Insolvenzverwalter Axel W. Bierbach über Betriebe in der Krise und deren Neustart

„Eine Pleite ist kein persönliches Scheitern“

Geschlossenes Geschäft
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Geschlossene Geschäfte sind für Unternehmer problematisch.

Für Firmeninhaber ist eine Insolvenz der größte anzunehmende Unfall, ein betriebswirtschaftlicher Super-GAU. Eine Insolvenz kann auch eine Chance sein, ist sich der Rechtsexperte Axel W. Bierbach sicher. Wir sprachen mit dem Insolvenzverwalter über Pleiten in der Corona-Krise und eine Gesetzesänderung, die krisengeplagten Unternehmen mehr Spielraum bieten soll.

Die große Insolvenzwelle ist bislang ausgeblieben. Kommen die Unternehmen besser durch die Krise als gedacht?

Das lässt sich so einfach nicht sagen: Der Staat hat massiv interveniert, etwa mit KfW-Krediten, Kurzarbeitergeld und Soforthilfen. Ohne diese Stützungsmaßnahmen hätten wir eine massive Insolvenzwelle gesehen.

Und es gab eine pandemiebedingte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Wie hat sich dies ausgewirkt?

Üblicherweise hat die Geschäftsführung im Fall einer Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit die Pflicht, Insolvenzantrag zu stellen. Das dient dem Schutz der Gläubiger. Wegen der Corona-Krise hat der Gesetzgeber diese Pflicht im März vorübergehend ausgesetzt. Bis Ende September mussten Unternehmen im Fall einer Zahlungsunfähigkeit nicht Insolvenz anmelden. Und im Falle einer krisenbedingten Überschuldung ist die Pflicht zur Insolvenzanmeldung sogar vorerst bis Ende Januar ausgesetzt. Überschuldet ist ein Betrieb dann, wenn das Vermögen des Unternehmens die Verbindlichkeiten nicht mehr deckt und die Liquidität zur Fortführung nicht gesichert ist.

Eine gute Idee?

Zumindest nachvollziehbar. Dass die Antragspflicht ausgesetzt ist, heißt ja nicht, dass es den Unternehmen auf einmal gut geht. Viele Unternehmen kommen trotz staatlicher Unterstützung und der Aussetzung der Antragspflicht auf keinen grünen Zweig mehr.

Kennen Sie solche Fälle aus Ihrem Berufsalltag?

Ja. Ich hatte in diesem Jahr beispielsweise ein Reisebüro, das sich auf Kreuzfahrten spezialisiert hat, in der Insolvenz. Die haben recht schnell gesehen: Sich durch die Krise zu hangeln, ergibt keinen Sinn mehr. Denen war klar: Das Geschäft kommt so schnell nicht wieder, wir müssen sanieren.

Was heißt das konkret?

In dem Reisebüro arbeiteten mal zehn Beschäftigte, jetzt sind es nur noch zwei. Außerdem braucht der Betrieb jetzt weniger Bürofläche und spart damit Miete. Der Vorteil einer Sanierung: Der gesamte Kundenstamm des Reisebüros und das Spezialwissen der Touristiker geht nicht verloren. Das Geschäft kann weitergehen, wenn auch im kleineren Umfang. Selbst für die Gläubiger ist durch die Sanierung kein großer Schaden entstanden. Nur für die Mitarbeiter tut mir das leid, für die ist das natürlich hart. Trotzdem war der Schritt alternativlos. Denn ich kenne auch Unternehmen, die um jeden Preis eine Insolvenz vermeiden wollen und jetzt die Probleme in die Zukunft schleppen. Das sind diejenigen Firmen, die zurzeit als Zombie-Unternehmen bezeichnet werden, auch wenn ich den Begriff nicht mag.

Die Unternehmen müssen selbst die Notbremse ziehen?

Oft ist das die bessere Option. RBH in München war etwa so ein Fall. Die haben das wegen Corona gemacht.

Was ist das für ein Unternehmen?

