Praktiker-Sanierung steht - Insolvenz vom Tisch

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Der Finanzvorstand der Baumarktkette Praktiker, Markus Schürholz.

Hamburg - Der Praktiker-Vorstand hatte schwere Geschütze aufgefahren und mit der Insolvenz der Baumarktkette gedroht. Auf der Hauptversammlung stellten sich die Aktionäre dann hinter das Rettungskonzept.

Für die angeschlagene Baumarktkette Praktiker ist die Gefahr einer Insolvenz zunächst vom Tisch. Die vom Vorstand geplante Neuausrichtung des Konzerns kann mit frischen Millionen angegangen werden. Die Aktionäre gaben in der Nacht zum Donnerstag grünes Licht für das Sanierungskonzept und eine überlebensnotwendige Kapitalspritze. Sie sieht eine Kapitalerhöhung im Umfang von 60 Millionen Euro vor - als Voraussetzung für ein Darlehen von 85 Millionen Euro von einem US-Investor. Zuvor hatten die Vorstände vor der Pleite gewarnt, sollten die Aktionäre ihre Zustimmung verweigern.

Die Kehrtwende auf dem turbulenten Aktionärstreffen deutete sich am Abend an, als die Großaktionäre einlenkten. Deren Fondsmanagerin Isabella Krassny kündigte ihre Zustimmung zur Sanierung an. „Ich habe mich zu dem Kompromiss entschlossen, damit der Fortbestand des Unternehmens auf keinen Fall gefährdet ist“, sagte de Krassny.

Das dringend benötigte Darlehen des US-Investors Anchorage über 85 Millionen Euro muss nun noch ausverhandelt werden. Der gesamte Aufsichtsrat wurde von den Aktionären für das Geschäftsjahr 2011 nicht entlastet. Auch die früheren Vorstände fielen bis auf einen durch.

Rund 500 Millionen Euro Verlust

In der aufgeladenen Hauptversammlung war zunächst hinter den Kulissen eine wesentliche Forderung der Großaktionäre erfüllt worden: Zwei Aufsichtsräte treten zurück. Und für den Vorstand sollen weitere Mitglieder gesucht werden, für die Sparten Einkauf sowie Vertrieb.

Die Managerin, die den zypriotischen Finanzfonds Maseltov (zehn Prozent Anteil) sowie die österreichische Privatbank Semper Constantia mit rund fünf Prozent Anteil vertritt, hatte das Sanierungspaket zunächst als inakzeptabel abgelehnt. Praktiker schrieb 2011 im Konzern rund eine halbe Milliarde Euro Verlust.

In den Aufsichtsrat sollen zwei Mitglieder einziehen, die die Fondsmanagerin vorgeschlagen hatte. Namentlich sind dies Armin Burger vom Aufsichtsrat der Vivatis AG in Linz (Österreich) sowie der Aufsichtsratschef der Privatbank Semper, Erhard Grosnigg. Aus dem Aufsichtsrat scheidet Kay Hafner aus, der zur vorübergehenden Führung an die Praktiker-Spitze delegiert worden war. Auch das Mitglied EbbePelle Jacobsen geht. Auch Vorstandschef Hafner soll nach de Krassnys Willen ersetzt werden - vom früheren Obi-Baumarktchef Andreas Sandmann. „Er ist vom Fach“, sagte de Krassny.

"Es geht ums Überleben"

Vor der Generaldebatte hatten die Vorstände offen von der Gefahr einer Insolvenz gesprochen, sollte ihr Rettungskonzept keine Zustimmung erhalten. Die Anteilseigner reagierten aufgebracht, warfen dem Management Erpressung vor und stellten Rücktrittsforderungen. Der Schlagabtausch zog sich bis in die Nacht hin.

Die Heimwerkermärkte brauchen nach Angaben des Vorstands mehr als 200 Millionen Euro Finanzmittel. Interimschef Hafner sagte: „Es geht um die Zukunft, oder noch konkreter: Es geht ums Überleben.“ In die geplante Finanzierung der Sanierung hat der Vorstand auch 70 Millionen Euro eingerechnet, die aus Veräußerungen sowie einer Kreditlinie über 40 Millionen Euro kommen sollen.

Hafner plant, 120 der 234 Praktiker-Märkte auf die angesehenere Schwestermarke Max Bahr umzuflaggen. Max Bahr (aktuell 78 Filialen) soll zur „Hauptvertriebslinie in Deutschland“ weiterentwickelt werden. Auch die Marke Praktiker soll - mit der Strategie „weg vom Preisaktionismus“ hin zum „dauerhaft niedrigen Regalpreis“ - zukunftsfähig werden. Spätestens 2014 will Hafner mit der Zwei-Marken-Strategie wieder schwarze Zahlen schreiben.

Aktuell hat Praktiker rund 7700 Arbeitsplätze, Max Bahr knapp 2900. Rund 8300 kommen im Ausland hinzu, wo 111 Filialen ebenfalls auf den Prüfstand stehen.

dpa

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