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Ölpreis auf Tiefstand: Was alles billiger wird

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Die Gannet-Alpha-Plattform in der Nordsee.

München - Öl ist billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Ein Experte erklärt, was Experten, was das für die Wirtschaft und für uns Verbraucher bedeutet.

Der Ölpreis fällt und fällt! Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der europäischen Sorte Brent sank Mittwoch an der Öl-Börse in London erstmals seit April 2009 unter die kritische Marke von 50 Dollar (42 Euro), nachdem diese Schwelle bereits am Montag am Handelsplatz New York unterschritten worden war. Ein Fass des Nordseeöls Brent kostete lediglich 49,81 Dollar – so wenig wie seit fünfeinhalb Jahren nicht mehr. Die tz befragte Experten, was das für die Wirtschaft und für uns Verbraucher bedeutet.

Was sind Gründe für den sinkenden Ölpreis?

Energie-Experte Rainer Wiek.

Rainer Wiek vom Energie Informationsdienst (EID, Hamburg)sieht die Hauptursache darin, dass sich alle Marktteilnehmer bei Prognosen für den Öl-Bedarf massiv verschätzt hatten: „Dazu kommt, dass die USA, die früher einer der größten Öl-Aufkäufer waren, dank Fracking inzwischen den Markt versorgen. Immer mehr Öl bei stagnierender Nachfrage, das bedeutet sinkende Preise.“ Dazu kommt, dass Krisen vom Markt entspannter interpretiert werden: „Früher stieg der Ölpreis bei einem Krieg automatisch. Jetzt sieht man, dass Öl fließt, auch wenn sie sich überall auf der Welt die Köpfe einschlagen.“

Was bringt der Ölpreis den Verbrauchern?

Viele Produkte werden billiger! In der Eurozone sind die Preise im Dezember erstmals seit fünf Jahren zurückgegangen: Laut Eurostat verringerten sich die Verbraucherpreise um 0,2 Prozent. Die Energiepreise sanken im Vergleich zum Dezember 2013 um 6,3 Prozent. In Deutschland gab es zwar noch keinen Preisrückgang, aber die Inflationsrate im Dezember lag bei niedrigen 0,2 Prozent. Wiek: „Der Deutsche hat mehr Geld in der Tasche, weil er weniger fürs Tanken ausgibt.“

Was bringt der niedrige Ölpreis der Wirtschaft?

Nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) wirkt der Energiepreis wie ein milliardenschweres Konjunkturpaket. Sollte der Preis auf dem aktuellen Niveau bleiben, würden Unternehmen und Verbraucher in diesem Jahr um 20 Milliarden Euro entlastet, so DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben in der Bild. Energie-Experte Wiek zur tz: „Auch unsere Industrie profitiert davon, wenn die Grundstoffe preiswerter sind.“ Niedrige Energiepreise sichern zudem Arbeitsplätze, so Wiek: „Es gab ja im Zuge der Energiewende die Diskussion, ob nun energieintensive Branchen wie Stahl ins Ausland abwandern werden. Günstige Grundstoff-Preise sind ein Standortfaktor.“

Wie entwickelt sich der Benzin- und Heizölpreis?

Der Liter E10 Superbenzin war Mittwoch in München teils für 1,19 Euro zu haben – mehr als 30 Cent billiger als noch vor drei Monaten. Zuletzt war Benzin im Frühjahr 2009 so günstig. Berücksichtigt man die Inflation, ist der Sprit derzeit so billig wie seit 1981 nicht mehr, so der Mineralölwirtschaftsverband. Auch der Heizölpreis liegt derzeit auf dem tiefsten Stand seit mehr als fünf Jahren – schon (je nach Bestellmenge) ab 55 Euro sind derzeit 100 Liter zu haben. 2014 lag der Höchstpreis fürs Heizöl noch bei mehr als 84 Euro für 100 Liter.

Warum wird Gas nicht in gleichem Maße billiger wie Öl?

Energie-Experte Wiek erklärt, dass seit Lockerung der Ölpreisbindung der Gaspreis gesondert betrachtet werden müsse: „Die meisten Stadtwerke beschaffen flexibler, nicht mehr auf Basis der ölpreisgebundenen langfristigen Verträge, sondern frei auf dem Markt. Die Gashandelspreise sind auch gesunken, aber bei weitem nicht so stark wie beim Öl - unter anderem wegen der Ukraine-Krise. Aber es gibt immer noch eine Koppelung ans Öl: Ohne den sinkenden Ölpreis hätte die Ukraine-Krise das Gas sicher verteuert.“ Trotzdem werden die Verbraucher laut einer Studie im Auftrag der Grünen ausgeschmiert: Demnach sind die Gaspreise im europäischen Großhandel von 2,71 Cent im Jahr 2013 auf 2,14 Cent im zweiten Halbjahr 2014 zurückgegangen. Bei den privaten Verbrauchern kam davon fast nichts an: Sie zahlten 2014 im Schnitt 6,52 Cent je Kilowattstunde, verglichen mit 6,57 Cent im Vorjahr (siehe Grafik re.) Aber die Gaspreise werden weiter sinken – die Studie geht von bis zu zehn Prozent billigerem Gas 2015 aus!

Werden auch Flugtickets billiger?

Die Verbraucherzentrale Bundesverband fordert, die Treibstoffzuschläge zu senken – doch die Luftfahrtbranche ziert sich hier noch und will erst das Vorgehen der Wettbewerber abwarten. Lufthansa-Sprecher Florian Gränzdörffer verwies gegenüber der tz darauf, dass der Ticketpreis zwischen Januar und September 2014 ohnehin schon um 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken sei, während die Treibstoffkosten in diesem Zeitraum nur um 0,5 Prozent zurückgingen. „Außerdem wirkt sich durch Preissicherungsgeschäfte der fallende Ölkurs nur zeitlich verzögert aus“, so Gränzdörffer.

Wird der Preisverfall anhalten?

Das weiß keiner, aber Wiek verweist darauf, dass Saudi-Arabien erneut signalisiert hat, dass die Organisation erdölexportierender Länder nicht gegensteuern will: „ Es wird viel über politische Ränkespiele geredet: Saudi-Arabien und die anderen Opec-Staaten wollten den Ölpreis bewusst niedrig halten, damit sich das Fracking in den USA nicht mehr lohnt – denn die teure Ölförder-Methode funktioniert nur bei hohen Ölpreisen.“

KR

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