Rekord: 32,4 Milliarden Euro für Arzneimittel

+
Die Medikamenten-Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen stiegen im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent auf 32,4 Milliarden Euro.

Berlin - Trotz Sparen per Gesetz sind die Medikamenten-Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr um fast 5 Prozent auf 32,4 Milliarden Euro gestiegen.

Hohe Pharmapreise haben die Arzneimittelausgaben in Deutschland auf ein neues Rekordniveau getrieben. Teure Blutdrucksenker sowie Schmerz-, Krebs- und Asthmamittel hätten die Arzneikosten der gesetzlichen Kassen im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent auf 32,4 Milliarden Euro steigen lassen. Dies geht aus dem am Dienstag in Berlin präsentierten Arzneiverordnungs-Report 2010 hervor. Mit deutlich geringeren Preisen wie etwa in Schweden sowie mehr Nachahmer-Mitteln (Generika) könnten 9,4 Milliarden Euro gespart werden, sagte Herausgeber Ulrich Schwabe.

Eine Milliarde - wieviel ist das?

Eine Milliarde - wieviel ist das? © 
01_ameisen
AMEISEN: Auf einem Ameisenhügel tummeln sich im Schnitt eine Million fleißige Insekten. © dpa
02_ameisen
Tausend Haufen ergeben also eine Milliarde Ameisen. © 
03_lotto
LOTTO: Angenommen, Sie würden jede Woche eine Million Euro im Lotto gewinnen ... © dpa
04_lotto
Sie bräuchten 19 Jahre und 12 Wochen, um die Gewinnsumme von insgesamt einer Milliarde Euro zu erreichen. © dpa
05_erde
ERDE: Wie sah es vor einer Milliarde Jahren auf der Erde aus? Unser Planet hat schon etwa 3,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel. © dpa
06_erde
Es gibt bereits Meere und Land. Die Sonne hat noch nicht die volle Leistung errreicht, doch sind alle Bedingungen für die Entstehung des Lebens erfüllt. Erste primitive Lebewesen entstehen. © dpa
07_sonne
SONNE: Und wie ist die Lage in einer Milliarde Jahren auf der Erde? Die Leuchtkraft der Sonne nimmt zu, deshalb wird es auf unserem Globus so heiß, dass die Ozeane zu kochen beginnen. © dpa
08_sonne
Die letzte Phase der belebten Erde wird eingeläutet! Vier Milliarden Jahre später bläht sich die Sonne zum Riesenstern auf und ein Ozean aus Lava bildet sich auf der Erde, der alle Zeugnisse einstigen Lebens vernichten wird. © dpa
09_spermien
SPERMIEN: Um eine Milliarde Spermien zu produzieren, muss ein Mann nur 3,5 Mal zum Samenerguss kommen! © dpa
10_spermien
Im Durchschnitt enthält ein männliches Ejakulat nämlich 300 Millionen Spermien. © dpa
11_euro
GELDSCHEINE: Nimmt man 100-Euro-Scheine und stapelt die Summe von einer Milliarde übereinander ergäbe dies eine Höhe von einem Kilometer. © dpa
12_euro
Eine Milliarde Euro in 500-Euro-Scheinen würden 2,4 Tonnen wiegen – etwa so viel wie eine afrikanische Elefantendame. Stapelt man sie als Zwei-Euro-Stücke übereinander, müsste man einen 975 Kilometer hohen Turm bauen. © dpa
13_haare
HAARE: Jeder Mensch hat durchschnittlich 100 000 Haare auf dem Kopf. Man bräuchte also eine Ansammlung von 10 000 Leuten um eine Milliarde Kopfhaare zusammenzubekommen ... © dpa
