tz-Interview

Armut in Deutschland wächst - das sagt ein Experte

München - Die Schere zwischen Armen und Reichen wird in Deutschland immer größer. Die tz hat mit Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, über die Entwicklung gesprochen.

Trotz brummender Wirtschaft und Rekordbeschäftigung ist Deutschland massiv von Armut betroffen – das zeigt der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die tz hat mit Ulrich Schneider, dem Geschäftsführer des Verbandes über Armut in einem reichen Land gesprochen.

Rekordbeschäftigung auf der einen Seite, eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich auf der anderen Seite. Wie geht das zusammen? 

Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes: Wir haben es mit einem amerikanisierten Arbeitsmarkt zu tun. Immer mehr Menschen sind im Niedriglohnsektor tätig, kurzzeitig arbeitslos oder in Teilzeit und Minijob. Die Statistik erfasst dabei nicht die Qualität der Arbeit oder das Einkommen, sondern nur die Beschäftigung an sich. Wir wissen also, dass viele Menschen in Arbeit sind, wir wissen aber nichts über ihre Lebenssitutation. Eine alleinerziehende Frau, die es gerade mal schafft halbtags zu arbeiten, und mit dem Geld nicht hinkommt, geht sie in die Statistik als Arbeitsmarkt-Erfolg ein – sie ist aber trotzdem arm. 

Welche Faktoren spielen eine besondere Rolle? 

Schneider: Einkommen und Vermögen konzentrieren sich sehr stark – und bei den Vermögen ist die Situation noch schlimmer. Die reichsten zehn Prozent vereinen über die Hälfte des gesamten Vermögens auf sich. Diese Vermögen werden – bedingt durch die demographische Entwicklung – auf immer mehr Kinder vererbt, so dass sich das Vermögen in Zukunft noch stärker konzentrieren wird. Auf der anderen Seite haben 70 Prozent der Bevölkerung kaum Erspartes und zehn Prozent sogar Schulden. So vererben sich Reichtum und auch Armut.

In Bayern ist die Lage leicht kritischer geworden … 

Schneider: Naja, die Armutsquote ist leicht angestiegen von 11,3 auf 11,5 Prozent. Bayern ist nach wie vor hinter Baden-Württemberg das Bundesland, das am wenigsten von Armut betroffen ist – und die Region München ist die mit der wenigsten Armut schlechthin in Deutschland. 

Ist Armut in einer teuren Region wie München ein anderer als in Regionen mit niedrigerer Lebenshaltung? 

Schneider: Nein, das gleicht sich aus. Viele sagen man könne Armut in Bayern nicht mit der in Gelsenkirchen vergleichen, weil man im Ruhrgebiet so viel billiger lebt. Das stimmt so nicht, weil arme Menschen nicht nach Durchschnittspreisen kaufen, sondern alle zu den gleichen Preisen beim Discounter. Bei den Mieten: Arme Menschen wohnen nicht zur Durchschnittsmiete, sie sind im teuren München längst an den Stadtrand gedrängt und wohnen in Behausungen, deren Miete weit unter dem Durchschnitt liegt. Von daher gleicht sich die Kaufkraft der Armen bundesweit immer weiter an. 

Welche Gruppen haben ein besonders hohes Armutsrisiko? 

Schneider: Das sind zum einen natürlich die Erwerbslosen, mit einer Quote von weit über 50 Prozent. Direkt danach folgen aber die Alleinerziehenden, auch hier ist fast jede Zweite einkommensarm. Weiter folgen kinderreiche Familien, Migranten und Menschen mit schlechtem Schulabschluss. 

Was ist mit den Rentnern? 

Schneider: Das ist eine völlig neue Entwicklung. Jahrlang waren sie unterdurchschnittlich von Armut betroffen – jetzt liegt ihr Armutsrisiko über dem Durchschnitt. 3,4 Millionen arme Menschen sind inzwischen Rentner. In den letzten Jahren ist die Armut bei den Senioren zehnmal so schnell gestiegen, wie im Rest der Bevölkerung. Dafür gibt es zwei Gründe. Viele, die vorher arbeitlos oder im Niedriglohnsektor tätig waren kommen jetzt ins Rentenalter. Gleichzeitig sinkt das Rentenniveau Jahr für Jahr – die Kombination dieser Faktoren führt zu einem deutlichen Anstieg der Altersarmut! 

Rubriklistenbild: © dpa

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