Zehn Anbieter drehen an Gewinnschraube

Wie tot ist die Lebensversicherung?

Berlin - Wegen der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt wollen Lebensversicherer ihren Kunden offenbar vorübergehend weniger Geld gutschreiben. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen - und erklärt, welche Alternativen es gibt.

Inhaber von Lebensversicherungen müssen mit noch geringeren Renditen rechnen. Wegen der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt wollen Lebensversicherer ihren Kunden offenbar vorübergehend weniger Geld gutschreiben. Mehrere Institute hätten bei der Finanzaufsicht BaFin beantragt, die Vorschriften zur Beteiligung der Kunden an ihren Gewinnen auszusetzen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Darunter seien vor allem kleinere und mittelgroße Unternehmen. Nachdem in den vergangenen Jahren der Garantiezins mehrfach absenkt wurde, wird die Lebensversicherung immer unattraktiver. Ist die Lebensversicherung nicht mehr zu retten?

Die SZ berichtet von „mehr als zehn Gesellschaften“, die beantragt hätten, die Mindestzuführungsverordnung zeitweilig zu kappen. Die BaFin wollte die Größenordnung nicht bestätigen. „Wir können nicht bestätigen, dass es mehr als zehn Unternehmen sind“, so eine Sprecherin. Die Mindestzuführungsverordnung schreibt den Anbietern vor, ihre Kunden „angemessen“ am Ergebnis zu beteiligen: Von Gewinnen mit Geldanlagen sind 90 Prozent für die Kunden vorgesehen.

Die Unternehmen, die bei der BaFin vorstellig wurden, wollen teils „deutlich weniger“ Geld für die Versicherten reservieren. Später solle das Geld aber nachgezahlt werden. In Niedrigzinsphasen komme es schon vor, dass Unternehmen solche „Verschiebung“ der Gutschriften beantragten, sagte die BaFin-Sprecherin.

Auch in den aktuellen Fällen gelten die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt als Ursache für die Sparbemühungen. Die Zinsen für Anleihen von Staaten in der Eurozone mit ausgezeichneter Kreditwürdigkeit sind wegen der Staatsschuldenkrise auf einem niedrigen Niveau.

 

Soll ich meinen Vertrag kündigen?

Jahrzehntelang war die Lebensversicherung der Baustein zur Altersvorsorge der Deutschen schlechthin! Jetzt machen sich viele Menschen Sorgen um ihr Erspartes. Die tz erklärt, worauf Sie achten sollten.

Sollte man jetzt aus der Kapitallebensversicherung fliehen?

Nicht unbedingt! Die Frage, ob man seinen Vertrag kündigen sollte oder nicht, hängt vor allem davon ab, wie lange der Vertrag schon läuft. Vor allem wenn der Vertrag schon vor 2005 geschlossen wurde, sollte man ihn nicht ohne Not kündigen. Denn dann gelten noch steuerliche Vorteile – die Einzahlungen sind absetzbar – , die nach dem Stichtag nicht mehr gelten. Ein weiterer Vorteil bei alten Verträgen: Der hohe Garantiezins. Wer bis zum 30. Juni 1995 einen Vertrag abgeschlossen hat, freut sich über einen maximalen Garantiezins von 3,5 Prozent, bei Abschlüssen bis zum 30. Juni 2000 lag der Satz sogar bei vier Prozent. Davon können Anleger heute nur noch träumen. Heute liegt der Garantiezins bei mauen 1,75 Prozent.

Was ist, wenn der Vertrag erst später abgeschlossen wurde?

Dann steckt man in der Zwickmühle. Die steuerlichen Vorteile gibt es nicht mehr, der Ertrag muss voll versteuert werden. Aber: Wer schon fünf Jahre eingezahlt hat, der hat zwar die Abschlusskosten der Versicherung beglichen, für sich selber aber noch kaum etwas angespart. Beim Abbruch eines solchen Vertrages ginge also erstmal Geld verloren. Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung hat für die WamS den Rückkaufwert einer Modell-Lebensversicherung nach fünf Jahren berechnet. Das Ergebnis: Wer nach fünf Jahren kündigt, erhält von den eingezahlten 6000 Euro lediglich 4149 Euro zurück.

Wann sollte man trotzdem kündigen?

Ganz kurz nach Abschluss der Versicherung könnte eine Kündigung. Sinn machen. Denn derzeit bekommen Kunden nur 1,75 Prozent Garantiezins – das liegt sogar knapp unter der Inflationsrate. Damit ist auf lange Sicht kein Staat zu machen. Das Problem bei einer späteren Kündigung ist, dass es auch mit anderen Produkten nicht einfach ist, die nötige Rendite zu erwirtschaften. Wer also bereits im letzten Drittel des Vertrages steht, sollte diesen, auch dank mutmaßlich hoher Garantiezinsen, besser durchhalten. Zumal am Ende nochmal ein Schlussüberschuss wartet.

Was hat es mit dem sogenannten Zweitmarkt auf sich?

