Was Sie dagegen tun können

Niedrigzins-Schock: Hilfe, unser Geld schmilzt!

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Was bedeutet die Niedrigzinspolitik für die Sparer? Die tz hat nachgefragt

München - Wie hängen Inflation und Leitzins miteinander zusammen? Was bedeutet die Niedrigzinspolitik für Sparer? Die tz hat beim Börsenexperten Frank Lehmann nachgefragt.

Nur noch 0,25 Prozent beträgt seit Donnerstag der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) für den Euroraum. Der Leitzins ist der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB mit Geld versorgen können. EZB-Präsident Mario Draghi reagierte damit auf die niedrige Inflation im Euro­raum von gerade mal 0,7 Prozent. Aber wie hängen Inflation und Leitzins miteinander zusammen? Was bezweckt die EZB mit ihrer Politik des billigen Geldes? Die tz hat beim Börsenexperten Frank Lehmann nachgefragt.

„Die EZB ist in Panik geraten, weil sie nicht von so niedrigen Preissteigerungsraten ausging. Sie hat die Befürchtung, dass wir in eine Deflationspirale geraten. Die Folge davon wäre: Ich kaufe jetzt nicht, sondern warte, bis es noch billiger wird.“ Lehmann warnt: „So kommt eine Volkswirtschaft zum Stillstand.“ Hintergrund ist für den früheren Moderator von Börse im Ersten die Stützung des südeuropäischen Wirtschaftsraumes. „Eine Zinssenkung soll die praktisch zum Stehen gekommene Kreditvergabe in den südlichen Ländern des Euroraumes ankurbeln. Damit die Leute wieder mehr kaufen und die Preise steigen. Zwei Prozent Inflation sind das Ziel der EZB. Gut für den Kreditnehmer, schlecht für den Anleger.“

Die Zinssenkung provoziert aber wachsende Kritik: Nach Überzeugung des Direktors des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), Michael Hüther, sind die aktuellen Probleme in Südeuropa gerade nicht durch Zinssenkungen zu lösen. „Das Problem liegt in den Bilanzen der dortigen Banken, die immer noch viel Müll drin haben. Deshalb muss man die Bilanzen bereinigen.“

Was bedeutet die Niedrigzinspolitik für die Sparer? Die tz hat nachgefragt:

Börsenexperte Lehmann: Jetzt in Aktien investieren

Herr Lehmann, wie rettet man sein Vermögen?

Frank Lehmann: Man muss drei bis vier Prozent Rendite im Jahr schaffen, um Minderungen durch Steuern und Inflation aufzuwiegen. Und schon das schaffen Sie nicht allein mit Sparbuch oder Tagesgeld, sondern nur mit einer Streuung des Vermögens. Der Deutsche scheut zwar das Risiko. Aber Sicherheit kostet Geld, Nichtstun kostet Geld. Man muss ein bisschen Risiko gehen.

Der Dax ist auf einem Höchststand. Lohnt da noch ein Einstieg oder droht eine Aktienblase?

Lehmann: Wer mittel- und langfristig denkt: auf jeden Fall. Die Unternehmen im Dax sind außerordentlich gesund. Und der M-Dax mit den mittelständischen Unternehmen ist noch interessanter, die sind so was von stramm und solide aufgestellt. Wenn keine Quereinschläge von anderswo kommen, bin ich sicher, dass der Dax bald über 10 000 Punkten liegt.

Wie viel sollte man in Aktien investieren?

Lehmann: Auf jeden Fall 40 bis 45 Prozent seines Portfolios. Vor allem Aktien aus Deutschland, aber nur erste und zweite Liga. Und man muss auf die richige Dividende achten. Die Dividende ist der Zins für die Aktie. Dazu Papiere aus Europa und amerikanische Aktien. Und dann Schwellenländer: China, Brasilien, Russland, Indien. Am besten über Fonds. Dazu noch etwas Immobilien, dann ist man gut aufgestellt.

