Die tz erklärt die Pläne

Das neue Siemens: So räumt Kaeser auf

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Siemens-Chef Joe Kaeser.

München - Die tz erklärt, wie sich Siemens unter Joe Kaeser neu aufstellen will und wie er dem US-amerikanischen Konkurrenten General Electric Paroli bieten will.

Siemens-Chef Joe Kaeser (56) hat eine große Vision – genauer gesagt eine Vision 2020. So nennt Kaeser das Programm, mit dem er den Münchner Industriegiganten völlig umkrempeln will. Es ist ein Umbau in stürmischen Zeiten. Zwar ist der Gewinn im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent auf 1,15 Milliarden Euro gestiegen, der Umsatz hingegen sank wegen des starken Euro um zwei Prozent auf 17,45 Milliarden Euro. Die Auftragseingänge bei Siemens sanken sogar um 13 Prozent. Die tz erklärt, wie sich der deutsche Technologiekonzern unter Kaeser neu aufstellen will und wie er dem US-amerikanischen Konkurrenten General Electric Paroli bieten will:

Neue Konzernstruktur: Siemens-Chef Joe Kaeser wirft die von seinem Vorgänger Peter Löscher installierten Sektoren über den Haufen. Löscher hatte versucht, die Geschäftstätigkeiten des Konzerns in den vier Sektoren Energie (im Jahr 2013 insgesamt 26,6 Milliarden Euro Umsatz; 84 000 Mitarbeiter), Industrie (18,6 Milliarden Umsatz; 100 000 Mitarbeiter), Gesundheitswesen (13,6 Milliarden Umsatz; 52 000 Mitarbeiter) und Infrastruktur und Städte (17,9 Milliarden Umsatz; 90 000 Mitarbeiter) zu bündeln. Kritiker bemängelten, das bringe zwar mehr Bürokratie aber keine Synergieeffekte. Jetzt will Kaeser sich auf die Bereiche Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung konzentrieren. Ab Oktober sind die Sektoren bei Siemens Geschichte.

Mehr Gewicht für die Divisionen: Weil die Ebene der Sektoren wegfällt, sollen die ihnen bisher untergeordneten Divisionen eine wichtigere Rolle im Konzern spielen. Damit wird die Verantwortung für das Geschäft vom Vorstand wieder in die eigentlichen Geschäftsfelder übertragen. Kaeser reduziert die Zahl der Divisionen zudem von 16 auf 9, als zehnte Einheit kommt das Gesundheitswesen hinzu. Dieser bislang als eigener Sektor geführte Bereich arbeitet künftig eigenständig und damit unabhängig von der Konzernorganisation. Flachere Hierarchien sind das Ziel – und Einsparungen von „Kosten in Höhe von einer Milliarde Euro“ bis 2016. Außerdem will Kaeser wieder klarere Verantwortung für die einzelnen Bereiche: „Es gibt klare Verantwortungen, es gibt klare Ziele und es wird auch klare Konsequenzen geben, im Guten wie auch im anderen Fall“, kündigt Kaeser an.

Neue Vorstände: Auch für die Führungsspitze des Konzerns verändert sich. Der bisherige Vorstand des umsatzstärksten Sektors Energie, Michael Süß, muss seinen Posten räumen und wird von der bisherigen Shell-Managerin Lisa Davis ersetzt. Diese soll ihre als eine der Schlüsselfunktionen bei Siemens geltenden Aufgaben aus den USA erfüllen - Davis soll offensichtlich den Siemens-Konkurrenten General Electric stärker attackieren. Der US-Konzern hatte Siemens in den letzten Jahren abgehängt und machte mit weniger Mitarbeitern mehr Umsatz und sogar 100 Prozent mehr Gewinn.

Wachstumsmarkt Digitalisierung: „Wir werden die Chancen der Digitalisierung ergreifen“, sagt Kaeser. Siemens setzt hier auf Big Data, darauf, die riesigen Datenmengen, die der Konzern sammelt, zu Geld machen zu können. „Jede große Siemens-Turbine enthält 1500 Sensoren – und jede hat etwas zu sagen.“ Noch ist nicht ganz klar, wie Siemens diese Daten zu Geld machen soll, doch Kaeser ist zuversichtlich. Vor Google habe Siemens Respekt, aber keine Angst, ließ Kaeser wissen. Schließlich sei das Geschäft mit Industriekunden ein anderes als mit Privatkunden.

Zusammenarbeit mit Mitsubishi: Die traditionsreiche Sparte Schwerindustrie verliert an Bedeutung. Künftig will Siemens das Geschäft mit Anlagen, Produkten und Dienstleistungen für die Eisen-, Stahl- und Aluminiumindustrie mit den japanischen Mitsubishi Heavy Industriebetreiben. An dem Joint Venture für die Metallindustrie wird Siemens wird mit einem Minderheitsanteil von 49 Prozent beteiligt sein.

Hörgeräte an die Börse: Schon vor Jahren wollte Siemens seine Hörgeräte-Sparte loswerden, doch es fand sich kein Käufer. Jetzt soll die Sparte durch einen Börsengang aus dem Unternehmen ausgegliedert werden.

Sorge um Arbeitsplätze: Noch ist nicht klar, was das Programm für die weltweit gut 360 000 Siemens-Beschäftigten bedeutet: Konzern-Insider rechnen damit, dass durch den Umbau zwischen 5000 und 10 000 Arbeitsplätze bedroht sein könnten. Vor allem Stellen in der Verwaltung stehen auf der Kippe. Kaeser selbst äußerte sich zunächst nicht zu den Auswirkungen auf die Arbeitsplätze, erklärte aber vielsagend: „Wer Bürokratieabbau fordert, der muss wissen, dass Bürokratie auch Gesichter hat.“ Über weitere Details werde das Unternehmen nach Beratungen mit den Arbeitnehmervertretern informieren. Dem Sparprogramm Siemens 2014 waren zuletzt rund 15 000 Stellen zum Opfer gefallen. Immerhin: Kaeser will die Mitarbeiter deutlich stärker am Unternehmen beteiligen. Die Zahl der Mitarbeiter-Aktionäre soll um mindestens 50 Prozent auf deutlich über 200 000 steigen, Siemens stellt dafür erfolgsabhängig bis zu 400 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung.

Mk.

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