Schere zwischen Arm und Reich immer größer

Das sind die größten Risiken für die Welt

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Klaus Schwab (78), Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, ist in Sorge.

München -  Experten des Weltwirtschaftsforum schlagen Alarm. Es geht um geradezu existenzielle Gefahren – sozial, politisch, nicht zuletzt das Weltklima betreffend. Das sind die größten Herausforderungen.

Erholsam wird das 47. Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) im Graubündener Luftkurort Davos in diesem Winter weniger denn je: Im Report über globale Risiken 2017, den WEF-Präsident Klaus Schwab am Mittwoch in London vorstellte, schlagen 750 befragte Experten Alarm. Ihnen geht es nicht schmalspurig um internationale Wirtschaftsbeziehungen und das Wachstum, sondern um geradezu existenzielle Gefahren – sozial, politisch, nicht zuletzt das Weltklima betreffend. Die größten Herausforderungen:

Welche Gefahren im Bereich der Politik sieht das WEF? Mit Besorgnis nehmen die Experten den Aufstieg von Populisten zur Kenntnis. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist dafür der jüngste und ein möglicherweise folgenschwerer Beweis. Der Sieg des Immobilientycoons hat auch die WEF-Experten kalt erwischt – so wurde aus dem Phänomen Trump das Risiko Trump, wie das Handelsblatt schreibt. Die „America First“-Devise Trumps und seine Unberechenbarkeit werden im Report nun neben dem Brexit als größter Risikofaktor genannt. Zwei G7-Staaten schalten in den Rückwärtsgang! Sie sind nicht die einzigen: „Auf der ganzen Welt gibt es Beispiele einer heftigen Gegenbewegung gegen Teile des inländischen und internationalen Status quo.“ Konkret verweisen die Experten auf Brasilien, die Philippinen und die Türkei. Der Report betont auch die Gefahren durch „irreführende“ („postfaktische“) Aussagen in der Politik.

Wie schaden diese Entwicklungen der Wirtschaft? Die Polarisierung der Gesellschaften, die in den genannten Ländern bereits zu beobachten und weiter zu befürchten ist, bedroht den sozialen Zusammenhalt und die politische Stabilität. Beides sind aber Voraussetzungen für eine funktionierende Geschäftswelt. Schwächelt die Wirtschaft, verschlechtert sich die Lage der Menschen. Das schafft neuen sozialen Sprengstoff – die unselige Spirale dreht sich weiter.

Wie werden sich die Arbeits­welten entwickeln? Die Veränderungen durch Automatisierung der Jahre zwischen 1997 und 2007 geben darauf einen Vorgeschmack: In diesem Zeitraum sind 86 Prozent der Jobs in den US-Produktionsbetrieben verschwunden! In Zukunft sei die Hälfte der Arbeitsplätze in Gefahr. Künstliche Intelligenz und Robotik hielten große Chancen bereit, aber gleichzeitig die größten Gefahren.

Welche Rolle spielt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich? Schon seit zehn Jahren warnt das WEF vor den Folgen sozialer Ungleichheit. Von 1900 bis 1980 sei die Ungleichheit in den Industriestaaten gesunken. Zwischen 2009 und 2012 aber seien die Einkommen des einen Prozent der Reichsten um mehr als 31 Prozent angewachsen, während die restlichen 99 Prozent mit nur einem halben Prozent mehr abgespeist wurden! Wichtig seien nun Antworten darauf, wie die Teilhabe der Menschen am Wirtschaftswachstum verbessert werden und wachsender Nationalismus mit einer vielschichtigen Gesellschaft „versöhnt“ werden könne. Die Kluft zwischen Arm und Reich besteht nicht zuletzt zwischen den reichen Industriestaaten und den Entwicklungsländern – die in den kommenden Jahrzehnten die Zahl der Flüchtlinge noch steigern wird. Verstärkt wird diese Bewegung durch die Auswirkungen des Klimawandels etwa in Afrika.

Wie beurteilen die Experten den Kampf gegen den Klimawandel? Das Abkommen von Paris, das inzwischen von 110 Ländern unterzeichnet wurde, gab eigentlich Grund zu gedämpfter Hoffnung. Inzwischen hat sich das Tempo der Erderwärmung weiter beschleunigt. Emissionen müssen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduziert und bis zur Jahrhundertwende ganz beseitigt werden. Die Zuversicht, dass das mit aktuellen Regierungschefs wie Donald Trump geschafft werden kann, der nicht recht an den Klimawandel glaubt, wird geringer.

Welche Rettungsrezepte schlagen die Experten vor? Auf die großen Herausforderungen müssten Staatenlenker und Wirtschaftsbosse mit engerer Zusammenarbeit reagieren, heißt es im Welt-Risiko-Bericht. Das ist ein frommer Wunsch in einem Klima, das in vielen Ländern von Abschottung gekennzeichnet ist. „In erster Linie müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, das System weltweiter Kooperation zu schützen und zu stärken“, fordern die Autoren. Nur mit gemeinschaftlichem Handeln könnten Not und Unbeständigkeit im kommenden Jahrzehnt verhindert werden. „Das Jahr 2017 ist ein entscheidender Zeitpunkt für die Weltgemeinschaft“, warnt Schwab.

BW

tz-Stichwort: Weltwirtschaftsforum

Das Weltwirtschaftsforum (WEF), das heuer zum 47. Mal sein Jahrestreffen in Davos/Schweiz abhält, ist eine Stiftung. Ihr Gründer ist der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab, geboren in Ravensburg. Die unparteiische gemeinnützige Organisation hat Beobachterstatus beim Wirtschafts - und Sozialrat der UN. Ca. 1000 global tätige Mitgliedsunternehmen finanzieren das Forum. Zu den fünftägigen Treffen im Januar oder Februar kommen die Präsidenten der Mitgliedsfirmen sowie zahlreiche eingeladene Politiker und Vertreter von Wissenschaft, Nichtregierungsorganisationen, Religion und Medien.

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