Raumfahrt

Können auf dem Mond Dörfer entstehen?

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So könnte ein Haus auf dem Mond aus verschmolzenem Mondsand (Regolith) aussehen. Das Londoner Architekturbüro Forster und Partner schuf im Auftrag der ESA diesen Entwurf. Über dem Horizont steht die Erde.

Können auf dem Mond Dörfer entstehen – oder gar Pflanzen gedeihen? Erste Versuche sollen diese Frage klären. Doch der Weg zu einer Verwirklichung ist noch sehr weit.

München – Können Menschen irgendwann zu fernen Sternen reisen? Müssen sie es gar, um zu überleben, weil sie die Erde zu sehr ramponiert haben? Seit über 100 Jahren träumen Buchautoren und Wissenschaftler davon, tief in den Weltraum vorzudringen. Vor allem US-Raumfahrer streben derzeit zum Mars. Sowohl die Nasa als auch der private Raumfahrtunternehmer Elon Musk (Space X, Tesla) planen entsprechende Missionen. Andere Weltraum-Enthusiasten glauben, dass Menschen in riesigen Luftschiffen oberhalb der rund 400 Grad heißen, von ätzender Schwefelsäure getränkten Atmosphäre des Nachbarplaneten Venus ein Auskommen finden. Wieder andere halten den Saturnmond Titan – er ist tatsächlich der erdähnlichste Himmelskörper in unserem Sonnensystem – trotz seiner Temperatur von minus 180 Grad für den lebenswertesten Himmelskörper im Sonnensystem. Gemessen daran sind die Pläne der europäischen Raumfahrtagentur ESA geradezu erdverbunden. ESA-Chef Jan Wörner spricht immer wieder von einem Dorf auf dem Mond. „Ich sehe das Mond-Dorf als idealen Nachfolger der internationalen Raumstation ISS im Bereich Forschung“, sagte er.

Ein Dorf? Kann man dort über gepflasterte Wege von Haus zu Haus laufen? Sich zum Plausch am Gartenzaun treffen? Natürlich nicht. Der Erdtrabant ist und bleibt lebensfeindlich. Nur tief unter der Oberfläche wären Menschen vor kosmischer Strahlung geschützt – und vor den Einschlägen der vielen, oft wenige Gramm schweren Steinbrocken aus dem Kosmos, die eben nicht in einer dicken Atmosphäre verglühen – wie auf der Erde.

Den Ersatz für die Atmosphäre (Atemluft mit dem entsprechenden Druck) müsste man zumindest außerhalb hermetisch abgeschlossener Wohnbereiche mit sich herumtragen – in zentnerschweren Druckanzügen, was die geringe Schwerkraft des Mondes erleichtert. Es gibt zwar schon sehr konkret wirkende Modelle von Gebäuden auf dem Erdtrabanten. Doch von einer künftigen Wirklichkeit sind sie noch weit entfernt.

Dörfer auf dem Mond: Womit müsste gebaut werden?

Bevor man über Architektur auf dem erdnächsten Himmelskörper nachdenken kann, muss geklärt werden, womit gebaut werden kann. Ein Transport von Steinen zum Mond ist wegen der astronomischen Kosten ausgeschlossen. Man muss nehmen, was man dort findet. In dieser Frage sind ESA und das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) ein Stück weit vorangekommen. Sie haben im Kölner Sonnenofen des DLR, in dem viel Sonnenlicht in einem einzigen dünnen, extrem heißen Strahl gebündelt wird, die ersten Mond-Bausteine hergestellt. Sie bestehen aus Regolith-Sand, der dem auf der Oberfläche des Erdtrabanten sehr ähnlich ist. Dieser Sand wird in dünnen Schichten aufgebracht und dann mit der Hitze des Stahls verschmolzen – wie Metall in einem 3-D-Drucker von einem Laserstrahl. Es gab auch Versuche mit einem echten 3-D-Druckverfahren, bei dem Mondstaub mithilfe eines Bindemittels verschmolzen wird. Auch das kann, wie sich zeigte, im Vakuum am Mond funktionieren.

Noch sind die Mondziegel aber nicht ausgreift. Man müsste sie mangels Beton ähnlich wie Lego-Steine zusammenstecken können – oder die Bauteile etwa auf einer aufblasbaren Kuppel verschmelzen. Doch der erste Schritt in Richtung Mondhaus ist getan.

Ein zweites Problem ist ebenfalls lösbar: Es gibt Wasser auf dem Mond – und damit die Möglichkeit durch Elektrolyse Wasserstoff und Sauerstoff zu gewinnen; vor allem als Treibstoff. Die Atemluft wie auch das Trinkwasser könnten ähnlich wie auf der Internationalen Raumstation ISS durch Wiederaufbereitung unter anderem von Urin oder verbrauchter Luft gewonnen werden, bevor man damit beginnt, biologische Kreisläufe nachzubilden.

Selbst die natürliche Rückgewinnung von Luftsauerstoff durch Fotosynthese wie bei Pflanzen auf der Erde ist möglich – und möglicherweise sogar der Anbau von Nutzpflanzen. Noch in diesem Jahr soll ein entsprechender Versuch starten. Der DLR-Satellit Eu:Cropis soll in 600 Kilometern Höhe durch Rotation um seine eigene Achse für zunächst ein halbes Jahr die Schwerkraft auf dem Mond – und dann für ein weiteres halbes Jahr die auf dem Mars – simulieren. Dabei sollen Tomatensamen keimen und dann zu kleinen Weltraum-Tomaten-Pflanzen heranwachsen. Mikroorganismen in einem Rieselfilter erzeugen aus künstlichem Urin einen Dünger für die Tomaten. Zum anderen sind Augentierchen mit an Bord, um das geschlossene System vor überschüssigem Ammoniak zu schützen und zudem Sauerstoff zu liefern. Eu:Cropis wird vom Raumfahrt-Kontrollzentrum des DLR in Oberpfaffenhofen gesteuert.

Das alles sind erste Vorarbeiten. 12 Menschen haben im Rahmen des US-Mondprogramms Apollo den Mond betreten. Noch ist es völlig offen, wann wieder ein Mensch seinen Fuß auf den Erdtrabanten setzen kann. Wann ein erstes Mond-Dorf entsteht, kann heute keiner beantworten. Es wird aber bestenfalls von wenigen Menschen bewohnt werden – und das auch nur befristet. Eines Tages allerdings könnte der Mond die Basis dafür sein, dass Menschen weiter in den Weltraum vorstoßen. Aber auch das ist Zukunftsmusik.

Wenn einige renommierte Wissenschaftler bereits erwarten, dass ein Teil der Menschheit in absehbarer Zeit die teilweise zerstörte Erde verlässt, um sich auf fernen, noch intakten Planeten anzusiedeln, greift das weit über das heute Vorstellbare hinaus. Dazu gibt es derzeit – und wohl auch noch für viele Jahrzehnte (vielleicht sogar niemals) – keine realistische Perspektive. Bis dahin gilt: Die Menschen brauchen die Erde. Wenn sie einmal verbraucht ist, existieren – zumindest im biologischen Sinn – auch keine Menschen mehr. Weder der Mond noch die Venus noch Mars oder Titan eignen sich als Fluchtburg für Milliarden Menschen.

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