Vorsitzender der "Familienunternehmer" spricht über TTIP

"Wir bekommen einen Riesen-Markt auf dem Silbertablett serviert"

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TTIP macht mobil: Europa und die USA sollen sich weitern annähern.

München - Viele Deutsche schrecken vor dem Freihandelsabkommen mit den USA zurück. Martin Schoeller, Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes "Die Familienunternehmer", sieht vor allem die Chancen.

Das deutsch-amerikanische Freihandelsabkommen spaltet nicht nur Politik und Bevölkerung – auch bei kleinen und mittelständischen Unternehmen gehen die Meinungen darüber auseinander, ob TTIP ihnen eher nützt oder schadet. So klagte in der tz der Weißbier-Brauer Georg VI. Schneider darüber, wie schlecht Mittelständler über den Verlauf der Verhandlungen informiert werden. Und der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMV), Mario Ohoven, sieht in den geplanten Schiedsgerichten eine „Paralleljustiz“, die er ablehnt. Die tz sprach mit dem konkurrierenden Verband „Die Familienunternehmer“ über das umstrittene Abkommen.

Sie sind als Getränkekisten-Hersteller weltweit aktiv. Wie sehen derzeit Ihre Wirtschaftsbeziehungen mit den USA aus?

Martin Schoeller, Unternehmer und Bayerischer Landesvorsitzender des Wirtschaftsverbandes „Die Familienunternehmer“: Wir haben in den USA ein Werk und einen Subunternehmer. Wir stellen alles, was wir in den USA verkaufen, auch in den USA her. Sehr viele Unternehmer machen das so: Sie denken, es ist einfacher, mittendrin im Markt zu sein. Bei unseren Getränke- und Lebensmittelkisten kommt dann noch der Punkt der hohen Transportkosten dazu.

Und kann TTIP Ihrem Unternehmen da konkrete Vorteile bringen?

Schoeller: Ich gehe fest davon aus, dass der Handel sich dadurch ganz stark beleben wird. Nicht, weil die Zollschranken so hoch sind, sondern weil derzeit die Bürokratie hemmt. Und: Es gibt eine psychologische Mauer. Die Einführung des europäischen Binnenmarktes hat maßgeblich zur Verdopplung der deutschen Exporte in den EU-Raum beigetragen. Mit TTIP bekommen wir einen Riesen-Markt auf dem Silbertablett serviert! Die Amerikaner werden es nicht so leicht haben wie wir, weil sie sich auf 28 verschiedene Sprachen und Märkte einstellen müssen. Es ist unverständlich, dass sich in Deutschland so viel Widerstand gegen TTIP auftut, denn wir als Exportnation profitieren am meisten. Das wird viele gut bezahlte Jobs schaffen.

Gibt es US-Normen für Getränkekisten, die sich von den europäischen unterscheiden?

Schoeller: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verträge so weit gehen werden, Flaschendurchmesser oder Pfandsysteme anzugleichen. Aber bei TTIP geht es nicht nur um Steckdosen-Standards oder Ähnliches. Das Gute ist, dass hier auch Verbraucher-, Sozial-, und Umweltstandards verhandelt werden. Dieses Vorbild könnte dazu führen, dass bei künftigen Handelsverträgen etwa mit afrikanischen Staaten auch solche Sozial- und Umweltstandards miteinfließen. Ich sehe darin eine Riesen-Chance, soziale und ökonomische Standards durch den Handel durchzusetzen.

Aber gerade da gibt es doch die große Sorge, dass unsere hohen sozialen Standards sich in diesen Angleichungsprozessen verschlechtern werden…

Schoeller: Nein, wir geben da nirgendwo nach. EU-Kommissar Günther Oettinger hat auf einem Kongress unseres Verbandes den schönen Satz gesagt: „Wir wollen nicht nur die S-Klasse exportieren, sondern wir wollen auch Werte exportieren.“

Mittelständische Unternehmen haben gegenüber der tz geklagt, dass sie nicht ausreichend über die TTIP-Verhandlungen informiert werden. Wie geht es Ihnen da? 

Schoeller: Ich habe da kein Defizit, es ist sicher nicht so eine geheime Sache wie der NSA-Ausschuss. Aber man muss sich die Informationen schon aktiv besorgen.

Mario Ohoven vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft warnt, dass die bei TTIP verhandelten Schiedsgerichte nur Konzernen nutzen und für Mittelständler viel zu teuer sind…

Schoeller: Das ist Unsinn, das richtet sich nach dem Streitwert. Sogar innerhalb der EU gibt es Bedarf für Schiedsgerichte! Italien hat sich Solarparks installieren lassen und rückwirkend die Rate runtergenommen, die Rom vorher gesetzlich versprochen hatte. Nicht jeder Staat verhält sich vorbildlich. Wenn Sie in den USA vor Gericht ziehen, müssen sie befürchten, dass pro-amerikanisch entschieden wird. Und es kommt dort zu absurd hohen Schadenersatzforderungen. Deshalb ist es viel mehr unser als das amerikanische Interesse, Schiedsgerichte zu bekommen.

Es ist ja viel von den in der EU und den USA unterschiedlichen Autoblinkern die Rede. Gibt es Beispiele in Ihrer Branche, wo eine Vereinheitlichung sinnvoll wäre?

Schoeller: Wir haben die International Food Container aufgebaut, die grüne Klappkiste für Obst und Gemüse – und die läuft auch drüben in den USA. Da ist es wichtig, dass die Grundabmessungen normiert sind: 60 mal 40 cm, was unser Paletten-Standardmaß ist. Die Amerikaner haben ganz viele verschiedene Inch-Maße. Je mehr die auf das Standardmaß kämen, desto mehr Einsparungen könnte es in der Logistik und auch bei umweltfreundlichen Mehrwegsystemen geben.

Aber an so zentrale Unterschiede wie die Maßeinheiten Inches – Zentimeter trauen sich die TTIP-Verhandlungen doch gar nicht ran! Nach heftigem Widerstand der US-Bürger hat Ronald Reagan 1982 die Umstellung des US-Systems auf Meter und Kilo beerdigt. Sind gemessen daran nicht alle anderen Vereinheitlichungen ein Witz?

Schoeller: Aber mit Inch können US-Unternehmen bei uns nicht landen, das heißt: Sie brauchen Fertigungslinien, die mit Zentimetern funktionieren. Wir haben einen Standard in Amerika durchgesetzt: Die 60-mal-40-cm-Kiste und die 1,20-mal-80-cm-Palette für Obst und Gemüse. Die Amerikaner haben gesagt, wir hätten gerne Anschluss an den internationalen Austausch, weil Obst und Gemüse geht zwischen Europa, Israel oder Florida hin und her.

Aber dieses Beispiel zeigt, dass solche Angleichungen der Standards in bestimmten Bereichen längst funktionieren. Wären solche Einzel-Lösungen nicht der bessere Weg als das große TTIP-Fass aufzumachen?  

Schoeller: Das kann ja jeder für seine Ebene machen. Beim Stecker fürs Elektroauto hat man sich da auch schon aus pragmatischen Gründen geeinigt. Aber viele Branchen schrecken vor solchen Detail-Verhandlungen zurück, ein übergreifender Ansatz ist sinnvoll.

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