz spricht Müller über die Euro-Krise, die Folgen eines Schuldenschnitts für Griechenland und warum ein Ende mit Schrecken manchmal besser ist als ein Schrecken ohne Ende.

Kann der Euro-Gipfel noch etwas richten?

Dirk Müller (Finanzexperte und Autor des Buches "Cashkurs"): Ich befürchte Nein. Die Schritte, die notwendig und sinnvoll wäre erfordern so große Schritte und schwere Entscheidungen, dass die Politiker den vermeintlich leichteren Weg gehen werden. Der führt aber nur dazu, dass wir die Probleme in die Zukunft verschieben und somit verschärfen.

Was wäre denn die perfekte Lösung?

Müller: Die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa - mit einheitlicher Währung und einheitlichem Haushaltssystem. Das wird politisch nicht umzusetzen sein, davon sind wir Jahrzehnte entfernt. Die zweite Möglichkeit wäre es, den Euro zu großen Teilen wieder aufzulösen und den Ländern Währungen zuzugestehen, die zu ihrer jeweiligen Wirtschaftsleistung passt. Das wird aus politischen Gründen nicht passieren. Denn die Folgen wären kurzfristig sehr schmerzhaft, langfristig wäre es aber am sinnvollsten.

Was wird statt dessen passieren?

Müller: Das, was eigentlich am unsinnigsten ist, aber kurzfristig am schmerzärmsten ist. Wir werden die Vereinigten Schulden von Europa ausrufen und langfristig für die Schulden der Anderen haften, ohne bei ihren wirtschaftlichen Entscheidungen mitreden zu dürfen. Kurzfristig bringt das Ruhe, langfristig zieht es die gesamte EU nach unten.

Aber die Märkte wären fürs Erste beruhigt?

Müller: Sehr kurzfristig ja. Die Finanzmärkte, besonders unsere Freunde aus Übersee, schießen sich ja ganz gezielt auf den Euro ein. Die werden weiter feuern und sich Italien vornehmen. Am Ende zerreißt es dann auch die stabilen Staaten. Schon jetzt ist es fast sicher, dass Frankreich sein AAA-Rating verlieren wird und wenn Frankreich das verliert, wird auch Deutschland sein AAA verlieren, weil wir dann für alle haften müssten. So dreht sich diese Spirale weiter.

Wäre eine D-Mark nicht zu stark für die deutsche Exportwirtschaft?

Müller: Zunächst bin ich gar nicht mal für eine Rückkehr zur D-Mark, sondern für einen Nord-Euro - mit Frankreich, den Niederlanden, Österreich und anderen soliden Staaten. Von einem Süd-Euro halte ich nichts, da sollten die Staaten ihre eigenen Währungen bekommen. Aber selbst wenn wir die D-Mark hätten, kann niemand behaupten, dass wir mit einer Währung, die zu unserer Wirtschaftsleistung passt, nicht konkurrenzfähig wären.

Aber so ein Nord-Euro wäre doch stärker...

Müller: Natürlich. Aber im Moment ergaunern wir uns Vorteile dadurch, dass wir unsere Währung an Staaten wie Griechenland koppeln. Wir werfen China vor, dass es seine Währung an den US-Dollar koppelt und seine Währung so künstlich drückt - dabei machen wir nichts anderes! Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Denn die Bürger werden mit einer zu schwachen Währung für ihre Leistung bezahlt - deshalb haben wir eine so geringe Binnennachfrage. Außerdem: Wir hatten ja auch schon mal die D-Mark und waren mit dieser starken Währung trotzdem Exportweltmeister.

Wie lange können die Bürger die finanziellen Belastungen denn schultern?

Müller: Nicht lange. In unsererem System steht allen Schuldenbergen genausoviel Guthaben gegenüber. Wenn Deutschland 40 Milliarden Euro Zinsen bezahlt, bekommt jemand anders 40 Milliarden Euro. Ein Webfehler in diesem System ist, dass sich im Laufe der Zeit das Geld bei immer weniger Menschen anhäuft, während die Masse kein Vermögen aufbauen kann. Trotzdem muss die Masse die Zinslast der Wenigen komplett schultern. Denn für den Bürger ist es völlig egal, wer die Schulden hat. Hat er sie selbst, muss er sie zahlen. Hat der Staat die Schulden, zahlt er sie über seine Steuern und hat die Industrie Schulden, dann zahlt er die Zinsen über die Produkte, die er kauft. Dadurch, dass der Schuldenberg über die Jahre immer größer wird, muss der Bürger einen immer größeren Anteil seiner Einkünfte für den Zinsdienst abführen, deshalb wird das Wachstum auch immer langsamer. Irgendwann kann der Bürger beziehungsweise der Staat nicht mehr. Schon jetzt ist die Zinsleistung der zweithöchste Punkt im Bundeshaushalt. Irgendwann kollabieren Bürger und Staat. In Griechenland ist das jetzt der Fall - und auch hier wird das nicht anders sein. Die Frage ist nur wann, nicht ob.

Sagen Sie uns griechische Verhältnisse voraus?

Müller: Es muss nicht ganz so dramatisch verlaufen. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie ein solcher Reset des Finanzsystems verlaufen kann. Nehmen wir das Beispiel Griechenland: Wenn das Land seine Schulden streicht, dann ist das eine Umverteilung von Oben nach Unten. Diejenigen, die Staatsanleihen besitzen, denen wird etwas weggenommen. Die breite Masse der griechischen Bevölkerung wird dadurch entlastet, weil sie weniger Steuern für die Zinsen bezahlen muss.

Wenn ich es richtig verstehe, wäre so ein Reset dann für den Normalbürger doch gar nicht die schlechteste Lösung...

Müller: Langfristig ja, weil Schulden aus dem System verschwinden und so die Zinslast für alle sinkt. Zunächst merkt aber jeder die Einschnitte. Jeder hat irgendwo noch Geld oder eine kleine Lebensversicherung. Dass es in den Jahren danach wesentlich besser läuft und ein großer Aufschwung kommt, interessiert die Leute im ersten Moment natürlich überhaupt nicht.

Von so einem Schuldenschnitt wäre aber doch auch unsere Banken betroffen...

Müller: Leider nicht stark genug. Vor zwei Jahren hätte der Schuldenschnitt tatsächlich diejenigen getroffen, die jahrelang die Zinsen kassiert haben. Statt dessen haben wir für die Finanzindustrie Zeit geschunden und die EZB und die Staaten haben den großen Teil der Verpflichtungen der Banken übernommen. Das liegt jetzt beim Steuerzahler - der vorher nichts davon gehabt hat.

Interview: Marc Kniepkamp

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