Neuer Skandal: Fragen & Antworten

Wer kontrolliert eigentlich die Bio-Höfe?

München - Nach dem neuen Lebensmittelskandal um angebliche Bio-Eier erklärt die tz die Ausmaße des Skandals und sagt, wie die Kontrollen ablaufen sollten.

Ein weiterer Lebensmittelskandal erschüttert die Bundesrepublik! In Niedersachsen sollen in großem Stil Bio-Eier produziert worden sein, bei denen die gesetzlich vorgeschriebenen Öko-Standards nicht eingehalten wurden. Die Legehennen sollen in viel zu kleinen Ställen gehalten worden sein. Immerhin: Für die Verbraucher bestünde keine Gesundheitsgefahr. Trotzdem haben die Kunden mehr Geld für Bio-Eier ausgegeben, die dann gar keine waren. Die tz erklärt die Ausmaße des Skandals und sagt, wie die Kontrollen der Bio-Höfe ablaufen sollten.

Betrifft der Skandal nur wenige Erzeuger?

Nein. Betrügereien bei der Hühnerhaltung und der Eier-Kennzeichnung sind nach Angaben der Ermittler weit verbreitet. „Es scheint relativ flächendeckend Praxis gewesen zu sein“, analysiert der Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Roland Herrmann. Seine Behörde ermittelt gegen rund 100 Betriebe allein in Niedersachsen. Diese seien alle durchsucht worden. Auch in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Wie werden Bio-Betriebe denn überhaupt kontrolliert?

Prof. Stefan Dabbert, Agrarökonom und Rektor der Universität Hohenheim, erklärt im tz-Gespräch: „Jeder Bio-Betrieb wird jährlich kontrolliert. Darüber hinaus gibt es weitere Kontrollen – bis zu 20 Prozent zusätzlich. Die konzentrieren sich auf Fälle, die vermutlich mit besonderem Risiko behaftet sind.“ Das betrifft vor allem Höfe mit Großbeständen. „Die werden drei bis viermal im Jahr unangekündigt kontrolliert“, sagt Dabbert.

Wie läuft diese jährliche Kontrolle ab?

Dabbert weiter: „Einerseits werden die Bücher geprüft. In der Regel wird anhand von Checklisten auch die Produktion geprüft.“ Der Haken: Eine Kontrolle einmal im Jahr ist natürlich nur eine Stichprobe. Dabbert meint aber: „Gerade solche Größen wie die Auslauffläche werden dabei standardmäßig überprüft. Die Frage, wieviele Hühner jemand hält und wie groß die Ausläuffläche ist, ist recht banal und lässt sich vor Ort recht leicht überprüfen.“ Deshalb ist der Experte sehr erstaunt, dass solche Verstöße bei einer Bio-Kontrolle nicht aufgefallen sein sollten.

Werden diese Kontrollen staatlich durchgeführt?

Dabbert erklärt: „Das ist ein gemischtes System. Wir haben zuständige Behörden vor Ort und in Bonn die bundesweit zuständige Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Die lassen Kontrollstellen zu. In Deutschland gibt es derzeit etwa 22 solcher Kontrollbetriebe. Das sind private Firmen, die auf der Grundlage der EU-Öko-Verordnung, die Betriebe kontrollieren. Zu dieser EU-Verordnung gibt es ein deutsches Umsetzungsgesetz und dazu gibt es noch eine weitere deutsche Verordnung, die festlegt wie das alles von statten zu gehen hat.“

Geht dieser Kontrolleur auch wirklich in den Betrieb?

Dabbert: „Der Kontrolleur nimmt die Ställe in Augenschein und sieht den Betrieb. Dadurch haben wir mindestens eine Vor-Ort-Kontrolle pro Betrieb und Jahr.“ Grobe Verfehlungen müssten dabei auffallen.

Was passiert bei Verstößen?

Es kann zu Sanktionen gegen den Betrieb kommen. „Entweder ist eine Abmahnung fällig, oder sogar der Entzug des Bio-Siegels“, erklärt Dabbert. „Wenn der Verstoß strafrechtlich relevant ist, wird zusätzlich die Staatsanwaltschaft aktiv“, weiß Dabbert. Wenn die Staatsanwaltschaft erfährt, dass Produkte als Bio vermarktet werden, die nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, müsste sie eigentlich verhindern, dass weitere Produkte dieser Art vertrieben werden. Das ist im aktuellen Fall offenbar nicht geschehen.