Sind den Dax oder M-Dax abbildende Indexfonds auch lukrativ?

Lehmann: Damit kann man auch viel verdienen. Wer keine Beratung braucht, sollte zugreifen. Einzeltitel sind immer ein Risiko. Wer das scheut, nimmt besser Fonds.

Wenn man kein Geld hat, sollte man sich welches leihen, um Aktien zu kaufen?

Lehmann: Der größte Fehler, den man machen kann. Man darf nur freies Geld verwenden, das man mittelfristig, also für wenigstens fünf Jahre, nicht braucht.

Wie steht es mit Gold?

Lehmann: Jeder kann weltweit etwas mit Gold anfangen. Es ist eine Ersatzwährung. Wir werden irgenwann richtig Inflation bekommen in drei, vier Jahren. Deswegen bietet sich Gold als Reserve an, aber nur maximal zehn Prozent vom Depot. Ob Münzen oder Barren, ist egal. Hauptsache reines Gold.

Und Immobilien?

Lehmann: In München gibt es eine Immobilienblase mit teilweise unverschämt hohen Preisen, volkswirtschaftlich nicht mehr vertretbar. In Frankfurt, in Berlin, in Hamburg in bestimmten Vierteln auch. Aber über das ganze Land gesehen, sind Immobilien in ihrer Preisentwicklung immer noch moderat. Zehn bis 15 Prozent im Depot empfehle ich. Oder wenn man eine Wohnung in guter Lage sieht, dann sollte man mit 30 Prozent Eigenkapital zur Bank gehen und sich 70 Prozent leihen. Das funktioniert.

Was ist mit Konsumgütern wie einem neuen Auto?

Lehmann: Ich empfehle Oldtimer, die haben traumhafte Wertentwicklungen, wenn es sich nicht um ein schwarzes Schaf handelt. Aber auch für Flachbildschirme oder Smart­phones habe ich großes Verständnis.

Schulden machen lohnt im Moment, oder?

Lehmann: Aber nicht bis zur Halskrause. Klar: Der Schuldner lacht sich ins Fäustchen und sagt: „So billig hab ich noch nie Geld bekommen.“ Aber nicht einfach sinnlos Geld aufnehmen. Kein Konsumrausch, nur weil der Elektronikmarkt mit null Prozent Zinsen wirbt. Aber wenn man dringend neue Möbel braucht, dann am besten jetzt.

Also möglichst wenig Geld auf dem Girokonto horten?

Lehmann: Da sowieso nicht.

Auf dem Sparkonto?

Lehmann: Das ist scheinbar sicher, aber auch hier gibt es ein Risiko: dass die Inflation das Guthaben auffrisst.

Wie sieht es mit einem Festgeld- oder Tagesgeldkonto aus?

Lehmann: Wer kein Risiko eingehen möchte, sollte eine Festgeldanlage versuchen oder Termingeld auf zwei, drei Jahre anlegen. Oder Pfandbriefe. Oder von mir aus auch eine deutsche Staatsanleihe mit 1,6 Prozent Zins. Man verdient damit zwar nichts, aber man verliert auch kein Geld.

Viele Experten befürchten eine Welle der Altersarmut in Deutschland.

Lehmann: Wichtig ist, dass man etwas gegen Altersarmut unternimmt: acht bis zehn Prozent vom Nettoeinkommen jeden Monat beiseitelegen. Man sollte dazu einen Sparplan machen, aber keinen Banksparplan, sondern einen Aktiensparplan.

Sollte man sein Geld in Lebensversicherungen stecken?

Lehmann: Das ist eine kitzlige Geschichte. Vorteil: Man weiß, man kriegt einen bestimmten Betrag, solange man lebt. Das ist die Sicherheit, die man hat. Aber damit Geld zu verdienen geht nicht mehr wie früher. Unter Reditegesichtspunkten lohnt sie sich also nicht. Als Absicherung von mir und meiner Familie: ja, auf jeden Fall.

