Privatbanken

Den Bogen überspannt

+
Die Sonne am Tegernsee genossen die Teilnehmer des Finanzforums „Privatbanken“ in einer Pause. In den Diskussionen um aktuelle Themen rund um die Geldanlage sprachen sie aber auch über die eine oder andere Wolke in der Finanzwelt.

Die Politik hat auf die Finanzkrise reagiert und die Regulierung für Banken in den vergangenen Jahren deutlich angezogen. Dabei hat sie aber übertrieben: Zu viel Bürokratie und zu viele Regeln schaden sogar den Anlegern, kritisieren die Teilnehmer des Finanzforums „Privatbanken“.

Das Ziel war klar: Anleger sollten vor den Folgen von Falschberatungen in Banken geschützt werden, lautete das Ziel der Politik. Also verabschiedete sie in den Jahren nach dem Ausbruch der Finanzkrise jede Menge Gesetze und Verordnungen. Seitdem werden die europäischen Bankhäuser mit einer Flut von Beratungsprotokollen, Dokumentationspflichten, Kontrollen und immer wieder neuen Regulierungen überzogen. Dient das tatsächlich dem Verbraucherschutz? Die Schlussfolgerungen der Finanzexperten beim 2. Finanzforum „Privatbanken“ von Münchner Merkur tz sind ernüchternd: „Anleger werden durch die Regulierung nicht geschützt“, bringt es Klaus Sojer (M.M. Warburg & CO) auf den Punkt. „Im Gegenteil: Kein Anleger liest diese ganzen Protokolle. Die Regulierung führt dazu, dass immer weniger Beratung stattfindet und viele Anleger auf sich allein gestellt sind.“ Und einen wirklichen Schutz scheinen die Beratungsprotokolle nicht zu bringen, so Thomas Jäger (Hauck & Aufhäuser): „Mir ist kein einziges Gerichtsurteil in Deutschland bekannt, wonach ein Anleger auf der Grundlage eines Beratungsprotokolls Recht bekommen hat.“ Auch in den Banken hinterlässt die Regulierungsflut ihre Spuren. Dr. Reiner Krieglmeier vom Bankhaus Herzogpark spricht sogar von einer regelrechten „Angstkultur“ im Compliance-Bereich vieler Banken. „Es gibt tatsächlich bei manchen Beratern eine Kultur des Fehlervermeidens – damit sind viele Anleger auf jeden Fall nicht die Gewinner der Regulierung“, ergänzt Rainer Wörz (Merck Finck). Die Anlageberatung bei deutschen Finanzinstituten ist daher auf dem Rückzug. Auch jenen Privatbanken, die sich auf vermögende Klientel spezialisiert haben, ist dieser Trend unverkennbar. Viele Kunden haben einfach keine Lust mehr, nach jeder Beratung einen Stapel Papier für die Dokumentationspflichten zu lesen und zu unterzeichnen – und wechseln daher immer öfter in die Vermögensverwaltung, wo der Berater innerhalb festgelegter Grenzen freier agieren kann. Manche Privatbanken handeln hier sogar ganz konsequent und bieten seit einiger Zeit für vermögende Kunden ausschließlich die Vermögensverwaltung an.

„Regulatorik macht Sinn“

Und was ist mit den Kunden, die aufgrund ihrer Einkommensverhältnisse nicht die Möglichkeit haben, eine professionelle Vermögensverwaltung bei einer Privatbank in Anspruch zu nehmen? „Das ist die eigentliche Tragik der Regulierung: Für etliche Anleger gibt es vielfach kein Beratungsangebot mehr“, so Wörz. Silke Wolf verweist hier auf Erfahrungen in Großbritannien, wo die Politik kurzerhand die klassische Provisionsberatung verboten hat. Auf der Insel wird nur noch gegen ein Honorar beraten. „In Großbritannien findet damit für breite Bevölkerungsschichten eine Anlageberatung praktisch nicht mehr statt“, konstatiert die Geschäftsführerin des Bayerischen Bankenverbandes. Dabei lehnen die Teilnehmer des Finanzforums eine Regulierung nicht grundsätzlich ab, im Gegenteil. „Es macht Sinn, dass wir eine Regulatorik haben“, so Thomas Lindemann (DZ Privatbank). „Aber der Kunde sollte etwas davon haben. “ „Gerade in ihren Anfängen gab es einige gute Ideen, von denen Kunden profitieren, dazu zählt etwa die Offenlegung der Preise“, argumentiert Patricia von Unruh von der Deutschen Bank. „Die heute sehr intensive Regulierung hat jedoch zur Konsequenz, dass viele Banken keine Beratung mehr anbieten.“ Kein Wunder, dass etwa Alois Ebner (Bankhaus Lampe) von einer „Bevormundung des Anlegers durch den Staat“ spricht. „Viele Kunden sind in finanziellen Dingen ahnungslos, aber die Regulierung führt eben nicht dazu, dass wir in Deutschland eine Kultur der Aufklärung in Finanzwissen erhalten.“ Mehr noch: Viele Anleger sehen den Papieraufwand sogar als lästig an, so die Erfahrung von Hans Wöll (Berenberg): „Wir müssen diese Problematik daher dringend in den Griff bekommen. Wenn eine Kontoeröffnung rund zwei Stunden benötigt, um alle Dokumentationspflichten zu erfüllen, dann verstehen das viele Anleger einfach nicht.“

