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Lieferstopp für russisches Gas: Sind wir die Nächsten?

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Von: Wolfgang Hauskrecht, Klaus Rimpel

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Nach dem russischen Gas-Stopp für Polen und Bulgarien ist auch die Unsicherheit in Deutschland groß. Eine Übersicht über die aktuelle Lage und die Auswirkungen auch in Bayern.

München – Russland dreht Polen und Bulgarien den Gashahn zu. Damit wächst die Sorge, dass der Kreml auch gegen Deutschland „Energie als Waffe“ einsetzen wird, so Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Kreml-Sprecher Dmitri Peskow drohte, dass allen Staaten, die sich weiter weigern, in Rubel zu bezahlen, ebenfalls ein Lieferstopp drohe.

Nach russischem Lieferstopp: Wie hart würde uns ein Gas-Aus treffen?

„Ein Abriss der Gaslieferungen zum jetzigen Zeitpunkt würde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession treiben“, so Habeck. Prognosen sagen für diesen Fall ein Schrumpfen der Wirtschaft um bis zu 6,5 Prozent voraus. Allerdings hat die Einstellung der russischen Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Deutschland.

Was bedeutet ein Gas-Stopp für Bayern?

„Ein Lieferstopp von russischem Erdgas würde die bayerische Wirtschaft auf das Härteste treffen“, so Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zur tz. „Unsere aktuelle Umfrage von Mitte April hat ergeben, dass kurzfristig fehlendes Erdgas bei 22 Prozent der Unternehmen im Freistaat einen sofortigen Produktionsstopp zur Folge hätte. Betriebe, die auf Erdgas direkt angewiesen sind, befürchten einen Umsatzrückgang von 40 Prozent. Nach weiteren Berechnungen wären mindestens 220.000 Beschäftigte in Bayern von den Folgen direkt betroffen.“

Noch viel stärker wären indirekte Effekte: „Gas ist ein unersetzlicher Rohstoff zur Herstellung von Vorprodukten, etwa in der Chemieindustrie oder in der Metall- und Elektroindustrie“, so Brossardt.

Sind wir inzwischen weniger abhängig von russischem Gas?

Laut Habeck bezieht Deutschland nur noch 35 Prozent seiner Gas-Lieferung aus Russland. Im vergangenen Jahr hatte der Anteil noch bei mehr als der Hälfte (55 Prozent) gelegen, im März waren es noch 40 Prozent.

Zeigt der Gas-Stopp für Polen und Bulgarien schon Auswirkungen?

„Polen und Bulgarien erhalten nun Gas von ihren EU-Nachbarn“, versprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Wir werden sicherstellen, dass die Entscheidung von Gazprom die geringstmögliche Auswirkung auf europäische Verbraucher hat“, so von der Leyen weiter. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte mit: „Derzeit ist die Versorgungssicherheit hier gewährleistet.“

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sagte im Gespräch mit der Bild: „Polen ist vorbereitet, wir haben einen Flüssiggas-Terminal gebaut, um den Ausfall auszugleichen. Auch unsere Pipeline für Gas aus Norwegen ist fast fertig. Wir lassen uns nicht erpressen!“

Wie voll sind derzeit unsere Gas-Speicher?

Die Füllstände liegen laut Wirtschaftsministerium bundesweit bei 33,5 Prozent. In Bayern, das fast zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig war, sind die Speicher nur zu 17,15 Prozent gefüllt. „Wir sind gerade erst am Ende der Heizperiode. Ab Anfang Mai wird wieder begonnen einzuspeisen“, so Detlef Fischer, der Geschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). Laut dem neuen Speichergesetz müssen die Speicher bis zum 1. Dezember im Schnitt zu 90 Prozent gefüllt sein.

Und was passiert, wenn die Gas-Speicher nicht entsprechend aufgefüllt sind?

„Zuerst schaut man, ob der Markt das schafft“, erklärt VBEW-Chef Fischer. „Schafft er es nicht, müssen die Fernleitungsnetzbetreiber Gasmengen ausschreiben, die für die Speicherbefüllung bestimmt sind. Dafür wird dann ein Preis ausgerufen, der es hoffentlich attraktiv macht für die Gaslieferanten. Es wird also weiteres Gas am Markt für die Speicher besorgt.“

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