Deflation dank des Billig-Benzins

Preise purzeln um 0,3 Prozent – wie gefährlich ist das?

München - Die Verbraucherpreise sinken. Die tz erklärt, was die gesunkene Teuerungsrate für die Wirtschaft und die Verbraucher bedeutet.

Jetzt hat es auch Deutschland erwischt! Nachdem die europaweite Inflation bereits im Vormonat auf einen negativen Wert gerutscht ist, sinken die Preise jetzt auch hierzulande – erstmals seit der schweren Wirtschaftskrise 2009! Die jährliche Inflationsrate liegt nur noch bei minus 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in einer ersten Schätzung in Wiesbaden berichtet. Volkswirte hatten einen Preisrückgang von nur 0,1 Prozent erwartet.

Die tz erklärt, was die gesunkene Teuerungsrate für die Wirtschaft und die Verbraucher bedeutet:

Wie stark ist die Inflation gesunken?

Viel deutlicher als erwartet – um 0,3 Prozent auf Jahressicht. Noch deutlicher ist der Preisverfall zum Vormonat Dezember. Hier haben die Preise sogar um ein Prozent nachgegeben!

Warum sind die Preise jetzt gepurzelt?

Hauptgrund ist der freie Fall des Ölpreises und die damit verbundenen günstigeren Energiepreise. Für Haushaltsenergie und Kraftstoffe müssen mittlerweile neun Prozent weniger bezahlt werden als noch vor einem Jahr. „Mehr und mehr werden die niedrigeren Preise für Rohöl, die sich seit Mitte 2014 mehr als halbiert haben, an die Verbraucher weitergegeben“, erklärt Commerzbank-Ökonom Marco Wagner.

Sind noch weitere Preise gefallen? 

Ja, Nahrungsmittel kosteten im Januar 1,3 Prozent weniger als Anfang 2014. Während die bundesweiten Detailzahlen noch nicht vorliegen, deuten etwa Daten aus Hessen darauf hin, dass langlebige Gebrauchsgüter wie Fernseher oder Laptops billiger geworden sind.

Setzt sich der Trend fort?

Damit rechnen die Experten. „Niedrigere Energiekosten werden auch in den kommenden sechs Monaten für negative Inflationsraten sorgen“, sagt etwa die Ökonomin Jennifer McKeown von Capital Economics dem Handelsblatt.

Droht uns die viel beschworene Deflation? 

Das ist umstritten. Rein von den Zahlen her ja, trotzdem wollen die meisten Kenner der Szene das Wort lieber nicht in den Mund nehmen. Denn eines der Merkmale, durch die die Deflation zur Krise wird, ist der sinkende private Konsum. Weil aber die Energiepreise fallen und die Zinsen im Keller sind, passiert in Deutschland gerade das Gegenteil – die Deutschen geben ihr Geld mit vollen Händen aus. Das Geld, was sie beim Tanken sparen, können sie nun woanders wieder ausgeben. Bei den Unternehmen funktionier der Effekt ähnlich. Sie sparen durch den sinkenden Ölpreis Milliarden – die sie folglich anderweitig investieren können.

Ist also alles paletti?

Im Gegenteil. Ein Frühindikator für eine drohende Deflation ist der Zinssatz für Bundesanleihen. Und der ist für Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren auf 0,328 Prozent gefallen – ein Rekordtief! Übrigens: Die Zinsen für Staatsanleihen hatten sich in Japan vor der Deflation in den 90er-Jahren ähnlich entwickelt – seitdem kommt die dortige Wirtschaft nicht mehr richtig auf die Beine.

Was ist so gefährlich an einer Deflation? 

Nistet sie sich ein – worauf vieles hindeutet – könnten die Verbraucher irgendwann, in Erwartung weiter fallender Preise, trotz der niedrigen Zinsen zurückhaltend beim Konsum werden. Wenn dann die Umsätze der Unternehmen sinken, wird weniger investiert und produziert. Die Wirtschaft taumelt in eine Abwärtsspirale. „Das Problem sind die hohen Schulden, die mit sinkenden Preisen zunehmen. Deflation macht die Schuldenlast beschwerlich“, erklärt Brian Whitmer, Analyst beim US-Prognosehaus Elliott Wave.

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesen

SAP legt dank Cloud-Geschäft weiter zu
SAP legt dank Cloud-Geschäft weiter zu
So viele Stellen und Angebote streicht der Bayerische Rundfunk
So viele Stellen und Angebote streicht der Bayerische Rundfunk
Ford ruft 1,3 Millionen Fahrzeuge in Nordamerika zurück
Ford ruft 1,3 Millionen Fahrzeuge in Nordamerika zurück
Varta-Aktien mit erfolgreichem Börsendebüt
Varta-Aktien mit erfolgreichem Börsendebüt

Kommentare