„Kurzfristig ist es wichtig, dass Berater ihren Kunden die Prozesse und die Hintergründe der umfangreichen Protokollerstellung nach einem Beratungsgespräch erläutern, auch um Verständnis zu erzeugen“, appelliert Jürgen Wörl von der Bank Julius Bär. Dr. Nikolaus Braun (Quirin Bank) plädiert für zwei Lösungen: „Vor Gericht muss die Beweislastumkehr gelten: Im Zweifelsfall muss die Bank beweisen, dass der Kunde korrekt beraten wurde. Und die zweite Lösung ist, das Geld in ein Mandat zu delegieren – alles andere wird betriebswirtschaftlich keinen Sinn machen.“ Patricia von Unruh verweist zudem darauf, dass die Regulierung weit über das klassische Beratungsprotokoll hinausgeht. Die europäische „Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (Mifid II)“, die erst ab 2017 gilt, beschert den Banken noch weit mehr Vorschriften und zwingt sie unter anderem zu einem noch höheren Datenaustausch mit den Aufsichtsbehörden. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Datenaufbereitung und IT in den Finanzinstituten deutlich. „Einige Dienstleistungen und Produkte werden in Zukunft nicht mehr oder von wenigen Anbietern angeboten“, ist sie überzeugt. Gerade die mittelständisch strukturierte Privatbanken-Landschaft in Bayern steht vor einer Herausforderung. Michael Krume, Gesellschafter von Merck Finck, beklagt den hohen Kostendruck: „Die Anforderungen an ein kleines Haus sind dabei genauso hoch wie an eine Großbank. Das macht keinen Sinn.“ Mehrere Teilnehmer weisen darauf hin, dass die Prüfer der Finanzaufsicht Bafin dabei unterschiedliche Kriterien ansetzen, welche Daten ein Finanzinstitut zu liefern hat. Gerade die kleinen Institute sprechen immer wieder von einem hohen manuellen Aufwand, der Personal bindet und kostenintensiv ist. „Es gibt bei einigen Prüfern in der Tat Exzesse“, so Silke Wolf vom Bankenverband. „Allerdings wird das von der Bafin durchaus korrigiert. Wir suchen deshalb das direkte Gespräch mit der Finanzaufsicht.“ „Viele Dinge sind auch für die Prüfer nicht eindeutig geregelt“, kritisiert Jürgen Heitzmann (Donner & Reuschel) die unterschiedlichen Prüfungsmethoden. Das Beratungsprotokoll in seiner jetzigen Form hält er nicht für sinnvoll: „Dem unbedarften Anleger hilft das Protokoll nicht, weil er es einfach nicht versteht; der mündige Anleger wiederum, der ständig Aktien kauft oder verkauft, , wird entmündigt und braucht es im Grunde genommen nicht!“

von José Macias

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Privates Geldvermögen wächst trotz Zinsflaute
Privates Geldvermögen wächst trotz Zinsflaute
Volkswagen steigert Absatz auf Rekordhöhe
Volkswagen steigert Absatz auf Rekordhöhe
Uber wehrt sich vor Gericht gegen Lizenzentzug in London
Uber wehrt sich vor Gericht gegen Lizenzentzug in London
Von München nach Berlin: letzter Air-Berlin-Flug ausgebucht
Von München nach Berlin: letzter Air-Berlin-Flug ausgebucht

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

der Inhalt dieses Artikels entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner. Da eine faire Betreuung der Kommentare nicht sichergestellt werden kann, ist der Text nicht kommentierbar.