RBH ist ein Reinigungsbetrieb, der sich in zwei Geschäftsbereiche gliedert: Zum einen reinigen sie Hotels, dort wurden sie pro gereinigtem Zimmer bezahlt – im Lockdown fielen die Umsätze natürlich komplett weg. Noch viel schlimmer traf es aber den zweiten Geschäftsbereich: RBH war auch für die Reinigung von 52 Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof zuständig. Nachdem die Kaufhauskette in die Insolvenz ging, traf es auch das Reinigungsunternehmen. Die Mitarbeiter mussten weiterbezahlt werden, der komplette Umsatz fiel aber auf einmal weg. Selbst wenn man versuchen würde, den Verlust wieder auszugleichen, bräuchte man dafür Jahre oder sogar Jahrzehnte – denn die Gewinnmargen im Reinigungsgewerbe sind extrem gering.

Wie ging das Unternehmen vor?

Die haben das Gleiche gemacht wie Galeria Karstadt Kaufhof: Insolvenz in Eigenverwaltung, also das berühmte Schutzschirmverfahren. Dabei kann sich das Unternehmen entschulden, ohne die Führung an einen Insolvenzverwalter abgeben zu müssen. Nach der erfolgreichen Sanierung kann RBH mit allen 720 Mitarbeitern jetzt wieder durchstarten.

Sehen die Eigentümer der Firmen das auch so positiv wie Sie? Immerhin ist im Falle der Pleite ein Teil ihres Vermögens weg.

Das stimmt natürlich, aber das Unternehmen ist ja so oder so in einer Schieflage. Mit der Sanierung besteht die Chance auf einen Neustart. Viele Unternehmer haben aber oft noch ein ganz anderes Problem: Eine Insolvenz wird oft als persönliches Scheitern angesehen. Dabei sind in der Corona-Krise viele Unternehmen völlig unverschuldet in eine Schieflage geraten – und das hat mit persönlichem Scheitern nichts zu tun. Das müssen viele Unternehmer noch lernen.

Es klingt, als gäbe es im deutschen Insolvenzrecht eigentlich genügend Sanierungsinstrumente. Trotzdem gelten seit Januar neue gesetzliche Regeln. Warum?

Interessanterweise haben die Änderungen nichts mit der Corona-Krise zu tun, sie gehen vielmehr auf eine Richtlinie der EU-Kommission zurück. Deren Idee war es, Sanierungen einfach und kostengünstig auch ohne Insolvenz zu ermöglichen, um damit den Finanzmarkt zu stabilisieren. Denn anders als in Deutschland gibt es in vielen EU-Ländern keine besonders sanierungsfreundlichen Insolvenzgesetze.

Änderungen gibt es aber auch in Deutschland. Was ist neu?

Unternehmen können jetzt im Falle einer drohenden Zahlungsunfähigkeit bereits in einem früheren Stadium handeln und sich mit den Gläubigern außerhalb eines Insolvenzverfahrens auf einen Vergleich einigen. Außerdem ist es möglich, dass Gläubiger im Falle einer Überschuldung von der Mehrheit der Gläubiger überstimmt werden können. Wegen der Corona-Krise hat der Gesetzgeber dieses Gesetzesvorhaben jetzt schneller als geplant umgesetzt.

Kommt das Gesetz also zur richtigen Zeit?

Das kann man zumindest hoffen, da wir nach der Krise hohe Überschuldungsgrade sehen werden, viele Firmen haben jetzt noch zusätzlich KfW-Kredite zu schultern. Wir Verwalter glauben aber, dass es in einem Bereich Probleme geben wird, und zwar bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Für ein Reisebüro oder einen Gastronomie- oder Veranstaltungsbetrieb sind die neuen Regeln zu komplex. Solche Betriebe haben ja keine Rechtsabteilung. Denn mit den neuen Regeln ändert sich noch etwas: Für das klassische Schutzschirmverfahren gelten höhere Anforderungen.

Das heißt, für kleine Betriebe ist Sanierung nicht mehr so leicht möglich?

Zumindest langfristig könnte das der Fall sein. Die Politik hat zum Glück am Schluss doch noch eine Übergangsfrist eingeführt. Daher ist auch 2021 das Schutzschirmverfahren in seiner alten Form noch anwendbar.

Und die große Pleitewelle kommt noch?

Als Bürger hoffe ich, dass sie ausbleibt. Aber die Augen davor zu verschließen, bringt auch nichts. Droht die Zahlungsunfähigkeit, gilt für Unternehmen die Devise: Besser früher handeln als zu spät. Das ist wie bei einer ernsten Krankheit: Je früher Sie zum Arzt gehen, desto besser kann er Ihnen noch helfen.

Interview: Sebastian Hölzle

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