Dabei handelt es sich um die Möglichkeit, eine Lebensversicherung mit Rückkaufswert an einen Zweitmarktanbieter zu verkaufen. Der Vorteil: Sparer können so einen höheren Rückkaufswert als bei einer Kündigung gegenüber der Versicherung erzielen. Der Vertrag wird auf den Anbieter übertragen, der setzt ihn fort und spekuliert auf den Schlussüberschuss. Wichtig ist es, eine Einmalzahlung zu vereinbaren – sonst geht man bei einer Pleite des Anbieters leer aus. Die Anbieter nehmen allerdings nicht jeden Vertrag – wenn ein Vertrag länger als 15 Jahre läuft, wird sich kaum ein Abnehmer finden.

Welche Alternativen zur Lebensversicherung gibt es?

Heute sollte man von der Lebensversicherung eher die Finger lassen. Am Besten sorgen Sparer vor, indem sie ihr Geld auf verschiedene Anlagen verteilen. Die eigene Immobilie, Riester-Banksparpläne, eine betriebliche Altersvorsorge – aber auch ein kleiner Prozentsatz riskanterer Investmentfonds bringen den richtigen Mix aus Sicherheit und Rendite. Bei der Altersvorsorge sollte man sich individuell beraten lassen: Unter 089/53987-31 könnne Sie einen Beratungstermin bei der Verbraucherzentrale München ausmachen.

Mk.

 

Das Grundprinzip einer Lebensversicherung

Was ist eine Lebensversicherung?

Lebensversicherungen sind Personenversicherungen, da das versicherte Risiko direkt in der Person liegt. Die Anbieter legen die Beiträge langfristig in Wertpapieren, Pfandbriefen, Darlehen, Immobilien, Unternehmen und Aktien etc. an und müssen einen zugesagten Garantiezins erwirtschaften. Im Lebensversicherungsvertrag wird eine Versicherungsleistung vereinbart, die im vertraglich vereinbarten Versicherungsfall an den Versicherungsnehmer oder einen anderen Bezugsberechtigten ausgezahlt wird. Im Allgemeinen werden Lebensversicherungen als Summenversicherung abgeschlossen, die Versicherungsleistung wird also im Versicherungsfall in Höhe einer vertraglich vereinbarten Versicherungssumme als Geldleistung erbracht.

Wie werden die Beiträge genau angelegt?

Laut Verband der Versicherungen werden 23,6 Prozent der Gelder in Schuldschein-Darlehen, Fonds und Termingeld, 29,5 Prozent in Unernehmen und Immobilien sowie 23,8 Prozent in Pfandbriefe investiert.

Wie arbeitet eine Lebensversicherung?

Ein Versicherer erwirtschaftet Überschüsse zugunsten des einzelnen Versicherungsvertrags. Es handelt sich zum einen um Zinsüberschüsse aus Kapitalanlagen. Zum anderen um Risikoüberschüsse und Kostenüberschüsse, die dadurch entstehen, dass der Lebensversicherer weniger Leistungen erbringen und geringere Kosten aufwenden muss als kalkuliert. Die Überschüsse erhält der Versicherungsnehmer üblicherweise entweder in Form einer zusätzlichen Leistung aus der Überschussbeteiligung im Versicherungsfall oder als Barauszahlung, meist in Form einer Verrechnung mit den fälligen Beiträgen.

Wie setzt sich das Kundenguthaben zusammen?

Zum einen aus dem Sparanteil (= Beitrag abzüglich Abschluss-, Verwaltungs- und Risikokosten der Versicherung), zum anderen aus den Überschüssen.

Welche Überschüsse gibt es?

Es gibt Zins-, Risiko- und Kostenüberschüsse sowie Gewinne aus Bewertungsreserven. Zinsüberschüsse entstehen, wenn die Kapitalmanager aus dem als Kapital angelegten Sparanteil höhere Zinsen erwirtschaften, als den zugesagten Garantiezins. Davon müssen sie 90 Prozent an den Kunden weiterreichen. Der Risikoüberschuss entsteht, wenn weniger Kunden vor Versicherungsende sterben, als vom Versicherer kalkuliert. Dem Kunden stehen 75 Prozent dieser Überschüsse zu. Kostenüberschüsse kommen zustande, wenn die Verwaltungskosten durch ein effektives Kundenmanagement niedriger sind, als kalkuliert. Davon bekommen die Kunden 50 Prozent gut geschrieben.

Was sind Bewertungsreserven?

Bewertungsreserven gibt es, wenn Versicherungen beispielsweise Immobilien kaufen und die Gebäude über die Jahre trotz eines realen Zeitwerts auf einen Buchwert von Null abschreibt. Seit einer Gesetzesreform von 2008 müssen Versicherte bei Ablauf ihrer Lebensversicherungen an solchen Bewertungsreserven zwar beteiligt werden. Die Berechnung dieses Anteils ist aber völlig intransparent und nicht nachzuvollziehen.

K. H. Dix

Eine Milliarde - wie viel ist das?

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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