14_haare
... vorausgesetzt, alle haben welche! © dpa
15_baum
BÄUME: Ein Achtel der Wälder in Deutschland – das ergibt eine Milliarde Bäume. © dpa
16_baum
Laut Bundeswaldinventur gibt es insgesamt 8,7 Milliarden Bäume. © dpa
17_heus
WANDERHEUSCHRECKEN: Regelmäßig suchen Schwärme von Wanderheuschrecken den Norden Afrikas heim. © dpa
18_heus
Bei der Heuschreckenplage von 1988 bestanden die Schwärme zum Teil aus bis zu drei Milliarden Tieren! Sie besetzten damals eine Fläche dreimal so groß wie der Regierungsbezirk Oberbayern. © dpa
19_pollock
GEMÄLDE: Wenn Sie eine Milliarde Euro investieren, können Sie sich eine Bildergalerie erkaufen! Das teuerste Gemälde der Welt, das je verkauft wurde, ist Jackson Pollocks (Foto) No. 5 (1948). Es wechselte 2006 für stolze 140 Millionen Dollar den Besitzer. © dpa
20_klimt
Oder wie wäre es mit Gustav Klimts Adele Bloch-Bauer? Das Bild kostete 135 Millionen Dollar. © dpa
21_wiesn
OKTOBERFESTE: Das Oktoberfest lockt durchschnittlich sechs Millionen Besucher pro Jahr. © dpa
22_wiesn
Es bräuchte 167 mal Wiesn, um die Milliarde zu erreichen. © dpa
23_burger
ESSEN: Wer 3 203 178 Cheeseburger futtert, hat eine Milliarde Kalorien verdrückt. © dpa
24_burger
Und bei einem Kalorienverbrauch von 2000 am Tag könnte eine Frau 1370 Jahre von einer Milliarde Kalorien zehren. Oder 17 Frauen wären mit der geballten Eine-Milliarden-Energie ein Leben lang versorgt. © dpa
25_jupiter
ENTFERNUNG: Der Planet Jupiter ist etwa eine Milliarde Kilometer von unserer Erde entfernt. © dpa
26_jupiter
Zum Vergleich: Würde man 25 000 Mal um die Erde fahren, hätte man eine Milliarde Kilometer zurückgelegt. © dpa
27_hottsch
WETTEN, DASS...?: Wahre Wetten, dass..?-Fans träumen vielleicht davon, eine Milliarde Minuten den Witzen von Thomas Gottschalk zu folgen. © dpa
28_gottsch
Das entspricht etwa 6,7 Millionen Sendungen. Um sie alle anzuschauen, würde man 1902,5 Jahre benötigen. © dpa
29_zidane
FUSSBALLER: Welcher Fußball-Traum-Kader könnte man aus den teuersten Spielern der Welt für eine Milliarde Euro aufstellen? Den Spitzenrekord in Sachen Ablösesumme hält der französische Mittelfeldstürmer Zinédine Zidane, für den Real Madrid 2001 75 Millionen Euro hinlegte. © dpa
30_zidane
Man könnte sich 13-mal den Superkicker leisten und hätte eine komplette Elf plus zwei hochkarätige Ersatzspieler! © dpa

“Viele althergebrachte Privilegien der Pharmaindustrie sollten abgeschafft werden“, forderte Schwabe. Milliardensubventionen für die Pharmabranche seien weder ökonomisch noch gesundheitspolitisch zu vertreten. In Deutschland seien patentgeschützte Arzneimittel und Generika 30 bis mehrere hundert Prozent teurer als in anderen europäischen Ländern. “In diesem Markt stimmt etwas nicht.“ So sei der Preis für das Omeprazol-Generikum Omep zur Hemmung von Magensäure in Deutschland Anfang des Monats auf einen Schlag von 60 auf 43 Euro gesunken - in Schweden koste es aber nur 9 Euro. “Das ist kein Einzelfall“, sagte Schwabe.

