Wirbel um System

Gütesiegel: Betrug leicht gemacht?

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Nach einem Beitrag des Bayerischen Rundfunk ist der Wirbel um Gütesiegel, etwa für Viehfutter, groß

München - Branchenkenner erheben in einem Bericht des Bayerischen Rundfunks heftige Vorwürfe: Das QS-Gütesiegel-System soll den Herstellern den Betrug erleichtern.

Die Kritik am QS-Gütesiegel für frische Lebensmittel ist ohnehin schon groß. Die Ernährungsorganisation geißelte es als „ein (wertloses) Siegel mehr im Siegeldschungel“ – doch jetzt erheben Branchenkenner in einem Bericht des Bayerischen Rundfunks noch heftigere Vorwürfe: Das System soll den Herstellern den Betrug erleichtern. Die tz erklärt, was hinter dem QS-Siegel steckt und was die Kritiker den Kontrolleuren vorwerfen:

Was ist das QS-Gütesiegel? Es prangt vornehmlich auf frischen Lebensmitteln, etwa Fleisch, Gemüse und Wurst. Vergeben wird es von der QS Qualität und Sicherheit. Diese Gesellschaft wurde 2001 – nach der BSE-Krise – gegründet, um den Verbrauchern wieder Vertrauen in die Produkte der konventionellen Landwirtschaft zu geben. Es geht kaum über die gesetzlichen Vorschriften hinaus.

Warum steht ausgerechnet dieses Siegel in der Kritik? Im Bayerischen Rundfunk wirft der Futtermittelhersteller Joseph Feilmeier aus Niederbayern dem QS-System vor, dass die Kontrollen viel zu locker seien. „Die Mischfutterbetriebe können ihre Proben selber ziehen. Sagen sie mir mal einen Mischfutterhersteller, der schlechte Ware einsendet“, fragt sich Feilmeier. Sein Vorwurf: Weil die Betriebe sich selber kontrollieren sollen, wird der Betrug leicht gemacht! So würden sich Kollegen eine vorzeigbare Mischung bei Seite legen und davon dann nach und nach Proben ins Labor schicken. Dem Bayerischen Rundfunk lägen zudem Berichte von Landwirten vor, die sich über die mangelhafte Qualität der eigentlich QS-zertifizierten Futtermittel ärgern. Einige Landwirte sind deshalb aus dem System ausgestiegen – sie wollten die Ware nicht an ihre Tiere verfüttern. Ein LKW-Fahrer sagte der BR-Reporterin, was für Ware er schon an Mischfutterhersteller ausgeliefert habe: „Lauter Scheiß, lauter Dreck. Das war zum Beispiel Körnermais, der war ganz vergammelt, ganz grau, mit Katzen- und Hundedreck drin, alles war da dabei, tote Tauben, tote Ratten, alles war da drin.“

Müssen Bauern an dem System teilnehmen? Nein. Erwin Schneiderbauer etwa aus dem Landkreis Rottal-Inn hat etwa gar nicht erst mit QS angefangen. Und obwohl er das System aus Prinzip boykottiert, kreuzen Fahrer, die seine Rinder vom Viehhändler in den Schlachthof bringen, immer wieder an, dass sein Betrieb QS-zertifiziert sei. „Wenn das Qualitätssiegel so wäre, wie es sein sollte, dann müsste ich zumindest mal ein Schreiben oder einen Anruf bekommen und müssten die sagen: ,Herr Schneiderbauer, Sie haben beschissen.“ Und es kommt nichts von beidem“, wundert sich Schneiderbauer im BR-Gespräch.

Gibt es denn keine unangemeldeten Kontrollen? Doch, die gebe es, heißt es bei QS. Dem widerspricht im BR jedoch ein Schlachthofmitarbeiter aus Waldkraiburg, der aus Angst um seinen Job seinen Namen lieber nicht nennen will: „Es gab keine unangemeldeten Kontrollen.“

„Wir brauchen gesetzliche Vorgaben“

Was ist von den vielen Gütesiegeln zu halten?

Andreas Winkler, Sprecher der Verbraucherorganisation Foodwatch: Leider ist der Verbraucher im Supermarkt mittlerweile mit einem wahren Siegel-Dschungel konfrontiert. Über 40 Platketten prangen mittlerweile auf deutschen Lebensmitteln. Das Problem: Als Verbraucher kann man nicht mal ansatzweise erahnen, wer hier überhaupt was kontrolliert. Die Flut an Siegeln können also nicht die Lösung des Problems sein.

Was fordern Sie denn statt dessen?

Winkler: Am Ende hilft nur eins: Wir brauchen klare gesetzliche Vorgaben über die Kennzeichnung von Lebensmitteln – von der Zusammensetzung bis zur Herkunft. Wenn etwa die „Mark Brandenburger Milch“ gar nicht aus Brandenburg kommt und angeblich heimische Flusskrebse tatsächlich aus China importiert werden, diese irreführenden Bezeichnungen aber trotzdem erlaubt sind, dann läuft etwas ganz falsch. Die Lebensmittelhersteller müssen also verpflichtet werden, die Herkunft ihrer Hauptzutaten verständlich anzugeben. Die Verbesserung der Kontrolle ist dann ein zweiter Schritt – zunächst müssen wir aber die Keinzeichnungsregeln verbessern!

Wie ist Ihre Position zum QS-Siegel?

Winkler: Auch dieses Siegel suggeriert den Kunden im Supermarkt zusätzliche Sicherheit bei dem Produkt und eine besondere Qualität. Dabei gehen die Vorgaben für die Vergabe dieses Siegels kaum über die ohnehin geltenden Standards der Lebensmittelindustrie hinaus.

Interview: Marc Kniepkamp

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