Können Sie Ihrem Arzt vertrauen?

Berlin - Die Patienten fühlen sich von ihren Ärzten nicht neutral über angebotene Selbstzahler-Leistungen informiert. Dies ergab eine Umfrage der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Kann man seinem Arzt immer vertrauen? Bei den umstrittenen Selbstzahlerleistungen gilt das laut Verbraucherschützern nicht uneingeschränkt - Mediziner verkaufen sie vielfach allzu offensiv.

Patienten werden nach einer Umfrage beim Arzt viel zu spärlich über Selbstzahlerleistungen aufgeklärt. So habe bei jedem vierten Fall vorab eine Kosteninformation gefehlt, berichtete der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) am Montag unter Berufung auf eine bundesweite Online-Umfrage, an der sich von April bis Juni mehr als 1700 Verbraucher beteiligt hätten.

So viel kassieren niedergelassene Ärzte

Spitzenreiter beim Umsatz der Ärzte aus dem Honorar von Behandlung und Diagnose gesetzlich Versicherter sind die Labormediziner. Sie erzielten nach den jüngsten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im ersten Halbjahr 2011 pro Quartal einen Honorarumsatz von rund 230 000 Euro, gefolgt von Nierenspezialisten mit 224 000 Euro. © dpa
Strahlenmediziner, Humangenetiker, Fachärzte für Innere Medizin mit bestimmten Schwerpunkten und Radiologen folgen mit Werten zwischen 199 000 und 93 000 Euro. Kinder- und Jugendpsychiater erzielten 65 000 Euro Umsatz, Augenärzte 60 000, Chirurgen 57 000, Orthopäden 56 000, Hausärzte 52 000 und Gynäkologen 47 000 Euro. © dpa
Laut der jüngsten Erhebung des Statistischen Bundesamtes konnten die Ärzte in Deutschland ihr Einkommen in den letzten Jahren deutlich steigern. Bei den Orthopäden stieg beispielsweise der Wert des jährlichen Reinertrags von 276.000 Euro im Jahr 2007 auf 293.000 Euro im Jahr 2011. Die Allgemeinmediziner konnten ihren jährlichen Reinertrag sogar um 30.000 Euro auf insgesamt 181.000 Euro pro Jahr steigern. © dpa
Auch andere Ärztegruppen verdienten 2011 deutlich mehr als noch vier Jahre zuvor. Allgemein beträgt der Zuwachs zwischen 2007 und 2011 im Schnitt 17 Prozent. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte erzielten demnach laut Statistik einen jährlichen Reinertrag von 215.000 Euro, der jährliche Reinertrag der Frauenärzte beträgt 185.000 Euro, bei den Chirurgen sind es sogar 293.000 Euro. Auch die Hautärzte (249.000 Euro) und die Internisten (266.000 Euro) konnten ihr Einkommen steigern. © dpa
Der jährliche Reinertrag pro Praxis beläuft sich laut der Erhebung des Statistischen Bundesamtes auf 234.000 Euro. Im Schnitt lag der Reinertrag jedes Arztes im Jahr 2011 bei durchschnittlich 13.833 Euro im Monat. © dpa
Augenärzte konnten die größten Einkommenszuwächse erzielen: Sie verdienen im Schnitt 19.083 Euro im Monat. Neurologen kommen auf 14.416 Euro im Monat. Spitzenreiter unter den Ärzten sind die Radiologen und Nuklearmediziner mit 25.250 Euro im Monat. © dpa
Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die vertragsärztliche Vergütung stiegen laut Bundesgesundheitsministerium von 33 Milliarden Euro 2010 auf 33,7 Milliarden 2011. © dpa

Nur jeder Vierte (23 Prozent) erinnerte sich demnach daran, über Risiken aufgeklärt worden zu sein. Über den individuellen Nutzen fühlte sich nur gut jeder Zweite informiert. Ausreichende Bedenkzeit gab es bei 51 Prozent der Fälle.

Mit den fraglichen Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) setzen Arztpraxen in Deutschland nach Angaben des vzbv jährlich mindestens 1,5 Milliarden Euro um. „Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden“, sagte Verbandsvorstand Gerd Billen.

Umstrittene Leistungen

Er forderte die Bundesregierung auf, das derzeit im parlamentarischen Verfahren befindliche Patientenrechtegesetz nachzubessern. Der IGeL-Bereich solle strengeren Regeln unterliegen. „Selbstzahlerleistungen sollen der Gesundheit dienen, nicht die Sebstbedienungsmentalität mancher Ärzte befeuern“, forderte Billen.

Spitzenreiter bei diesen Leistungen sind laut der vzbv-Umfrage Glaukomfrüherkennung (Grüner Star), Ultraschall, PSA-Test (Prostata) und zahnärztliche Behandlungen. Mit 82 Prozent seien die meisten dieser Behandlungen nicht auf Initiative der Patienten zustande gekommen. In fast jedem zweiten Fall sei das Praxispersonal direkt am Verkauf beteiligt gewesen.

Viele dieser Leistungen sind umstritten, sie können aber auch sinnvoll sein. So kritisieren Experten Ultraschalluntersuchungen von Gebärmutter und Eierstöcken zur Krebsfrüherkennung bei beschwerdefreien Frauen als unsicher. Bei vielen Frauen kommt es zum Krebsverdacht, der sich nur selten bestätigt. Verdachtsfälle auf Eierstockkrebs können nur per Operation geklärt werden. Der Nutzen der Glaukomfrüherkennung wird seit langem unterschiedlich bewertet.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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