Ärztevertreter Leonhard Hansen kritisierte mehrere Fälle besonders hoher Preise etwa bei der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. “Da sind alle Dämme gebrochen.“ Er warf der Pharmabranche vor, extrem teure neue Krebsmittel ohne Zusatznutzen auf den Markt gedrückt zu haben. “Für höchste Therapiekosten wurde die Lebenserwartung nicht um einen Tag verlängert.“ Hier sei Ernüchterung eingekehrt.

Seit 1993 seien die Umsätze der Patent-Arzneimittel von 1,6 auf 13,2 Milliarden Euro angestiegen, sagte Schwabe. Ärzte verordneten laut Report drei Prozent mehr als im Vorjahr. Die Mittel kosteten die Kassen 3,7 Prozent mehr. Vor drei Jahren seien erstmals Höchstbeträge für neue teure Mittel eingeführt worden, sagte Schwabe. “Geändert hat sich nichts.“ Hansen monierte, der “gigantische Aktionismus des Gesetzgebers“ der vergangenen Jahre habe ein absolut unbefriedigendes Ergebnis gebracht.

Die von der Koalition derzeit geplante Nutzenbewertung für die neuen, teuren Patent-Arzneimittel werteten die Experten positiv. Sie soll Grundlage für Rabattverhandlungen zwischen Kassen und Herstellern werden. Minister Philipp Rösler (FDP) habe den ersten Schritt getan, um den Markt in den kommenden Jahren zu normalisieren, sagte Mitherausgeber Dieter Paffrath, Chef der AOK Schleswig- Holstein.

AOK-Bundes-Chef Herbert Reichelt lobte den “Paradigmenwechsel“. Zugleich warnte er, den Fortschritt doch noch den Interessen der Pharmabranche zu opfern. Die Koalition hatte sich Klientel-Vorwürfe eingehandelt, weil sie die Kriterien für die Arzneiprüfung vom Rösler-Ressort aufstellen lassen will - nicht von einem unabhängigen Gremium, dem Gemeinsamen Bundesausschuss. Der Ausschuss-Vertreter Hansen versicherte: “Wir werden mit Argusaugen schauen, dass da nicht Klientel-Politik Eingang findet.“

CDU-Experte Jens Spahn versicherte: “Wir brechen endlich das Preismonopol der Pharmaindustrie. Mondpreise wird es künftig nicht mehr geben.“ SPD-Vizefraktionschefin Elke Ferner kritisierte in der ARD, die Koalition lasse die Hersteller die Preise zunächst weiter frei gestalten, bevor die neuen Rabattverhandlungen kämen. “Der Selbstbedienungsladen für Pharmakonzerne muss geschlossen werden“, forderte Kathrin Vogler von den Linken.

Die Pharmabranche übte heftige Kritik an dem Report, der auf 740 Millionen Verordnungen basiert. Die Geschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, nannte ihn wegen der Sparpläne “Schnee von gestern“. Die Niedrigpreise in Schweden rührten zudem auch von dort fehlender Mehrwertsteuer her. Der Geschäftsführer des Verbands der Pharmazeutischen Industrie, Henning Fahrenkamp, sagte, der Report übersehe die immensen Fortschritte etwa in der AIDS-Therapie.

dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Audi-Chef Stadler in U-Haft genommen - Nachfolge soll feststehen
Audi-Chef Stadler in U-Haft genommen - Nachfolge soll feststehen
Aldi Süd hat Swimming-Pool im Angebot - doch er hat einen großen Nachteil
Aldi Süd hat Swimming-Pool im Angebot - doch er hat einen großen Nachteil
Rückruf wegen Gesundheits-Gefahr: Tiefkühl-Riese Iglo warnt vor mehreren Produkten
Rückruf wegen Gesundheits-Gefahr: Tiefkühl-Riese Iglo warnt vor mehreren Produkten
Rewes WM-Tweet geht voll nach hinten los - Supermarkt-Kette löscht ihn zerknirscht wieder
Rewes WM-Tweet geht voll nach hinten los - Supermarkt-Kette löscht ihn zerknirscht wieder

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.