Ist das die einzige Kontrolle?

Nein. „Wir haben auch noch die Futter- und Lebensmittelkontrollen“, erinnert Dabbert. Manche Verstöße gegen die Bio-Regeln sind durch solche Kontrollen aufgedeckt worden. So kann etwa in der Mühle auffallen, wenn ein Bio-Bauer konventionelle Futtermittel benutzt.

Was kann man bei diesen Kontrollen verbessern?

Der Berufsverband der Lebensmittelkontrolleure schlägt Alarm! „Wir haben ein Kontrollproblem, so kann der Bürger nicht ausreichend geschützt werden“, sagt Verbandschef Martin Müller der Welt. Teils sei ein Prüfer für 1200 Betriebe zuständig. „Dadurch können wir nicht den spürbaren Überwachungsdruck auf die Branche ausüben, der notwendig wäre.“

M. Kniepkamp

Lebensmittelskandale in Deutschland

Vergammelt, verseucht, falsch deklariert - Lebensmittelskandale haben Verbraucher in Deutschland schon mehrfach verunsichert. © dpa
März 2013: 10 000 Tonnen vergifteter Mais wurden zu Tierfutter verarbeitet. Allein in Niedersachsen sind mehr als 3500 Bauernhöfe beliefert worden. © dpa
Februar 2013: Millionen Eier aus Freiland- und Bodenhaltung sowie von Bio-Betrieben wurden als angebliche Bio-Eier verkauft, obwohl die Legehennen nicht vorschriftsgemäß gehalten. © dpa
Januar 2013: In mehreren europäischen Ländern wird in Supermarktprodukten neben dem angegebenen Rindfleisch auch Pferdefleisch gefunden. Mitte Februar tauchen auch in Deutschland Fertiggerichte mit falsch deklariertem Fleisch auf. © dpa
2012: Nach dem von Behörden verhängten Produktionsstopp in einer Brotfabrik bei München meldet die Bäckereikette Müller-Brot Insolvenz an. Kontrolleure fanden wiederholt Mäusekot und Speisereste von früheren Produktionen in Maschinen der Bäckerei. © dpa
2011: In Deutschland sterben rund 40 Menschen an den Folgen des gefährlichen EHEC-Darmkeims. Die Behörden warnen vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate. Später stellt sich heraus: EHEC war von belasteten Sprossen aus Ägypten ausgelöst worden. © dpa
2010: Mit Dioxin belastetes Bio-Futtermittel eines niederländischen Herstellers wird in elf Bundesländer geliefert. Vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden viele Biohöfe gesperrt. © dpa
2008: Vergammelter Mozzarella aus Italien landet auch auf deutschen Käsetheken. Insgesamt sollen rund 11 000 Tonnen des mit Würmern und Mäusekot verunreinigten Käses europaweit als frische Ware in Supermärkten angeboten worden sein. © dpa
Lebensmittelskandale in Deutschland
2005: Mindestens 50 Betriebe und Lager in mehreren Bundesländern sind in Geschäfte mit verdorbenem Fleisch verwickelt. Große Mengen wurden zu Döner, Bratwurst und Geflügelnuggets verarbeitet. Besonderes Aufsehen erregte ein Unternehmer aus dem bayerischen Deggendorf: Er importierte tonnenweise Schlachtabfälle aus der Schweiz, deklarierte sie um und verkaufte sie an Lebensmittelproduzenten im In- und Ausland. © dpa
2005: In zwei Filialen einer Supermarktkette werden bei Hannover Mitarbeiter beim Manipulieren von Fleischverpackungen ertappt. Sie hatten Hackfleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum neu verpackt und so das Verfallsdatum verlängert. Mitarbeiter und Kunden anderer Supermärkte melden sich mit ähnlichen Vorwürfen. © dpa
2001: Mit dem in der EU verbotenen Antibiotikum Chloramphenicol belastete Shrimps aus Asien gelangen über die Niederlande nach Deutschland. Die EU beschließt, die Einfuhr von Shrimps, Geflügel, Honig und Kaninchenfleisch aus China zu verbieten. © dpa
1997: Ein Skandal um illegale Rindfleisch-Importe aus Großbritannien verunsichert die Verbraucher. Aus Angst vor der Rinderseuche BSE werden in Deutschland Tausende Tiere getötet, der Konsum von Rindfleisch geht drastisch zurück. Als Auslöser der Krankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl und Tierfett, die 2001 europaweit verboten wird. © dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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