Wirtschaftsforscher erklärt das Wachstum

Konjunkturprognose: Der Aufschwung ist wieder da!

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Die Wirtschaftswissenschaftler Nikolay Hristov, Roland Döhrn, Oliver Holtemöller, Timo Wollmershäuser und Ferdinand Fichtner (v.l.n.r.)stellen das Frühjahrsgutachten vor.

München - Laut neuem Gutachten bleibt Europas größte Volkswirtschaft auf der Überholspur. Gibt es Spielraum für geringere Steuern? Die tz hat mit Dr. Ferdinand Fichtner, einem der Autoren des Gutachtens, gesprochen

Damit haben selbst Deutschlands wichtigste Konjunkturexperten nicht gerechnet! Vor einem halben Jahr sagten sie der deutschen Wirtschaft in ihrem Herbstgutachten ein Mini-Wachstum von 1,2 Prozent voraus. Jetzt zeichnen sie ein anderes Bild und erhöhen die Wachstumsprognose deutlich auf 2,1 Prozent für dieses Jahr. Außerdem fordern die Forscher von der Bundesregierung Steuersenkungen für Normalverdiener. Der Zeitpunkt dafür sei „besser denn je“. Warum, erklärt Dr. Ferdinand Fichtner, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im tz-Interview.

Vor einem halben Jahr noch 1,2 Prozent, jetzt 2,1 Prozent. Ist das ein Zahlendreher?

Dr. Ferdinand Fichtner: Nein, das ist natürlich Zufall. Im Oktober sah die deutsche Konjunktur noch viel schwächer aus; wir hatten grade ein richtig schlechtes Sommerhalbjahr hinter uns und die Indikatoren, auf die wir so schauen, sahen auch für das Jahresende nicht besonders gut aus. Aus heutiger Sicht muss man natürlich zugeben, dass wir uns ziemlich verhauen haben.

Was hat zu diesem rasanten Umschwung geführt? 

Dr. Fichtner: Zum Glück liegt es nicht so sehr an uns, dass wir so deutlich nach oben korrigieren mussten. Die Hauptursache dafür ist nämlich der deutlich gesunkene Ölpreis; über dessen Entwicklung machen wir - weil es sowieso ständig schief geht - keine richtige Prognose, sondern treffen eine Annahme. Konkret: wir unterstellen immer dass er konstant auf dem Niveau bleibt, das wir zum Beginn der Prognose haben. Nun ist der Ölpreis aber von Oktober bis Januar nochmal deutlich abgesackt. Und das ist natürlich gut für die Konjunktur, zum Beispiel weil die Menschen weniger Geld für Benzin ausgeben und mehr Geld für andere Sachen übrig haben. Entsprechend kräftig war das Schlussquartal 2014, und auch der Jahresauftakt 2015 lief wahrscheinlich richtig gut.

Nutzt sich der Faktor Öl nicht ab? Der Preis sinkt ja nicht mehr?

Dr. Fichtner: Im Moment wirkt er noch positiv. Der Ölpreis ist ja jetzt niedrig und bleibt das - unsere Annahme! - auch. Das kurbelt die Konjunktur weiter an. Irgendwann klingt der Effekt aber ab, dann normalisiert sich das Wachstum wieder. Wir denken aber, dass die Konjunktur dieses Jahr noch profitieren kann. Nächstes Jahr wirkt dann vor allem der stark abgewertete Euro stimulierend auf die Konjunktur, denn er macht Deutschland auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger.

Der schwache Euro liegt an der expansiven Geldpolitik der EZB – ist das also Wachstum auf Pump? 

Dr. Fichtner: Auf Pump würde ich nicht sagen; die EZB kann ja im Prinzip abwerten so lange sie will. Irgendwann wird sich aber vielleicht jemand beschweren. Denn wenn Deutschland (oder der Euroraum) ständig an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, heißt das ja umgekehrt auch, dass der Rest der Welt sich schwerer tut, seine Exporte auf den Weltmärkten abzusetzen. Im Moment ist das Verständnis für die Politik der Europäischen Zentralbank weltweit aber sehr groß, weil die Wirtschaft im Euroraum immer noch sehr schlecht da steht, vor allem natürlich in den Krisenländern.

Können wir uns einen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik vor diesem Hintergrund überhaupt jemals leisten?

Dr. Fichtner: Ich denke schon, dass die EZB irgendwann den Ausstieg einleiten wird. Das wird aber sicher noch eine Weile dauern; in den Krisenländern ist die wirtschaftliche Situation immer noch sehr schlecht und selbst in Deutschland sind die Inflationsraten ausgesprochen niedrig; es gibt also bisher überhaupt keine Anzeichen dafür, dass sich die expansive Geldpolitik in steigenden Preisen niederschlägt. Vor diesem Hintergrund ist bis zum Ausstieg noch Zeit.

Welche Risiken drohen denn der Wirtschaft? 

Dr. Fichtner: Die deutsche Binnenwirtschaft ist ziemlich robust. Risiken drohen vor allem vom außenwirtschaftlichen Umfeld. Die Krise um Russland und die Ukraine, aber auch die Querelen um die Fortsetzung des Reformkurses in Griechenland haben das Potential, die deutsche Konjunktur zu schwächen, wenn sich die Spannungen verschärfen. Weil das mit erhöhter Nervosität vor allem an den Finanzmärkten und in den Unternehmen einherginge. Und Nervosität ist schlecht, weil sie vor allem die Nachfrage nach teuren Investitionsgütern - zum Beispiel Maschinen - dämpft. Das ist ein Hauptprodukt der deutschen Wirtschaft.

Sie fordern Steuersenkungen für Normalverdiener. Warum? 

Dr. Fichtner: Weil die Abgabenbelastung in Deutschland ziemlich hoch ist und es für das langfristige Wachstum gerade in Deutschland angesichts der sich verschlechternden demographischen Entwicklung wichtig ist, dass möglichst viele Menschen arbeiten wollen und können. Wenn Arbeit durch hohe Steuern teuer wird, werden nicht so viele Jobs geschaffen. Neben Steuersenkungen schlagen wir außerdem vor, die öffentlichen Investitionen zu erhöhen, also zum Beispiel die Infrastruktur zu verbessern und mehr in Bildung und Forschung zu investieren. Auch das ist gut für das langfristige Wachstum.

Können wir uns die mitten in der Schuldenkrise überhaupt leisten? 

Dr. Fichtner: Deutschland hat keine Schuldenkrise, die öffentlichen Schulden gehen stetig zurück. Der deutsche Staat erwirtschaftet im Jahr einen Überschuss von 20 Milliarden Euro. Das ist überhaupt nicht notwendig und schafft Spielräume, um die Politik wachstumsfreundlich auszurichten.

Interview: Marc Kniepkamp

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