Sozialer Sprengstoff Wohnungsnot

Selbst Durchschnittsverdiener können Mieten nicht mehr aufbringen

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Alarmierende Zahlen zum gestrigen Wohnungsbautag: Laut Prognos-Studie können sich selbst Durchschnittsverdiener die Mieten in München und anderen deutschen Großstädten nicht mehr leisten!

Die sieben Verbände, die die Untersuchung in Auftrag gegeben haben, sehen dadurch den sozialen Frieden in Deutschland gefährdet. Extrem schwer tun sich Menschen mit ausländischen Namen auf dem Wohnungsmarkt, so das Ergebnis eines BR-Experiments. Die tz fasst die Informationen zusammen:

Was sind die Kernaussagen der Studie? „In vielen Orten können sich selbst Durchschnittsverdiener einen Umzug nicht mehr erlauben. Die Bezahlbarkeit von Wohnraum ist für mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine finanzielle Herausforderung“, so Robert Feiger, der Chef der Gewerkschaft IG Bau. Sie gehört zu den sieben Verbänden, die die Studie in Auftrag gegeben haben. „Die Hälfte aller deutschen Haushalte könnte sich eine aktuell erstellte Neubauwohnung nur leisten, wenn sie entweder deutlich mehr als die empfohlenen 35% des Einkommens für das Wohnen aufbringt oder wenn sie mit einer deutlich kleineren Wohnfläche auskommt“, so die Studie.

Wie kommt Prognos zu diesen Zahlen? Die Experten gehen davon aus, dass eine Familie gut ein Drittel des Haushaltseinkommens für die Warmmiete ausgibt. In Deutschland liegt das mittlere Haushaltseinkommen bei 2168 Euro, in München bei 2744 Euro. Die Experten rechnen vor, dass man sich mit diesem mittleren Einkommen im bundesweiten Durchschnitt eine Miete von 9,29 Euro pro Quadratmeter leisten könnte, in München sind es 11,76 Euro (siehe Tabelle unten). Die Tabelle zeigt zudem, wie sehr sich das Wohnen durch bürokratische Bauauflagen (feuerpolizeiliche, Energie etc.) verteuert. Prognos hat errechnet, wie viel günstiger die Mieten durch einfachere Bauweisen wären (erste Spalte der Tabelle):

Wie ist die Situation in München? „In München ist die Lage am Wohnungsmarkt mit Abstand am angespanntesten“, heißt es in der jüngsten Veröffentlichung. „Hier reicht das mittlere Einkommen rechnerisch lediglich für 54 Quadratmeter Wohnfläche“ – im Vergleich zu den 70 Quadratmetern, die man sich im bundesweiten Durchschnitt mit dem Durchschnittsgehalt leisten kann. „Angespannter Wohnungsmarkt“ bedeutet, dass sich besonders viele Bewerber um eine Wohnung streiten – im Klartext: dass es zu wenig Wohnungen gibt.

Warum wird nicht genug gebaut? In Deutschland wurden 2016 zwar 277.700 Wohnungen gebaut – mehr als seit zwölf Jahren –, doch nötig sind laut Bauwirtschaft, Bundesbauministerium und Mieterbund 350.000 bis 400.000. Gerade in Metropolen ist Bauland knapp, und zahlreiche Vorschriften, etwa zum Energiesparen, verzögern und verteuern laut Bundesarchitektenkammer neue Wohnungen. Und Handwerker kommen im Immobilienboom nicht mehr hinterher. In den ersten vier Monaten 2017 fiel zudem die Zahl der Baugenehmigungen um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Wen trifft’s besonders? Menschen mit arabisch oder türkisch klingenden Namen! BR und Spiegel hatten 20.000 Anfragen mit erfundenen deutschen und nicht-deutschen Profilen an private und gewerbliche Anbieter in zehn großen Städten geschickt. Erschreckend: Gerade in München haben Bewerber mit ausländischem Namen nur halb so große Chancen wie ein Deutscher, zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden. „Je angespannter der Wohnungsmarkt, desto größer das Risiko für Diskriminierung“, so dazu die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders.

Was sagen die Immobilienunternehmer zu den Vorwürfen? „In Deutschland gilt das Antidiskriminierungsgesetz. Daran halten sich die privaten Vermieter“, so Haus & Grund.

So sehr verteuern Bauauflagen die Miete und so viel Geld fehlt dem Mieter zur Idealwohnung

mögliche Kaltmiete ohne Bauauflagen

tatsächliche Kaltmiete (Standard)

Soviel kann der Durchschnnittsverdiener bezahlen (70 qm)

So viel fehlt dem Durchschnittsverdiener zur Miete (pro Quadratmeter)

Deutschland

7,64 Euro

9,70 Euro

9,29 Euro

0,41 Euro

Berlin

10,16 Euro

13,79 Euro

7,82 Euro

5,97 Euro

Düsseldorf

10,55 Euro

14,19 Euro

9,39 Euro

4,80 Euro

Frankfurt am Main

10,53 Euro

14,17 Euro

11,81 Euro

2,36 Euro

Hamburg

10,31 Euro

13,95 Euro

9,21 Euro

4,74 Euro

Köln

10,27 Euro

13,91 Euro

9,42 Euro

4,49 Euro

München

12,11 Euro

15,75 Euro

11,76 Euro

3,99 Euro

Stuttgart

11,88 Euro

15,51 Euro

11,34 Euro

4,17 Euro

KR

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