RWE-Chef: "Wir sind keine Kreuzritter der Kernenergie"

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RWE-Chef Jürgen Großmann

Berlin - RWE-Chef Jürgen Großmann warnt die Bundesregierung vor Schnellschüssen bei der Abschaltung von Kernkraftwerken.

Deutschland solle erst die EU-weiten Sicherheitstests abwarten und dann darüber entscheiden, sagte der 59-jährige Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Energieversorgers der Nachrichtenagentur dpa. Nach seinen Worten ist das Geld aus der Kernenergie für den Umbau der Energiewirtschaft dringend nötig.

Sie gelten vielen als eisernster Verfechter der Kernenergie - wie lebt es sich als Buhmann?

Jürgen Großmann: “Ich habe doch keine Kernkraftwerke gebaut. Die Gesellschaft wollte damals auch rein in die Kernenergie, daher müssen wir auch jetzt gemeinsam nach Lösungen suchen. Wie können wir einen Ausstieg finden, der die Schäden minimiert? Wir sind keine Kreuzritter der Kernenergie. Wir wollen für eine Volkswirtschaft wie die deutsche den besten Energiemix, sowohl was Preise als auch Versorgungssicherheit betrifft. Man darf nicht vergessen, der starke Zubau der erneuerbaren Energie erhöht zwar die Erzeugungskapazitäten, bringt aber wegen der schwankenden Produktion keine Erzeugungssicherheit.“

Warum kann RWE nicht einfach den Ausstieg bis 2020 akzeptieren?

Großmann: “Ich finde, wir sollten erst einmal die europäischen Sicherheitstests abwarten. Es wäre doch eine abstruse Vorstellung, wenn wir hier Kernkraftwerke abschalten, die EU-Standards erfüllen. Es ist erstaunlich, dass hier entschieden werden soll, bevor es einen Stresstest auf EU-Ebene gibt. Man darf nicht vergessen, dass in einem 120 Kilometer-Kordon um Deutschland herum mehr Kernkraftwerke sind als in Deutschland selbst. Wir brauchen auch das Geld aus der Kernenergie für den Umbau der Energiewirtschaft.“

Die Atomkraftwerke in Deutschland und Europa

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In Deutschland sind 17 Atomkraftwerke in Betrieb (Gesamtleistung 20 490 Megawatt) © dpa
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In Bayern stehen insgesamt fünf AKW: Hier das Atomkraftwerk in Gundremmingen. © dpa
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Hier die beiden Atomkraftwerke Isar 1 und 2 nahe Essenbach in Niederbayern. Der Reaktor Isar 1 steht seit Jahren in der Kritik. © dpa
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Hier das Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld bei Schweinfurt in Bayern. © dpa
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In Hessen stehen die beiden seit Jahren umstrittenen Atomkraftwerke Biblis A und Biblis B. Biblis A wurde im Jahr 1974 in Betrieb genommen und ist der älteste noch genutzte Reaktor. © dpa
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Niedersachsen zählt insgesamt drei Atomkraftwerke: hier das AKW in Grohnde an der Weser. © dpa
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Hier das Kernkraftwerk Emsland nahe Lingen in Niedersachsen. © dpa
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Das Kernkraftwerk Unterweser nahe Rodenkirchen in Niedersachsen. © dpa
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In Schleswig-Holstein sind insgesamt drei AKW am Netz. Hier das Kernkraftwerk Brokdorf. © dpa
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Hier das AKW Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. © dpa
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Das Kernkraftwerk in Krümmel (Schleswig-Holstein). © dpa
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In Baden-Württemberg sind insgesamt vier AKW am Netz. Hier die besonders umstrittenen Kraftwerke Neckarwestheim 1 und 2. © dpa
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Hier die Kraftwerke Philippsburg 1 und Philippsburg 2 in Baden-Württemberg. © dpa
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In Europa sind derzeit 195 Kernkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 170 Gigawatt am Netz (Stand Januar 2011). © dpa
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In Belgien sind sieben Atomkraftwerke in Betrieb (5 926 Megawatt) © dpa
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Finnland betreibt vier AKW (2 716 MW) © dpa
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In Frankreich sind 58 AKW in Betrieb mit einer Gesamtleistung von 63 130 MW (hier der Standort Cattenom) © dpa
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In Großbritannien gibt es 19 AKW (10 137 MW) © dpa
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Die Niederlande betreiben nur ein Atomkraftwerk (487 MW) © dpa
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32 Atomkraftwerke stehen in Russland (22 693 MW) © dpa
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In der Schweiz sind fünf AKW am Netz mit einer Gesamtleistung von 3 238 MW (hier der Standort Leibstadt) © dpa
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Vier Atomkraftwerke stehen in der Slowakei (1 792 MW) © dpa
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Nur ein Kraftwerk mit einer Gesamtleistung von 666 MW ist in Slowenien in Betrieb. © dpa
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In Bulgarien gibt es zwei AKW (1 906 MW) © dpa
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Acht Atomkraftwerke sind in Spanien am Netz (7 516 MW, hier Asco) © dpa
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In Tschechien werden sechs AKW betrieben (3 678 MW) © dpa
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Ungarn zählt vier Kraftwerke (1 889 MW) © dpa
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In der Ukraine sind 15 AKW mit einer Gesamtleistung von 13 107 MW am Netz (hier Tschernobyl, bei dem sich im Jahr 1986 ein Super-GAU ereignete) © dpa
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In Rumänien stehen zwei Atomkraftwerke (Gesamtleistung 1 300 MW) © dpa
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In Schweden sind zehn AKW am Netz (9 303 MW, hier der Standort Oskarshamm) © dpa

