S&P stuft Kreditwürdigkeit Frankreichs weiter herab

Paris - Neuer Schlag für die sozialistische Regierung in Frankreich: Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit des Landes am Freitag weiter herabgestuft.

Zur Begründung gab die Agentur an, Frankreich habe finanziellen Handlungsspielraum verloren und sei nicht in der Lage gewesen, Reformen umzusetzen. Trotz wachsenden Protests im Lande versicherte Präsident François Hollande in Paris, er halte an seinem Wirtschaftskurs fest.

Die Agentur Standard & Poor's (S&P), die Frankreich bereits im Januar 2012 inmitten der Euro-Schuldenkrise die Bestnote AAA entzogen hatte, senkte die Note nun um eine weitere Stufe von AA+ auf AA. Dabei warf S&P der sozialistischen Regierung vor, ihr fehle eine Strategie, um die öffentlichen Ausgaben in den Griff zu bekommen und Wachstum freizusetzen.

Eine solche Strategie sei aber "unabdingbare Voraussetzung" für eine Verringerung der Arbeitslosigkeit, sagte der S&P-Chefökonom für Europa, Jean-Michel Six, der Nachrichtenagentur AFP. Unter Verweis auf eine hohe Steuerlast in Frankreich hob er zudem hervor, dass der Handlungsspielraum der Regierung für zusätzliche Einnahmen eingeschränkt sei.

Trotz der schwachen Wachstumsaussichten für das Land - S&P erwartet ein Nullwachstum für dieses und 0,7 Prozent für nächstes Jahr - ließ die Ratingagentur den Ausblick für Frankreich bei "stabil". Dies bedeutet, dass eine weitere Herabstufung in nächster Zeit nicht zu erwarten ist.

Präsident Hollande zeigte sich unbeeindruckt und hob hervor, dass er seine wirtschaftliche "Strategie" und seinen "Kurs" beibehalten werde. Er verwies darauf, dass fortgesetzte Reformen der einzige Weg seien, um die "Glaubwürdigkeit" des Landes an den Finanzmärkten aufrecht zu erhalten. Nur so könne auch der "soziale und nationale Zusammenhalt" gesichert werden. Die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen Frankreichs zogen tatsächlich am Freitag nur leicht an.

Auch Premierminister Jean-Marc Ayrault reagierte demonstrativ gelassen. Frankreichs Note bleibe "unter den besten der Welt", sagte er dem Sender France Bleu Provence. Die Ratingagentur habe nicht alle Reformen berücksichtigt, die in die Wege geleitet worden seien, insbesondere nicht die Rentenreform, die derzeit im Parlament beraten wird. Finanzminister Pierre Moscovici übte offen Kritik an der Ratingagentur. Er prangerte "ungenaue" Beurteilungen von S&P an.

Der konservative Oppositionschef Jean-François Copé rief die Regierung hingegen auf, die "Warnzeichen" ernst zu nehmen und ihre Politik mit der ständigen Erhöhung von Steuern und Abgaben zu ändern.

Was machen Ratingagenturen eigentlich genau?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken oder Staaten und sind damit äußerst einflussreiche, aber auch umstrittene Akteure auf dem Finanzmarkt. © dpa
In ihr Urteil fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit bedeutendsten Ratingagenturen sind: Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch. © dapd
Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Die Skala beginnt bei Standard & Poor's und Fitch etwa mit der Bestnote AAA (Englisch: “Triple A“). Moody's nutzt dieselben Bezeichnungen, schreibt sie aber anders (Aaa). Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. © dpa
Ab BB+ beginnt der spekulative Bereich, der auch “Ramsch“ (englisch: Junk) genannt wird. Die Skala reicht bis D, das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners, also die Pleite, eingetreten ist. Eine mögliche Änderung des Ratings kündigen die Agenturen in aller Regel über den Ausblick “positiv“, “stabil“ und “negativ“ an. © dpa
Je schlechter die Ratingagenturen die Bonität eines Schuldners beurteilen, desto teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. © dpa
Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern auch andere Investoren. Zuletzt haben Staaten aber trotz einer Herabstufung günstiger Geld bekommen. © dpa
Die Agenturen sind umstritten. Weil sie vor der Finanzkrise Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben. © dapd
In der Euro-Schuldenkrise gerieten sie wieder in die Kritik: Politiker warfen ihnen vor, die Bonität hoch verschuldeter Euro-Länder trotz milliardenschwerer Hilfspakete auf Ramschstatus abgewertet und damit die Krise weiter verschärft zu haben. © dpa

Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Präsident Hollande und seine Regierung extrem unter Druck stehen. Schwaches Wachstum, Firmenpleiten und steigende Arbeitslosigkeit haben die Beliebtheitswerte für Hollande und Ayrault in den Keller sinken lassen. Zuletzt sorgte eine neue Protestbewegung in der nordwestfranzösischen Bretagne für Aufsehen, die Zehntausende gegen steigende Steuern und für Jobs auf die Straße brachte.

Im Januar 2012 hatte S&P Frankreich als erste Ratingagentur die Bestnote AAA entzogen, einige Monate später tat dies auch Moody's. In diesem Jahr folgte die dritte große Agentur Fitch. Nun ist S&P die erste Ratingagentur, die Frankreich weiter herabstuft. Von der Einstufung der Ratingagenturen hängt der Zinssatz ab, zu dem Länder über die Ausgabe von Staatsanleihen Geld am Finanzmarkt aufnehmen können.

AFP

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