Michael Brommer

So retten Sie Ihr Geld: Niemals der Bank trauen

Die Verunsicherung der Sparer schlägt über kurz oder lang auch bei den Experten der Verbraucherzentrale Bayern auf. In der tz erklärt der Projektleiter Altersvorsorge, Merten Larisch, auf was Sie bei den verschiedenen Anlageformen achten sollten.

Geldwerte: „Die Leitzinssenkung wird zur Senkung der Zinsen von Geldwerten wie Tagesgeldkonten, Sparbüchern, Festgeldkonten und Banksparbriefen führen. Mit einzelnen Produkten können Verbraucher aber immer noch ihr Geld vor der Inflation schützen. Bei der Entscheidung sollten sie sich aber nicht von ihrer Hausbank beraten lassen, sondern die Zinsen selbst vergleichen, bei Finanztest oder dem Vergleichsportal biallo.de zum Beispiel. Derzeit bieten mehrere Banken Sparpläne mit monatlicher Einzahlung an mit einer Rendite von über drei Prozent. Kunden mit älteren Sparbriefen profitieren oft noch von Altkonditionen. Für den Zweck der Anlage für liquide Reserven gibt es durchaus Tagesgeldkonten mit 1,3 bis 1,5 Prozent Zins per anno.“

Anleihen: „Neue Euro-Anleihen werden weniger abwerfen. Meist kauft man als Privatanleger keine Einzelanleihen, sondern Anleihenfonds, die eher als Rentenfonds bekannt sind. Wer hier investieren möchte, kann nur Marktdurchschnitt kaufen, indem er sich für Renten-Indexfonds ETF entscheidet. Hände weg von gemanagten Rentenfonds!“

Lebensversicherungen: „Da Lebensversicherer größtenteils konservativ in Anleihen investieren und deren Konditionen sich verschlechtern werden, wird auch deren Überschussbeteiligung darunter leiden. Deshalb ist der Abschluss einer neuen Renten- oder Kapitallebensversicherung mit derzeitig 1,75 Prozent Garantiezins vor Kosten nicht lukrativ. Altbestandskunden profitieren oft noch von interessanten Garantiezinssätzen. Letzteres gilt auch für viele ältere Bauspartarife.“

Aktien: „Nur Verbraucher, die sich zumindest etwas mit Aktien auskennen, sollten sich auf diesen Wertpapiermarkt wagen. Wer investieren möchte, sollte aber niemals sein ganzes Vermögen einsetzen. Konservative Sparer legen einen kleinen Teil an, Risikobewusste einen größeren. Abzuraten ist von Einzelaktien. Indexfonds (ETF) sind besser. Dazu gilt: Nur wer gute Nerven hat und nicht auch bei Verlusten verkaufen muss, sollte sich daran wagen.“

Gold: „Gold ist keine Geldanlage, sondern ein Wertaufbewahrungsmittel und das auch nur für einen kleinen Teil des Vermögens. Bei großen Krisen kann es dem Anleger die gewünschte Liquidität sichern. Als echte Anlage im Sinne einer sicheren Renditequelle ist es aber nicht zu empfehlen.“

Lukas Kurkowski

Warum sinken jetzt nicht die Dispozinsen?

Winzige Haben-Zinsen, riesige Dispo-Zinsen. Warum? Die tz hat beim Börsenexperten Frank Lehmann und bei Britta Klein von der Stadtsparkasse München nachgefragt:

Lehmann: Die Banken müssen die Überziehung einplanen, das Bereitstellen des Geldes kostet sie auch Geld. Dauerhaft sein Girokonto überziehen, darf man nicht machen. Besser: Ratenkredit für nur fünf bis sechs Prozent.

Klein: Da Dispokredite in der Regel ohne Sicherheiten eingeräumt werden, ist das Ausfallrisiko höher, weshalb auch der Zins höher ist. Außerdem sind auch unsere Refinanzierungskosten bei dieser Kreditart deutlich größer.

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