Schönheitswahn

Obst und Gemüse mit Fehlern hat es noch schwer

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Die sogenannte Allgemeine Vermarktungsnorm ( AVN) regelt in der Europäischen Union wie Obst und Gemüse aussehen soll, dass in den Verkauf geht

Stuttgart - Es ist ein Teufelskreis: Verbraucher haben sich daran gewöhnt, nur makelloses Obst und Gemüse zu bekommen - Händler und Erzeuger können für Top-Früchte mehr Geld verlangen. Langsam setzt ein Umdenken ein.

Karotten mit drei Wurzeln, verwachsene oder rissige Äpfel, in die Länge gezogene, schlangenförmige Kartoffeln - sie haben meist keine Chance. Auch im Supermarktregal galt bislang: Erfolg hat nur, wer in Top-Form ist. „Wir haben ein Luxusproblem“, sagt Manfred Edelhäuser, Referatsleiter für Lebensmittelüberwachung beim Verbraucherschutzministerium in Baden-Württemberg. „Der Handel schafft es nicht, schlecht aussehende Ware zu verkaufen.“

Als Ursache des Schönheitswahns bei Obst und Gemüse gelten die sogenannten Vermarktungsnormen der EU, in denen auch die Handelsklassen geregelt sind. Sie hatten eigentlich zwei Ziele, erklärt Edelhäuser: Zum einen wurde die Qualität der Sorten in Klassen eingeteilt und sollte so einfacher verglichen werden können, zum anderen vereinfachte die einheitliche Form von Gemüse Transport und Lagerung. Doch inzwischen sind die Regeln in die Kritik geraten.

Denn überwiegend wird das makellose Obst der Klasse I angeboten. Ware aus Klasse II, die auch mal Fehler in der Schale oder Druckstellen aufweisen darf, kommt dagegen kaum noch vor. „Wir finden dieses Angebot bei unseren Kontrollen nur in seltenen Fällen“, sagt Maria Reinhardt, die beim Regierungspräsidium Stuttgart für landwirtschaftliche Produkte zuständig ist. Dabei müssen streng genommen nur ungenießbare - also zum Beispiel von Fäulnis oder Schädlingen befallene - Lebensmittel aus dem Verzehr gezogen werden.

Einige Supermarktketten versuchen es nun und bieten auch Früchte an, die von der Bestform abweichen - zu günstigeren Preisen. Der Edeka-Verbund hat vergangene Woche in verschiedenen Bundesländern ein Pilotprojekt gestartet, an dem sich auch der Discounter Netto beteiligt. In Österreich läuft ein Testprojekt der Rewe-Gruppe unter dem Titel „Wunderlinge“. Ob das Prinzip allerdings auch nach Deutschland importiert werde, sei offen, sagt ein Rewe-Sprecher.

Reinhardt sieht vor allem die Verbraucher in der Pflicht. „Der Handel stellt sich auf das ein, was nachgefragt wird, also liegt es am Kunden“, meint die Lebensmittel-Expertin. „Das Bewusstsein bei den Verbrauchern muss sich entwickeln.“ Äpfel der Klasse II schmeckten genau so gut wie ebenmäßiges Obst der Klasse I.

Jedoch scheint sich das Bewusstsein langsam zu wandeln. In einer aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben 84 Prozent der Bundesbürger an, dass sie bei Obst und Gemüse trotz optischer Makel wie Flecken oder Verformungen zugreifen würden.

Offen für nicht ganz makellose Äpfel oder Tomaten als Angebot neben genormtem Obst und Gemüse sind demnach vor allem ältere Kunden. Auch Produkte mit Schönheitsfehlern kaufen würden 88 Prozent der über 55-Jährigen. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 76 Prozent, 17 Prozent lehnen dies ab. In Westdeutschland (85 Prozent) gibt es dabei mehr Befürworter als in den ostdeutschen Ländern (79 Prozent).

Bei der Ernährungsorganisation Slow Food begrüßt man die Initiativen des Handels. Dort schätzt man, dass teilweise bis zu 40 Prozent des produzierten Obstes und Gemüses am Ende nicht in den Regalen landen. Was nicht den Schönheitsansprüchen entspricht, wird aber nicht immer automatisch weggeworfen. Aus vernarbten Äpfeln wird Saft gepresst, Kartoffeln oder Rüben können zu Tierfutter verarbeitet werden, verwachsener Kohl oder Salat wird auf dem Feld untergepflügt.

Trotzdem sieht Slow-Food-Sprecherin Anke Klitzing zwei Probleme. Die Landwirte bekämen weniger Geld für verarbeitetes Gemüse, und eigentlich nahrhafte Lebensmittel würden aussortiert. „Der Appell geht sowohl an die Händler als auch an die Verbraucher.“

Auch Lebensmittelkontrolleur Edelhäuser appelliert an den gesunden Menschenverstand. Was viele Kunden zum Beispiel nicht wüssten: Selbst Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist, dürften eigentlich noch verkauft werden, solange sie noch genießbar und nicht verdorben sind. Doch häufig sähen sich die Einzelhändler gezwungen, die Preise schon vor Ablauf des Datums zu senken.

