Metall-Tarifkonflikt geht in heiße Phase

Sindelfingen - Die Metallindustrie brummt. Sowohl Gewerkschaft als auch Arbeitgeber warnen vor einem Streik, der dem Geschäft schaden könnte. Wir nennen die Knackpunkte.

Bei den entscheidenden Verhandlungen der IG Metall und Arbeitgeber im Metalltarifkonflikt ist keine Annäherung in Sicht. Als Knackpunkte der fünften Runde am Dienstag im Pilotbezirk Baden-Württemberg erwiesen sich die Forderungen der IG Metall nach unbefristeter Übernahme der Ausgebildeten und mehr Mitbestimmung der Betriebsräte beim Einsatz von Leiharbeitern. Wenn die Tarifparteien bei den Verhandlungen in Sindelfingen bei Stuttgart den gordischen Knoten nicht durchschlagen können, ist ein Streik in der Schlüsselbranche mit ihren 3,6 Millionen Beschäftigten unausweichlich.

Nach etwa zweistündigen gemeinsamen Beratungen am Dienstagnachmittag zogen sich die beiden Lager zu getrennten Besprechungen zurück; dabei stimmte sich Südwestmetallchef Rainer Dulger mit der Spitze des Bundesverbandes Gesamtmetall ab. Dessen Vorstand hält seine reguläre Sitzung an diesem Mittwoch in Stuttgart ab. Einige Herren seien schon früher angereist, hieß es. Nach den internen Treffen kamen die Verhandlungsdelegationen wieder zu einem Gespräch im kleinen Kreis zusammen.

Diskussionsgrundlage sind Empfehlungen einer gemeinsamen Expertenkommission von Gewerkschaft und Südwestmetall zu den qualitativen Themen. Die Entgeltfrage wird erst nach einem Durchbruch bei diesen Themen behandelt. Die Gewerkschaft verlangt 6,5 Prozent mehr Geld und besteht auf Lösungen für alle drei Forderungselemente; die Arbeitgeberseite bietet bislang drei Prozent mehr Entgelt für 14 Monate an und lehnt Einschränkungen ihrer unternehmerischen Freiheit ab.

Vor den Gesprächen hatte Dulger die Gewerkschaft zum Einlenken aufgefordert: “Es wird darum gehen, ob sich die IG Metall in ihren grundsätzlichen Positionen bewegt.“ Auch IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann verlangte substanzielle Fortschritte bei den qualitativen Themen. In den Gesprächen werde jetzt geprüft, ob die Expertenkommission “belastbare Brücken“ gefunden habe, fügte er hinzu.

Die IG Metall argumentiert, mit ihren Ausnahmemöglichkeiten bei der Azubi-Übernahme den Arbeitgebern schon entgegen gekommen zu sein. So sollen die jungen Menschen in der Regel unbefristet übernommen werden; aber bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Unternehmens, bei Ausbildung über Bedarf und bei personenbedingten Problemen könne davon abgewichen werden. Die Arbeitgeber wollen sich zwar Nachwuchskräfte sichern, lehnen aber jeglichen Zwang - über die bisherige Übernahme nach der Lehre für zwölf Monate hinaus - ab.

Die Gewerkschaft will auch die aus ihrer Sicht ausufernde Leiharbeit eindämmen, durch die zunehmend Stammbeschäftigte verdrängt würden. Zudem würden Ausgebildete nicht dauerhaft übernommen, aber als Leiharbeiter wieder in derselben Firma eingestellt, berichtete ein Vertrauensmann der IG Metall bei einer kleinen Versammlung vor dem Verhandlungslokal. Baden-Württemberg war der Schwerpunkt der bundesweiten Warnstreiks mit rund 23 600 Metaller Teilnehmern aus 133 Betrieben; bundesweit beteiligten sich rund 53 000 Beschäftigte aus etwa 290 Betrieben an vorübergehenden Arbeitsniederlegungen. Seit Ende der Friedenspflicht zählt die IG Metall insgesamt über 750 000 Warnstreikende.

Dulger betonte, die Unternehmen dürften nach einem Abschluss nicht weniger Ausbildungsplätze anbieten und weniger Flexibilisierungsmöglichkeiten nutzen können als heute. In den Expertenvorschlägen gebe es einige Punkte, bei denen sich Annäherung abzeichne, einige, bei denen man aber noch weit auseinander liege.

Hofmann sagte, falls es Schritte in die richtige Richtung gebe, werde am 22. Mai - ebenfalls in Sindelfingen - weiterverhandelt. Wenn kein Durchbruch absehbar sei, werde am Mittwoch die Große Tarifkommission der IG Metall, das oberste Entscheidungsgremium der Gewerkschaft, voraussichtlich über einen Arbeitskampf abstimmen.

DGB-Chef Michael Sommer hatte sich am Dienstagmorgen demonstrativ an die Seite der IG Metall gestellt. “Wir haben das Land nicht aus der Krise geführt, um uns jetzt mit Almosen abspeisen zu lassen“, sagte er bei einer Kundgebung in Osnabrück.

Im Tarifkonflikt bei Europas größtem Autobauer VW haben rund 20 000 Beschäftigte am Dienstag in Wolfsburg zwei Stunden die Arbeit ruhen lassen und damit der Forderung der IG Metall nach 6,5 Prozent mehr Geld Nachdruck verliehen. Die Arbeitgeber haben noch kein Angebot für die 102 000 Beschäftigten der sechs VW-Werke und der VW-Finanztochter vorgelegt.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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