RWE könnte doch mehr auf Gaskraftwerke setzen, um die schwankende Produktion aus Wind- und Solarenergie auszugleichen.

Großmann: “Das muss sich aber lohnen. Mit Gaskraftwerken verdient man in Deutschland derzeit oft nur noch in den Wintermonaten zwischen 17 und 20 Uhr Geld. Wir werden in Deutschland mehr Gaskraftwerke laufen haben, aber nicht mit mehr Nutzungsstunden. Aber wir modernisieren derzeit unser Portfolio, um eines der modernsten in Europa zu bekommen. Wir haben in den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien und der Türkei Gas-, Kohle- und Windkraftprojekte mit einer Leistung von 14 000 Megawatt im Bau oder kurz vor Fertigstellung. Im Moment müssen wir bei weiteren Investitionen auf die Bremse treten, auch wegen der Unsicherheit in Deutschland.“

Ist es richtig, mit der Klage gegen die Biblis-Abschaltung und der Einstellung der Ökofondszahlungen auf Konfrontationskurs mit der Bundesregierung zu gehen?

Großmann: “Warum ist das ein Konfrontationskurs? Wenn der Staat handelt, braucht er eine rechtliche Grundlage. Selbst führende Juristen sagen, dass der Paragraf 19, Absatz 3 des Atomgesetzes kaum eine belastbare rechtliche Grundlage ist. Und der Fonds zum Ausbau der erneuerbaren Energien war ein Teil der Vereinbarung zur Laufzeitverlängerung. Die wird jetzt von der Politik deutlich infrage gestellt.“

Diese deutschen AKWs müssen sofort vom Netz

Die sieben ältesten deutschen Atomkaftwerke werden für drei Monate abgeschaltet. Bis zum 15. Juni sollen die Reaktoren umfassend auf ihre Sicherheit überprüft werden. Dabei handelt es sich um die folgenden AKWs: © dpa
Biblis A (Hessen) © dpa
Biblis B (Hessen) © dpa
Neckarwestheim 1 (Baden-Württemberg) © dpa
Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) © dpa
Isar 1 (Bayern) © dpa
Unterweser (Niedersachsen) © dpa
Philippsburg (Baden-Württemberg) © dpa

Fürchten Sie nicht, dass die Regierung nun erst recht eher kurze Restlaufzeiten in einem neuen Atomgesetz verfügen wird?

Großmann: “Die Politik handelt eigenständig. Ich sehe unser Handeln nicht als Risiko. Wir sind am Ende an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Was mich erstaunt, ist, wie viele Gedanken darauf verwendet werden, Schadensersatzforderungen zu vermeiden, statt auf die Energieversorgungsunternehmen zuzugehen und ein Paket zu schnüren, das den Schaden der Unternehmen von vornherein minimiert.“

Wie hoch ist denn der Schaden durch das Moratorium für Biblis?

Großmann: “Der Schaden resultiert daraus, dass der Strom aus Biblis bereits im Vorfeld verkauft worden ist zu niedrigeren Preisen, als wir ihn nun am Markt zurückkaufen können. Allein hierbei reden wir über einen dreistelligen Millionenbetrag.“

Ist es nicht schon klar, dass die acht abgeschalteten Anlagen nicht wieder ans Netz dürfen?

Großmann: “Jetzt warten wir mal die Überprüfungen ab. Aber die Frage ist, wo zieht man eine Trennlinie? Warum sollen die sieben ältesten Anlagen und eine neuere vom Netz gehen und die anderen nicht? Wir haben schließlich in Biblis Milliarden in die Sicherheit investiert. Wenn es so kommt, wie Sie vermuten, wird der Strompreis massiv steigen, die vorübergehende Abschaltung der acht Anlagen ist derzeit noch gar nicht vollständig in den Strompreis eingepreist.“

Am Mittwoch ist die RWE-Hauptversammlung. Fürchten Sie Ärger über Ihren Kurs in der Atompolitik?

Großmann: “Wir haben über 500 Millionen Aktien und tausende von Aktionären. Da ist doch klar, dass es auch unterschiedliche Meinungen gibt. Am Ende ergeben die Abstimmungen aber doch in der Regel ein sehr eindeutiges Ergebnis.“

Interview: Georg Ismar

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