Für den Handel haben die wählerischen Verbraucher auch wirtschaftliche Folgen. Bei der Rewe-Gruppe schätzt man, dass trotz moderner Lagerhaltungsprogramme gut ein bis zwei Prozent des Gesamtumsatzes durch weggegebene oder weggeworfene Lebensmittel verloren gehen. Ein schwacher Trost: Zumindest ein Teil der nicht verkauften Produkte erfüllt noch einen guten Zweck - und geht an gemeinnützige Organisationen. Mehrere 10 000 Tonnen kommen nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafeln so jährlich zusammen.

Auch angesichts des Hungers in ärmeren Ländern soll Lebensmittelverschwendung stärker vermieden werden. Bei Verbrauchern, Handel, Industrie und Gastronomie in Deutschland landen laut einer 2012 vorgestellten Studie pro Jahr elf Millionen Tonnen Nahrung im Müll. Davon stammen 6,7 Millionen Tonnen aus Privathaushalten. In der Landwirtschaft gehen einer weiteren Studie zufolge relativ wenig Lebensmittel beim Ernten und Lagern verloren - wegen der großen Mengen sind es aber jährlich tausende Tonnen.

Vermarktungsnormen für Obst und Gemüse

Die sogenannte Allgemeine Vermarktungsnorm (AVN) regelt in der Europäischen Union, wie Obst und Gemüse aussehen soll, das in den Verkauf geht. Nach den Vorgaben muss es in „zufriedenstellendem Zustand sein“. Damit ist unter anderem gemeint, dass es nicht verdorben oder verfault ist. Gemäß der AVN sollen die Früchte aber auch ganz und nicht zerbrochen sein.

Spezielle Vermarktungsnormen legen fest, welche qualitativen Eigenschaften Obst und Gemüse für die Auszeichnung mit bestimmten Klassen haben muss. Um der Klasse „Extra“ anzugehören, müssen Äpfel beispielsweise einen unverletzen Stiel besitzen. Für „Klasse I“ dürfen sie schon kleine Druckstellen aufweisen. „Klasse II“ darf auch Form- und Entwicklungsfehler haben.

Die EU hatte die Zahl der speziellen Vermarktungsnormen schon im Jahr 2009 von 36 auf zehn reduziert. Darunter fallen noch Äpfel, Birnen, Erdbeeren, Pfirsiche und Nektarinen, Tafeltrauben, Kiwis, Zitrusfrüchte, Salate und Endivien, Gemüsepaprika und Tomaten. Die viel diskutierte Norm über den zulässigen Krümmungsgrad von Salatgurken gibt es nicht mehr.

dpa

Die Essgewohnheiten der Deutschen

Für 32 Prozent gehört zu einem gemütlichen Fernsehabend eine leckere Pizza - das Gericht ist damit der große TV-Renner unter den heißen Speisen. © dpa
Chips vor dem Fernseher und ein kleiner Plausch beim Salat: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat die Essensgewohnheiten der Deutschen unter die Lupe genommen. © dpa
Gähn: Schon um 4.30 Uhr beginnt für eine kleine Gruppe von Frühaufstehern der Tag mit der ersten Mahlzeit. © dpa
Die Mehrheit folgt deutlich später: Zwischen 8 und 9 Uhr ist für knapp 40 Prozent der Deutschen Zeit für das Frühstück. © dpa
Beliebt sind morgens vor allem Brot und Brötchen mit Aufstrichen wie Marmelade, Honig oder Schokocreme. © dpa
Das Mittagessen ist für die große Mehrheit der Deutschen eine warme Mahlzeit. Nur weniger als ein Viertel begnügt sich mit kalten Speisen - oft sind das berufstätige Frauen. © dpa
Beim Abendessen überwiegt mit 52 Prozent dagegen noch knapp die kalte Mahlzeit. © dpa
Die 20- bis 24-Jährigen essen und trinken am häufigsten unterwegs: Rund 40 Prozent der Mahlzeiten nehmen sie außerhalb der eigenen Wohnung zu sich! Im Schnitt über alle Altersklassen liegt der Durchschnitt bei 28 Prozent. © dpa
Bei knapp 19 Prozent aller Mahlzeiten widmen sich die Deutschen ohne Ablenkung der Nahrungsaufnahme. © dpa
Viel häufiger aber unterhalten sie sich beim Essen - der Anteil liegt bei 27 Prozent. © dpa
19 Prozent der Befragten essen gerne vor dem Fernseher. Beim Abendessen flimmert die Kiste sogar bei einem Drittel der Bundesbürger! © dpa
13 Prozent der Befragten gaben an, gerne am Computer oder Laptop zu essen. © dpa
Ungesund, aber oft nicht anders machbar: Während der Arbeit essen 12 Prozent der Deutschen. © dpa
10 Prozent hören beim Essen am liebsten Radio. © dpa
Und 8 Prozent genießen die Mahlzeit am liebsten beim Lesen, mit einem guten Buch oder einer Zeitung. © dpa
Am kommunikativsten macht scheinbar der Verkehr von Salat: Rund 58 Prozent unterhalten sich dabei. Beim Mittag- und Abendessen redet fast die Hälfte der Deutschen, beim Frühstück nur ein Drittel. © dpa
Vor dem Fernseher greifen die Deutschen am liebsten zu Chips & Co.: 60 Prozent knabbern salziges Gebäck vor dem TV. © dpa
zum Anbeißen: 36 Prozent lieben Schokolade vor dem Fernseher. © dpa

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